merken
PLUS Sachsen

So geht der Prozess gegen Lina E. weiter

Am Dienstag geht der Prozess gegen die mutmaßliche Linksextremistin weiter. Dann wird auch ein früherer NPD-Politiker aus Leipzig vor Gericht aussagen.

Seit Anfang September wird gegen die mutmaßliche Linksextremistin Lina E. sowie drei weitere Mitangeklagte in Dresden verhandelt - unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und gefährlicher Körperverletzung.
Seit Anfang September wird gegen die mutmaßliche Linksextremistin Lina E. sowie drei weitere Mitangeklagte in Dresden verhandelt - unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und gefährlicher Körperverletzung. © dpa/Sebastian Kahnert

Die ersten vier Verhandlungstage im Prozess gegen eine vermeintliche militant-linksextreme Gewaltgruppe um die Hauptangeklagte Lina E. aus Leipzig wurden überschattet von Verteidiger-Kritik an dem Verfahren und den ersten Zeugen der beginnenden Beweisaufnahme.

Seit Mittwoch, 8. September, müssen sich vier Angeklagte im Alter von 26 bis 32 Jahren vor dem Oberlandesgericht Dresden unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Ab dem Jahr 2018 sollen sie unter anderem in Leipzig und Eisenach sechs Überfälle auf bekannte Rechtsextremisten und solche, die sie dafür hielten, begangen haben. Mehrere der rund ein Dutzend Opfer wurden dabei zum Teil schwer, wenn nicht sogar lebensbedrohlich verletzt. Nach Ansicht der Generalbundesanwaltschaft sollen die Angeklagten das Gewaltmonopol des Staates nicht akzeptiert haben.

ECHT.SCHÖN.HIER
Sachsen entdecken und erleben
Sachsen entdecken und erleben

Lernen Sie unbekannte Orte der Region kennen - wir geben Ihnen Insidertipps um die Heimat neu zu erkunden und lieben zu lernen.

Als einer der ersten Zeugen wollte das Gericht am zweiten Sitzungstag den früheren Leipziger NPD-Stadtrat Enrico B. vernehmen, der im Oktober 2018 nachts vor seinem Haus überfallen worden war. Da mehrere Verteidiger den Geschädigten aufgrund dessen zahlreicher Vorstrafen und Strafverfahren, unter anderem wegen Falschaussage, für nicht glaubwürdig hielten, wurde B. wieder nach Hause geschickt. Seine Vernehmung ist nun am Mittwoch dieser Woche geplant.

Spontaner Überfall auf Kanalarbeiter in Connewitz

Etwas aus der Reihe der übrigen Tatvorwürfe fällt der Angriff auf einen 34-jährigen Kanalarbeiter an einem Vormittag Anfang Januar 2019 im alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz. Während andere Geschädigte zuvor aufwändig ausgespäht worden sein sollen, muss es sich nach allem, was bislang bekannt ist, in diesem Fall um einen spontanen Überfall gehandelt haben. Der Arbeiter hatte erst am Morgen des Tattages erfahren, wohin ihn seine Route führen und mit wem er zusammen unterwegs sein würde.

Er soll von Lina E. und weiteren Angeklagten gegen 11 Uhr auf offener Straße massiv zusammengeschlagen worden sein. Während E. einen Arbeitskollegen des Geschädigten mit Reizgas in Schach hielt, so der Vorwurf, sei der 34-Jährige von mindestens vier mit Sturmhauben vermummten Männern zusammengeschlagen worden. Er erlitt mehrfache Schädelbrüche, wurde mit massiven Verletzungen in eine Klinik gebracht.

Vergangene Woche berichtete das Opfer, dass er sich die Tat bis heute nicht erklären könne. Er habe eine Mütze von "Greifvogel Wear" getragen. Dass es sich dabei um ein bei Rechtsextremen beliebtes Modelabel handle, habe er nicht gewusst. Er habe die Kopfbedeckung von einem Kumpel geschenkt bekommen, seine Frau habe sie ihm an dem Tag mitgegeben, weil es kalt gewesen sei. Er berichtete, dass er erst wenige Wochen für die Firma gearbeitet habe. Mit seinem Kollegen war er an dem Tag das erste Mal gemeinsam unterwegs.

"Bleib ruhig, von dir wollen wir nichts"

Der 34-Jährige sagte aus, dass er als Jugendlicher der rechten Szene angehört habe, auch wegen Körperverletzung und Verwendens von Nazi-Symbolen zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt worden sei. Noch als Jugendlicher sei er jedoch aus der Szene ausgestiegen.

Sein Arbeitskollegen bestätigte die Angaben. Er sei erst von einem Mann, dann von "einem Mädchen" hinter seinem Lkw in der Bornaer Straße angesprochen worden, berichtete der 48-jährige Zeuge. An der Stimme der Täterin habe er sie als junge Frau wahrgenommen. Sie habe ebenfalls eine Sturmhaube getragen, weshalb er nur ihre Augenpartie habe erkennen können. "Bleib ruhig, von dir wollen wir nichts", habe die Frau zu ihm gesagt und mit Blick auf das Opfer: "Das ist ein Nazi, der hat's verdient!"

Zu der angekündigten Präsentation eines Mitschnitts einer Tonaufnahmen kam es vergangene Woche nicht mehr. Einer der Angeklagten soll auf dem Band - der Mitschnitt soll bei einer Fahrzeug-Innenraum-Überwachung in einem Ermittlungsverfahren gegen einen ganz anderen Verdächtigen entstanden sein - die Tat eingeräumt haben. Da die Verteidiger jedoch widersprachen, das Ergebnis des Lauschangriffs aus einem anderen Verfahren vorzuspielen, verzichtete der Senat darauf zunächst.

Weiterführende Artikel

NPD-Mann als Zeuge im Prozess gegen Lina E.

NPD-Mann als Zeuge im Prozess gegen Lina E.

2016 war der Rechtsextremist an Ausschreitungen in Leipzig-Connewitz beteiligt. Zwei Jahre später wurde er überfallen und schwer verletzt.

"LinX"-Demo: Staatsanwalt sieht Droh-Banner als Straftat

"LinX"-Demo: Staatsanwalt sieht Droh-Banner als Straftat

Nach der eskalierten "LinX"-Demo in Leipzig geht die Linke auf Distanz. Die Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen wegen angedrohten Straftaten auf.

Wie die Leipziger "LinX"-Demo eskalierte

Wie die Leipziger "LinX"-Demo eskalierte

Nach einem friedlichen Start löschten Wasserwerfer am Ende des Tages brennende Barrikaden. Ein Transparent sorgt für hitzige Diskussionen.

"LinX"-Demo: Pflastersteine sind keine Argumente

"LinX"-Demo: Pflastersteine sind keine Argumente

Der Polizei konnte man in Leipzig kaum Vorwürfe machen, kommentiert Sven Heitkamp. Doch die Demonstranten erweisen ihrem Anliegen einen Bärendienst.

Diese Woche, verhandelt wird am Dienstag und am Mittwoch, will sich das Gericht weiter mit der Tat gegen Enrico B. befassen. Der Geschädigte selbst soll am Mittwoch vernommen werden. Ursprünglich sollten in dieser Woche die beiden Taten aus Eisenach vom Oktober und Dezember 2019 im Mittelpunkt der Beweisaufnahme stehen. Bei der zweiten Tat wurden mehrere Verdächtige nach einer Verfolgungsfahrt von der Polizei noch in Eisenach gestellt - im VW Golf von Lina E.s Mutter, an dem gestohlene Kennzeichen angebracht waren. Die Original-Kennzeichentafeln fanden die Beamten auf dem Rücksitz.

Mehr zum Thema Sachsen