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„Du bist jetzt Politikerin, Lucie“

Lucie Hammecke ist mit 23 Jahren die jüngste Abgeordnete im sächsischen Landtag. Neben Zeitmanagement braucht die Grüne nun auch Überzeugungskraft.

Am 1. Oktober 2019 ist Lucie Hammecke als Abgeordnete vereidigt worden.
Am 1. Oktober 2019 ist Lucie Hammecke als Abgeordnete vereidigt worden. © M. Rietschel

Dresden. Lucie Hammecke hat ihre Füße hüftbreit in den Boden gestemmt, die Hände faltet sie, lässt sie dann wieder auf das Pult vor ihrem herbstblattfarbenen Blazer gleiten. Zum ersten Mal hält Sachsens jüngste Landtagsabgeordnete eine Rede im Plenarsaal über eins ihrer „Herzensthemen“: Europa. Während die 23-Jährige die Situation an Binnengrenzen während der Pandemie beklagt und, fordert, dass das „grenzüberschreitende Leben“ weitergeht, dreht sich hinter ihr ein AfD-Abgeordneter weg und unterhält sich.

Die Sitzung ist drei Monate her, Hammeckes Einzug in den Landtag rund ein Jahr. „Ich habe den Eindruck, dass man gerade als junge Frau inhaltlich sehr viel stärker und besser vorbereitet sein muss, um ernstgenommen zu werden“, sagt sie. „Manche Abgeordnete anderer Fraktionen nehmen mich bei gemeinsamen Terminen gar nicht als Kollegin wahr, obwohl wir schon zusammen in Ausschüssen saßen.“

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Das Gefühl, gegenüber Männern benachteiligt zu sein, hat Hammecke schon als Schülerin in Magdeburg politisiert. „Als ich angefangen habe, mich darüber zu informieren, habe ich immer mehr Ungerechtigkeiten für Frauen und Mädchen gesehen, auch durch sexuelle Belästigung. Das hat mich motiviert, etwas zu ändern.“

Beim Wahlforum in Löbtau.
Beim Wahlforum in Löbtau. © Sven Ellger

Während ihres Politikwissenschaft-Studiums in Leipzig beobachtet Hammecke steigende AfD-Ergebnisse in ihrem Heimatbundesland Sachsen-Anhalt und später bei der Bundestagswahl, tritt 2017 der grünen Jugend in Dresden bei. „Mir sind Tiere sehr wichtig, ich würde sie ungern essen, die Klimakrise drängt. Die Grünen waren für mich immer die Partei, die für eine solidarische und weltoffene Perspektive kämpft.“

Hammecke organisiert eine Demonstration gegen den Ski-Weltcup in Dresden, etwas später motivieren Mitglieder des junggrünen Wahlkampfteams sie zur Kandidatur. „Ich dachte: Wenn ich immer davon rede, dass es wichtig ist, dass junge, weibliche Perspektiven gehört werden, kann ich nicht sagen: Für mich schließe ich das aus.“ Sie kandidiert auf dem aussichtsreichen Listenplatz neun, gibt Tage vor der Wahl ihre Bachelorarbeit ab: Geschlechterrollen in der Berichterstattung über Kandidaten für den CDU-Vorsitz. Am Abend des 1. September ist klar, dass sie in den Landtag zieht. „Ich war super happy über das gute Ergebnis der Grünen, aber auch geschockt von dem hohen der AfD.“

Heftiger Moment im Landtag

Die Ordner der Abgeordneten blicken aus dem Regal heraus auf ein pinkfarbenes Wasserglas, ein Haargummi mit Leopardenmuster, ein Plakat mit der Aufschrift „My body, my choice“ – „Mein Körper, meine Wahl.“ Ein paar Spuren hat Lucie Hammecke in ihrem neuen Büro schon hinterlassen, ganz angekommen ist sie noch nicht. Wie eine vergessene Hommage an Kohlekraftwerke, an eine antiquierte Industrie-Romantik wirken die Bilder mit den Zahnrädern an der Wand. Sie sind noch vom Vorgänger, andere Aufgaben drängten bisher mehr als die Wände.

Nur mit Maske ist der Blick in Hammeckes Büro gewährt, zur Corona-Zeit bespricht man sich lieber auf Bierbänken im Innenhof des Landtags. Eine blaue Mappe und ihr Handy hat die Abgeordnete dabei, mit raschen Worten spricht sie, als gäbe es zu viele Botschaften für zu wenig Zeit, Die blauen Augen visieren ihr Gegenüber durch eine Brille mit Goldrand an, wenn Lucie Hammecke nachdenkt, wandert der Blick gen Himmel und sie lächelt. „Als gewählte Politikerin muss man schon darauf achten, wie man spricht, aber das ist nichts Schlimmes, sondern eben die Kommunikation für das Mandat“, sagt sie.

Gerade ist im Landtag alles anders, nur jede zweite Bank belegt. Normalerweise sitzt Lucie Hammecke in der dritten Reihe der Grünen-Fraktion, auf dem Randplatz neben der SPD.
Gerade ist im Landtag alles anders, nur jede zweite Bank belegt. Normalerweise sitzt Lucie Hammecke in der dritten Reihe der Grünen-Fraktion, auf dem Randplatz neben der SPD. © Matthias Rietschel

Seit Hammecke am 1. Oktober 2019 als Abgeordnete vereidigt worden ist, hat sie viele erste Male erlebt. Die Koalitionsverhandlungen mit CDU und SPD, die erste grüne Regierungsbeteiligung in Sachsen, Ausschusssitzungen. „Ich habe gebraucht, bis ich verstanden habe: Du bist jetzt Politikerin, Lucie.“

Den heftigsten Moment im Landtag habe sie bei einer Rede von Sebastian Wippel erlebt, der 2019 für die AfD erst knapp bei der Oberbürgermeisterwahl in Görlitz scheiterte, ehe er den Kampf um das Landtags-Direktmandat gegen Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) verlor. Im März behauptete er während einer Rede zum Thema „Grenzen schließen“, dass „Kinderleichen perfiderweise am Strand drapiert“ worden seien, „um dann Fotos zu machen, um die deutsche Öffentlichkeit moralisch vorzubereiten.“ Gemeint hat er offenbar das Foto des dreijährigen Syrers Alan Kurdi, dessen toten Körper das Meer an einen türkischen Strand gespült hat.

Wikipedia-Artikel gibts auch

Außerhalb des Plenarsaals hat Hammecke kaum mit der AfD zu tun. Ihr privates Umfeld ticke ähnlich wie sie, nur ohne Regierungsverantwortung. Ihr Freundeskreis, vor allem gleichaltrige, vegetarische Frauen, „die sehr auf Ökologie und Nachhaltigkeit achten“, studiert noch. Während es einigen Abgeordneten bis ins höhere Erwachsenenalter schwerfällt, Skandale zu vermeiden, vermittelt Hammecke ein Bild, das dem grenzüberschreitenden Party-Klischee ihres Alters widerspricht. „Ich war schon immer eher der vorsichtige Typ Mensch. Ich halte mich einfach gerne an Regeln.“ In ihrer Freizeit lese sie am liebsten auf dem Balkon der Leipziger Wohnung Fantasy-Romane und Krimis oder gehe mit den Hunden Frieda oder Alfred raus.

„Wenn man jetzt weiß: ‚Es gibt einen Wikipedia-Artikel über dich‘, das ist schon crazy. Früher habe ich darauf geachtet, dass keine Informationen über mich im Internet sind, war bei Facebook sogar mit anderem Namen. Aber wie viele Leute kennen Landtagsabgeordnete schon mit Gesicht und Namen? Man ist trotzdem weiter Mensch, ich bin trotzdem weiter 23.“

Social Media ist wichtig

In ihrer zwölfköpfigen Fraktion hat Hammecke die Verantwortung für eine Reihe an Themen übernommen: Tierschutz, Europa, Gleichstellung, Petitionen und Justizvollzug. „Die Vielfältigkeit des Mandats ist mir erst bewusstgeworden.“ Ortsbesuche beim Tierschutz-Verein oder im Anstaltsbeirat eines Jugendgefängnisses an einem Tag, Gespräche in den Regionalbüros Dresden oder Bautzen am nächsten.

Zuletzt hat Hammecke auf Eigeninitiative während der sitzungsfreien Zeit die griechische Insel Lesbos besucht, wo mehr als 13.000 Schutzsuchende in und um das überfüllte Lager Moria leben. „Es ist eine elendige Situation, obwohl Helfende tun, was sie können. Mit sehr schlechter medizinischer Versorgung, einer schlimmen Situation für Kinder“, sagt Hammecke. „Das war der mit Abstand eindrucksvollste Vor-Ort-Termin im letzten Jahr.“

Auf der Plattform Instagram postet sie Fotos, die sie mit Maske vor einem verschlossenen Tor zeigen, mit Blick auf eingefallene Zelte, im Gespräch mit den Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen und UNHCR. Zwei Bilder weiter sieht man sie mit Maske und Regenbogenflagge auf einer Demonstration zum Christopher Street Day „für eine bunte Gesellschaft“. Das sei ihr Anspruch, sagt Hammecke: Anderen jungen Menschen via Social Media den Alltag einer Abgeordneten näher bringen, um ihnen zu zeigen, dass ihresgleichen Politik machen kann. „Es ist ein herausfordernder Beruf, weil man viele Anforderungen an sich selbst stellt. Ich habe dieses Privileg des Mandats und habe die fünf Themen, für die ich brenne, außerdem die Regionalbüros. Dazwischen muss man die Balance finden, dabei habe ich gelernt: Man kann nicht alles an einem Tag machen.“

Lucie Hammecke ist ein Mensch, der ungern von Enttäuschungen oder Desillusionierungen spricht, zumindest öffentlich. Fragen danach verneint sie oder beantwortet sie mit ihren optimistischen Entsprechungen: „Wir tun, was wir können, versuchen, umzusetzen, worauf wir uns im Koalitionsvertrag geeinigt haben“, sagt sie. „Es ist nichts von jetzt auf morgen fertig, aber das ist auch eine falsche Vorstellung von Politik.“

Lucie will nicht ewig auf ihrem Posten sitzen, vielleicht doch noch ein Masterstudium absolvieren.
Lucie will nicht ewig auf ihrem Posten sitzen, vielleicht doch noch ein Masterstudium absolvieren. © Matthias Rietschel

Für das Ende der Legislaturperiode hat Hammecke sich Ziele gesteckt, die auch im Koalitionsvertrag stehen. Mehr Geld für Tierschutzvereine, mehr Schutz für Betroffene von häuslicher Gewalt, mehr Gleichstellung. „Ich würde mich schon freuen, wenn sich in Sachsen was bewegt“, sagt Hammecke auf die Frage, was sie am Ende der Legislatur enttäuschen würde. Sich selber hat sie das Ziel gesetzt, im Internet noch stärker zu kommunizieren, was sie als Abgeordnete macht. „Ich finde es bewundernswert, wie gut einige Kolleginnen von mir wie Aminata Touré das machen.“

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Geduld schade in ihrem Beruf jedenfalls nicht, sagt Hammecke. Aber man müsse auch brennen und Veränderung herbeiführen wollen. Schließlich will sie nicht ewig auf ihrem Posten sitzen, vielleicht doch noch ein Masterstudium absolvieren. „Ich bin mit dem Anspruch angetreten: Junge Leute, neue Perspektiven. Dann ist es auch irgendwann an mir, andere junge Leute mit anderen neuen Perspektiven machen zu lassen.“

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