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Partner mit Behinderung gesucht

Menschen mit Behinderung haben es oft schwer bei der Partnersuche. Die „Herzenssache“ will Singles in Sachsen miteinander vernetzen.

In den Beratungsgesprächen der Partnervermittlung „Herzenssache“ sollen die Singles auch lernen, die Nutzeroberfläche der Plattform selbst zu nutzen.
In den Beratungsgesprächen der Partnervermittlung „Herzenssache“ sollen die Singles auch lernen, die Nutzeroberfläche der Plattform selbst zu nutzen. © 123rf

Dresden. Wenn es mit der Liebe gerade nicht klappt, dann versuchen es viele bei Partnervermittlungen und Singlebörsen. Doch Menschen mit Behinderung, die sich eine Beziehung wünschen, können derartige Angebote oft nicht nutzen. „Für Apps wie Tinder muss man lesen und schreiben können“, erklärt Sexualpädagoge Paul Berthold vom Verband pro familia in Dresden.

Außerdem würden sie sich oft einen Partner wünschen, der ebenfalls eine Behinderung hat. „Sie wollen jemanden, dem sie ihre Einschränkungen nicht andauernd erklären müssen, sondern der sie selbst nachvollziehen kann.“ Weil es ihnen aber an Kontaktmöglichkeiten fehlt, haben sie laut Berthold häufig Probleme, einen passenden Partner zu finden. Herzenssache – eine Partnervermittlung speziell für Menschen mit Behinderung – will das ändern.

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An 13 Standorten in Sachsen sollen sie in Zukunft die Möglichkeit haben, sich bei der Suche nach einem Partner unterstützen zu lassen. Derzeit ist Herzenssache bereits in Leipzig, Chemnitz, Dresden, Zwickau und Plauen vertreten. Das Konzept funktioniert wie folgt: In Erstgesprächen mit Betreuern sollen die Interessenten herausfinden, was sie mögen und wen sie anziehend finden.

„Ein paar Schmetterlinge im Bauch waren auch dabei“

Das zu beantworten, ist gar nicht so leicht. „Menschen mit einer Behinderung können oft beispielsweise mit dem Wort Hobby gar nichts anfangen. Betreuer können dann erklären, dass das die Dinge sind, die man gern in seiner Freizeit tut“, so Paul Berthold. Die Angaben werden in eine Datenbank aufgenommen. Wenn die Betreuer das Gefühl haben, dass zwei Suchende gut zueinander passen würden, schlagen sie den beiden vor, sich zu treffen.

Karoline Burger und Clara Prokein haben bereits über 30 Erstgespräche geführt. Seit September 2019 betreuen sie den Standort in Leipzig, damals noch unter dem Namen Schatzkiste. Zu einem Date ist es bisher allerdings erst einmal gekommen. Es war laut Prokein erfolgreich: „Das erste Treffen am See war für beide sehr schön und könne nach eigenen Aussagen gern wiederholt werden. Ein paar Schmetterlinge im Bauch waren wohl auch dabei.“ Es bestehe weiter Mail-Kontakt.

Das Beispiel zeigt aber auch, wie schwer selbstbestimmte Liebe sein kann, wenn man auf andere Menschen angewiesen ist. „Beide kommunizieren teilweise mit Lautsprache und Sprachcomputern und werden von Assistenten unterstützt. Die Sprachcomputer, die mit den Augen gesteuert werden, sind die einzige Möglichkeit, ohne Hilfe Kontakt per Mail zu halten“, so Prokein. Das sei wichtig, schließlich wolle man ja auch private Nachrichten austauschen, ohne dass sie immer jemand mitliest. Laut der Betreuerin wird gerade ein weiteres Date geplant. „Es wird wohl wieder ein Spaziergang. Mehr geht ja grade leider nicht.“

Frauen mit Behinderung sind oft von Missbrauch betroffen

Die Zahl von Männern und Frauen, die sich bei der Partnervermittlung anmelden, ist derzeit allerdings nicht ausgeglichen. „Es herrscht ein großer Überschuss an Männern. Und von ihnen haben einige dann auch nicht ganz realistische Vorstellungen“, erklärt Berthold. Beispielsweise würden sich manche Männer eine Frau wünschen, die aussehen solle wie die Models in der Fernsehwerbung. „Wir müssen dann halt erklären, dass wir eine Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung sind, die einen Partner wollen, der ebenfalls eine Behinderung hat“, sagt Berthold. Ein Grund für den Mangel an Frauen sei, dass viele Eltern ihren Töchtern nicht erlaubten, sich bei einer Partnervermittlung anzumelden. Berthold erklärt: „Angehörige von Frauen mit Behinderung haben häufig die Angst, dass diese bei Treffen mit einem Mann schwanger werden könnten. Das entspricht jedoch nicht der Realität.“ Allerdings seien auch viele Frauen aufgrund von sexualisierter Gewalt traumatisiert. Karoline Burger bestätigt: „Frauen mit Beeinträchtigungen werden bis zu dreimal häufiger Opfer von solchen Übergriffen. Missbrauch kommt also wirklich enorm oft vor.“

Damit sich in Zukunft mehr Frauen trauen, sich anzumelden, werden Besuche in Wohnheimen und Werkstätten durchgeführt. „Wir sprechen dort mit ihnen über Sexualität und Partnerschaft“, sagt Berthold. Er gehört zum Projekt Melisse von pro familia, das sich für die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Menschen mit Behinderung einsetzt.

Damit sich jeder sicher fühlen kann, werden die Treffen auf Wunsch ebenfalls begleitet. Laut Clara Prokein stellen sich Menschen mit und ohne Behinderung vor ersten Dates die gleichen Fragen. „Was, wenn ich nichts zu reden habe oder die Person mich nicht mag“, nennt sie Beispiele. Prokein versucht dann, vor dem Treffen durch ein Gespräch, ein wenig die Angst zu nehmen.

Von der Schatzkiste zur Herzenssache

Früher war die Partnervermittlung Herzenssache unter dem Namen Schatzkiste aktiv. Grund für die Namensänderung ist die Umstellung auf die neue, in Würzburg entwickelte Software. „Sie gewährleistet einen besseren Datenschutz und fragt weniger die Behinderung, sondern mehr die Vorlieben und Hobbys ab“, sagt Berthold. Bis Ende Mai übertragen die Standorte in Sachsen ihre Daten von der alten in die neue Software. Sie sollen auch mit einem Laptop ausgestattet werden, damit die Menschen mit Behinderung selbst übenkönnen, wie sie die neue Oberfläche nutzen. Aufgrund der Corona-Pandemie sind derzeit allerdings leider keine Erstgespräche möglich.

Für die Zukunft wünscht sich Berthold, dass an mehr Standorten eine sogenannte Peer-Beratung durchgeführt werden kann. Das bedeutet, dass die Aufnahmegespräche von Menschen betreut werden, die ebenfalls eine Behinderung haben. Bislang gibt es das erst in Dresden. Außerdem werden noch Mitstreiter aus den Landkreisen Nordsachsen, Leipzig, Mittelsachsen, Meißen, Sächsische Schweiz/ Osterzgebirge, Bautzen und Görlitz gesucht.

Das Projekt Melisse

Seit April 2019 gibt es bei der pro familia die „Koordinierungs- und Vernetzungsstelle für die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Menschen, die behindert werden“. Weil dieser Name sehr kompliziert ist, wird sie auch als Projekt Melisse bezeichnet.

Die Melisse ist eine Pflanze und steht abgekürzt auch für: Meine Liebe und selbstbestimmte Sexualität.

Das Projekt arbeitet sachsenweit mit Standorten in Dresden und Leipzig.

Ziel ist es, Menschen mit Behinderung rund um die Themen Liebe, Partnerschaft und Sexualität aufzuklären und zu beraten. Dafür bieten die Mitarbeiter Sprechstunden an.

Die Sprechstunden sind vertraulich. Auch Eltern und Betreuer erfahren ihren Inhalt nicht. Außerdem organisiert das Team Veranstaltungen rund um die Themen Liebe, Sexualität und Partnerschaft, sexuelle Selbstbestim- mung und zur sexualpädagogischen Konzeption von Einrichtungen.

Kontakt: Strehlener Straße 12-14; 01069 Dresden, 1 0351/21093846 E-Mail: [email protected] oder online auf der Webseite der pro familia.

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