merken
PLUS Politik

Sind ostdeutsche Frauen wirklich emanzipierter?

Sachsen tickt anders. Ist das eine Chance? Die Dresdnerin Manuela Queitsch über Frausein in der DDR und heute und ihr nicht immer leichtes Berufsleben.

Sternchen nutzt sie nicht, verfolgt aber die Diskussion mit Interesse: Die Dresdnerin Manuela Queitsch, 63, auf dem Robotron-Gelände in Dresden.
Sternchen nutzt sie nicht, verfolgt aber die Diskussion mit Interesse: Die Dresdnerin Manuela Queitsch, 63, auf dem Robotron-Gelände in Dresden. © Matthias Rietschel

Wenn ich zu DDR-Zeiten gefragt wurde, was ich beruflich mache, habe ich natürlich gesagt: „Ich bin Ingenieur.“ Irgendwann nach der Wende begann ich, mich als „Ingenieurin“ zu bezeichnen. Es hat lange gedauert, bis es selbstverständlich war.

Manche Menschen finden das nicht wichtig oder sogar lächerlich. Kürzlich habe ich mich mit einer Berufskollegin unterhalten. Sie meinte, sie ist Ingenieur, die beiden Buchstaben am Ende seien ihr egal. Ich sehe das anders. Ich bin eine Frau mit einem technischen Beruf und einer Ausbildung, auf die ich stolz bin. Ich möchte, dass das wahrgenommen wird. Die jungen Frauen müssen sehen, dass es Ingenieurinnen, Professorinnen oder Mechatronikerinnen gibt. Sie brauchen dringend weibliche Vorbilder. Nicht nur Influencerinnen, die Tipps zu Fitness und Kosmetik geben.

Anzeige
Banksy erobert Dresden
Banksy erobert Dresden

Die Ausstellung „The Mystery of Banksy – A Genius Mind“ gibt einen umfassenden Überblick und Einblick in das Gesamtwerk des Genies und Ausnahmekünstlers.

Ich bin Jahrgang 1958 und lebe seit meiner Geburt in Dresden. Mein Vorbild war meine Großmutter: Sie managte den Schuhmacherladen meines Großvaters und hielt die Familie zusammen. Inspiriert hat mich zudem meine Mutter. Sie war Verkäuferin, machte aber neben Beruf und Familie eine Ausbildung zur Lohnbuchhalterin. Meine Eltern haben mir vorgelebt, wie wichtig es ist, sich zu bilden.

Ich höre noch, wie sie sagen: „Was man im Kopf hat, kann einem niemand nehmen.“ Meine Lieblingsfächer waren Mathe, Chemie und Sprachen. Ich habe es kaum gemerkt, aber meine Eltern haben es gefördert, dass ich in eine technische Richtung gehe. Auch, weil die technischen Berufe eine gewisse Ideologiefreiheit mit sich brachten. Sie haben mich bestärkt, als ich mit 14 anfing, in den Ferien im Schreibmaschinenwerk zu arbeiten, wo auch meine Mutter tätig war.

Mein kleines Kind hat bei der Bewerbung niemanden interessiert

Aufgewachsen bin ich in dem Bewusstsein, dass Mädchen jeden Beruf ergreifen können, den sie wollen, und dass sie ihn auch ausüben können, wenn sie Familie haben. Der DDR-Staat hat sich ziemlich bemüht, Frauen in die volle Berufstätigkeit zu locken. Wir hatten Produktionsunterricht und lernten dabei Betriebe kennen. An unsere Schule kamen regelmäßig Berufsberater. Einmal war jemand von der Technischen Universität Dresden da. Er erzählte uns von der Werkstoffwissenschaft. Ich war fasziniert über diesen Umgang mit verschiedenen Materialien, der Kenntnisse aus Chemie und Physik erfordert.

1976 begann ich mit dem Studium in Dresden. Am Ende des ersten Studienjahres kam meine Tochter zur Welt. Nach einigem Nachfragen bei der Stadt bekam ich rasch einen Krippenplatz. Ich musste meine Tochter um 6 Uhr abgeben, um pünktlich bei den Vorlesungen zu sein, aber dank der Hilfe meines Mannes und meiner Familie ging es. Wenn das Kind krank war, machte mir meine Seminargruppe Abschriften der Vorlesungen.

Nach meinem Diplomabschluss habe ich mich bei Robotron beworben. Beim Bewerbungsgespräch hat es niemanden interessiert, dass ich ein kleines Kind habe. Außer der Qualifikation wollten sie nur wissen, ob ich Westverwandte habe. Die Arbeit habe ich geliebt, ich hatte eine gewisse Verantwortung. Wir haben die Materialien für Speichermedien von Festplattenspeichern erforscht. Dann bekam ich mein zweites Kind. Als ich zurückkehrte, hatte jemand anders meine Stelle, ein Mann. Ich fand das ungerecht. Ich war hoch qualifiziert und arbeitete nur noch als Laborantin.

Ich habe mich als gleichberechtigte Frau gefühlt

In Bezug auf Familienpolitik und Gleichstellung war die DDR dennoch ziemlich weit, finde ich. Das betraf die Kinderbetreuung, aber ebenso den Umgang mit der Abtreibung, der es ermöglichte, innerhalb der ersten drei Monate frei zu entscheiden. Andererseits war es schon so, dass die Frauen mehr belastet waren als die Männer. Ich weiß nicht, wie ich so vieles gleichzeitig geschafft habe. Auch das viele Anstehen nach Lebensmitteln und Kleidung fraß Zeit und Nerven. Das kann man sich heute, in dieser Zeit des Überflusses, kaum noch vorstellen.

Nach dem dritten Kind wollte ich gern eine Weile verkürzt arbeiten, das ging aber bei Robotron nicht. So suchte ich mir eine neue Stelle und landete in der Universitätsbibliothek. Dort bin ich heute noch beschäftigt, an der heutigen Slub Dresden als Fachreferentin für Psychologie und Landwirtschaft. Ich habe neben Beruf, Hausarbeit und Familie zwei Zusatzstudien absolviert. Erst als Fachübersetzerin für Englisch und nach der Wiedervereinigung noch Bibliothekswissenschaften.

Frauen und Männer, Ost und West. Die Fakten:

In Ostdeutschland waren 1989 kurz vor der Wende 91 Prozent der Frauen berufstätig, im Westen 51 Prozent. Auch die Frauen in der DDR arbeiteten mehrheitlich in klassischen Frauenberufen wie Erziehung und Gesundheit. 62 Prozent der DDR-Frauen arbeiteten 1989 täglich zwei bis vier Stunden im Haushalt, 53 Prozent der Männer bis zu eine Stunde. (1/6)

Die Erwerbsquoten von Frauen in Ost- und Westdeutschland haben sich angenähert und liegen bei etwas über 70 Prozent. Im Westen Deutschlands arbeiten 48,6 Prozent der Frauen in Teilzeit, im Osten 34,7 Prozent. (2/6)

Immer mehr Väter nehmen Erziehungszeit und beziehen Elterngeld. Spitzenreiter sind die sächsischen Väter mit einem Anteil von 30 Prozent. Allerdings nehmen die Väter bundesweit im Schnitt nur 3,7 Monate Erziehungszeit, die Mütter 14,5 Monate. (3/6)

Frauen leisten mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. In Ostdeutschland bringen Frauen für Hausarbeit und die Betreuung von Kindern und Pflegebedürftigen täglich 4 Stunden und 5 Minuten auf (Westen: 4:15), Männer 2 Stunden und 59 Minuten (Westen: 2:42). (4/6)

Frauen haben weniger Rente: In Westdeutschland beziehen Frauen 58 Prozent weniger Rente als Männer, im Osten 28 Prozent weniger. (5/6)

Frauenanteil in Parlamenten: In Schweden 47 Prozent, im Deutschen Bundestag 31, im Sächsischen Landtag rund 28 und in Ungarn 12 Prozent. (6/6)

1 / 6

Ich habe mich in der DDR als gleichberechtigte Frau gefühlt und zugleich die Beschränkungen dieses Systems empfunden. Ich wollte nicht in die Partei eintreten müssen, um mich beruflich entwickeln zu können. Die Wende hat vieles verändert. Das Schreibmaschinenwerk machte zu, und meine Mutter wurde, wie viele andere, mit nur 57 Jahren Vorruheständlerin. Sie machte das Beste daraus. Wir haben jedoch nie diskutiert, was das bedeutete für sie, für ihr Selbstwertgefühl. Ich war 31, jung. Für mich war die Zeit damals unsicher, aber spannend und voller neuer Möglichkeiten. Beruflich konnte ich nun reisen und mich in neue Gebiete einarbeiten. Die Zeit war auch verletzend, weil die Erfahrungen der DDR und der DDR-Frauen zunächst nicht anerkannt und nicht als Bereicherung empfunden wurden.

Ich bin viel kämpferischer und mutiger

Seit Anfang der 90er-Jahre engagiere ich mich ehrenamtlich im Deutschen Akademikerinnenbund, dessen Vorsitzende ich inzwischen bin. Im Verband sind viele Technikerinnen und Naturwissenschaftlerinnen. Dadurch hatten wir eine sehr sachliche Basis, um miteinander zu reden. Da gab es kaum ideologische Auseinandersetzungen und Schuldzuweisungen, anders als im gesellschaftlichen Diskurs.

Die voll berufstätigen Kolleginnen aus dem Westen hatten meist keine oder spät Kinder. Sie fanden es inspirierend, wie das funktioniert hatte bei uns, Arbeit und Familie zu vereinbaren, und fragten viel danach. Ich als Ostfrau fand es interessant zu lernen, wie man in der Öffentlichkeit redet, Netzwerke bildet und gemeinsam versucht, politisch etwas zu erreichen.

Heute bin ich viel kämpferischer und mutiger, und ich denke viel mehr nach über mein Frauenleben in der DDR und das heute. Ich finde, wir haben uns im Osten diese Selbstverständlichkeit bewahrt, dass man auch mit kleinen Kindern weiterarbeiten kann. Das ist längst nicht überall so, auch wenn sich schon viel bewegt hat in den vergangenen dreißig Jahren. Eine meiner Töchter hat in einer westdeutschen Stadt studiert und ist früh Mutter geworden. Sie hatte keine Mühe, eine gute Betreuung zu finden. Ich kenne jedoch auch eine junge Wissenschaftlerin aus Baden-Württemberg mit zwei kleinen Kindern, die teilt sich mit anderen Eltern ihres Dorfes die Betreuung, weil es keine anderen Angebote gibt.

Ich bin stolz

Ich finde, wir brauchen mehr Frauen in technischen Berufen und in verantwortlichen Positionen. Es reicht nicht, zu warten, dass sich die Frauen irgendwann durchsetzen; wir brauchen eine Quote. Mit Interesse verfolge ich die wichtige Diskussion um die Gendersprache. Sternchen nutze ich nicht, sage aber seit vielen Jahren „Liebe Kolleginnen und Kollegen“. Es stört mich, wenn jemand nur von „Kollegen“ spricht und in Richtung der Frauen hinzufügt: „Ihr seid auch gemeint“.

Ich bin stolz, dass meine Enkelin selbstbewusst sagt: „Ich werde Mechatronikerin“. Meine Töchter und die Enkelinnen sagen mir übrigens manchmal, dass sie mich als Vorbild empfinden, als Mutter, Frau und Mensch. Und das freut mich sehr.

Notiert von Christina Wittig-Tausch

Worüber wie reden sollten

  • Ein Schlüssel sind die jungen Männer
    Ich wünsche mir gerechte Chancen für Frauen und Männer, Alt und Jung, in Stadt und Land. Dazu braucht es überall, wo Entscheidungen fallen, eine paritätische Verteilung von Sitz und Stimme. Gleichwertige Tätigkeiten gleich zu entlohnen, ist überfällig. Es ist okay, Frauen für die gut bezahlten MINT-Berufe zu begeistern, aber wer macht dann die Arbeit in den sozialen Bereichen? Wie wichtig das ist, hat die Pandemie gezeigt. Es ist Zeit für Konsequenzen: Mehr Anerkennung, deutlich mehr Geld, bessere Arbeitsbedingungen und einen Werbefeldzug in Schulen, Medien und Politik, um auch junge Männer dafür zu gewinnen.
    Monika Michael, Präsidentin Sächsischer Landfrauenverband


  • Macht das Netz frauenfreundlich
    Wir müssen dringend über Frauen und Digitalisierung reden. Eine neue Studie zeigt, dass Frauen sich oft nicht für kompetent halten und digitale Berufe nicht ergreifen, obwohl sie genauso fähig sind wie Männer. Es fehlt an Vorbildern. Erzieherinnen, Lehrerinnen und Hochschulmitarbeiterinnen müssen entsprechend weitergebildet werden. Und wir müssen über die vielen Formen von Sexismus und Belästigung im Netz sprechen und dagegen kämpfen.
    Susanne Köhler, Vorsitzende Landesfrauenrat Sachsen e. V.


  • Ehegattensplitting? Weg damit!
    Eine Arbeitswelt, die aus der Zeit der Industrialisierung kommt und von Männern für Männer gemacht ist, ist weit entfernt von Gleichberechtigung, Chancengleichheit und Nachhaltigkeit. Ist ein Acht-Stunden-Tag zeitgemäß, wenn vorrangig Frauen in Teilzeit arbeiten und spätestens bei der Rente benachteiligt sind? Es sollte Anreize für Firmen geben, neue Arbeitszeitmodelle oder geteilte Führungspositionen auszuprobieren. Nur, weil etwas schon immer so war, muss es nicht immer so bleiben. Dies betrifft auch das Ehegattensplitting, weg damit!
    Romina Stawowy, Herausgeberin des Dresdner Magazins femMit


  • Alleinerziehende vom Bürokratiestress befreien
    Alleinerziehende sind in vielen Punkten benachteiligt. Für sie ist es mühsam, sich durch den Antragsdschungel zu kämpfen, um drei oder vier parallel mögliche Unterstützungen zu beantragen. Da die jeweiligen Beträge in die anderen Berechnungen einfließen, kommt es oft zu Verzögerungen. Manche der Anträge müssen halbjährlich gestellt werden. Das kostet Kraft und wird oft als demütigend empfunden. Alleinerziehende müssten stärker steuerlich entlastet werden. Sie sind besonders häufig von Armut bedroht. Deshalb würden wir uns eine Verkürzung der Arbeitszeit von Alleinerziehenden bei vollem Lohnausgleich wünschen.
    Margit Winkelmann, Frauenförderwerk Dresden

Weiterführende Artikel

Werden die Ostdeutschen unterschätzt?

Werden die Ostdeutschen unterschätzt?

Zum Auftakt der großen Serie "Sachsen sind anders? Machen wir was draus!": Die Autorin Cerstin Gammelin fragt, was der Westen vom Osten lernen könnte.

Und was denken Sie? Was wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft in Bezug auf Frauen? Was lief im Osten da nicht nur anders? Kann man vom Osten lernen? Schreiben Sie uns gern an: [email protected] oder Sächsische Zeitung, Leserservice, 01055 Dresden

Mehr zum Thema Politik