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Sten Nadolny: "Heimweh ist ein nettes Wort"

Wir sollten uns einen kleinen Mundvorrat an Naivität zulegen, rät der Schriftsteller zudem. Nächste Woche ist er zu Gast in Kamenz.

Sten Nadolny war Studienrat für Geschichte, Taxifahrer, Vollzugshelfer und Aufnahmeleiter beim Film, bevor er Schriftsteller wurde. Er lebt in Berlin.
Sten Nadolny war Studienrat für Geschichte, Taxifahrer, Vollzugshelfer und Aufnahmeleiter beim Film, bevor er Schriftsteller wurde. Er lebt in Berlin. © dpa PA/Maurizio Gambarini

Mit dem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gelang Sten Nadolny in den Achtzigern ein Weltbestseller. Auch Bücher wie „Netzkarte“, „Weitlings Sommerfrische“ oder „Das Glück des Zauberers“ trugen zum Ruhm des Geschichtenerzählers bei, der 1942 in Zehdenick an der Havel geboren wurde. Am 1. September hält Nadolny seine Kamenzer Rede mit dem Titel „Heimweh nach dem Glück des Gelingens“.

Was heißt Gelingen für Sie selbst, Herr Nadolny? Ein neues Manuskript?
Natürlich! Ich habe ja mein Hobby zum Beruf gemacht und freue mich unglaublich, wenn etwas gelingt. Das gilt aber nicht nur für Manuskripte. Wenn ich einen alten Hocker abschleife und neu bemale, dann laufe ich drei Tage darum herum und sage: Ist das nicht gut geworden, ist das nicht schön? Es macht mir auch große Freude, wenn ich eine kaputte Vase so klebe, dass ich wieder Blumen reinstellen kann. Ich repariere gern. In vielen Fällen klappt das ja nicht mehr. Dinge gehen kaputt, Computer stürzen ab, und wir stehen hilflos davor. Früher hätte man gesagt: Ich hole schon mal die Zange und den Hammer, und dann kriegen wir das hin. Jetzt bleibt uns oft nur ein Ohnmachtsgefühl.

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Und dann haben Sie nach dem Gelingen Heimweh?
Heimweh ist einfach ein nettes Wort. Ich hätte die Kamenzer Rede auch so überschreiben können: Unsere Klage über das ständige Misslingen von allem und jedem, auch von uns selbst. Aber das wäre mir zu negativ. Ich spreche lieber über das Gelingen.

Für Sie ist das Glas immer halb voll?
Vollkommen den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich bin für möglichst wenig Pessimismus und für möglichst viel Optimismus.

Es gibt immer einen Ausweg

Da haben Sie sich aber eine schlechte Zeit ausgesucht. Oder ist das ein Irrtum, und die Zeiten waren nie gut?
Es sieht so aus, als wären wir durch die vollständige Ökonomisierung des Lebens, durch Digitalisierung und Globalisierung in eine Situation geraten, in der wir immer weniger gebacken kriegen. Im Privaten passieren kleine Katastrophen, so wie im Großen die großen Katastrophen. Das macht uns misslaunig und sehr nervös. Die Frage ist, ob wir nicht übertreiben und der Fehler im Auge des Betrachters liegt. Vielleicht war es schon immer mühsam zu leben.

Gibt es einen Ausweg?
Den gibt es immer. Wir könnten uns zum Beispiel daran gewöhnen, in einer krisenanfälligen und fragilen Situation zu leben. Wir könnten uns in das Schicksal fügen – früher nannte man das Gottvertrauen –, und uns auf das besinnen, was bei uns gut ist und uns zufrieden stimmt. Diese Mentalität ist zwar nicht Mode, aber sie hilft ungemein. Denn es ist doch klar, dass wir weder Ökonomisierung noch Digitalisierung oder Globalisierung aufhalten oder gar zurückdrehen können. Man könnte salopp sagen: Da müssen wir durch. Wenn man aber weiß, dass es so ist, dann entwickelt man eine Beharrlichkeit und eine Widerstandsfähigkeit dort, wo sich doch etwas drehen lässt. Man muss nicht ganz nah am Risiko siedeln und die Gefahren immer weiter vergrößern. Man muss auch mal rechtzeitig Halt! rufen.

Denken Sie da auch an die Bewegung Fridays for Future?
Das Klima ist das Thema Nummer eins. Denn wenn wir nichts ändern, geht alles flöten. Nun sind wir Menschen aber nicht unbedingt auf Veränderungen versessen, wir machen es uns gern bequem und hoffen, dass es schon irgendwie gutgehen wird. Wer dann stört, den empfinden wir als fehl am Platz.

Ist Ihnen jemand sympathisch, der stört?
Von Terroristen mal abgesehen: Mir sind Leute schon lieb, die sich nicht zufriedengeben und nicht in die allgemeine Harmonie einstimmen. Da bin ich übrigens ganz bei Lessing. Er war auch ein Unruhegeist, ließ wenig Bestehendes gelten und wollte Gedanken weitertreiben.

Was ist denn von Lessings Ansprüchen an Gerechtigkeit, Vernunft und Toleranz heute noch übrig?
Eine ganze Menge. Was funktioniert denn im Leben ohne Vernunft, ohne ein gewisses Augenmaß? Auch Lessings Ideal vom selbstbestimmten Individuum gilt nach wie vor: Dass man die Fähigkeiten, die man in sich trägt, erst entwickeln muss. Aber das klappt nicht, wenn man abhängig ist oder nur nachbetet, was andere vorbeten. Wenn man bloß funktioniert und sein Dasein auf Leistung, Leistung, Leistung ausrichtet. Nein, das sind schon alles gute Ideen aus dem 18. Jahrhundert, die ihre Gültigkeit behalten haben. Es fällt uns nur ziemlich schwer, vernünftig zu handeln und selbstbestimmt. Und die Toleranz haben wir uns auch ein bisschen zu sehr abgewöhnt.

Ich widerspreche mir ungern

Warum abgewöhnt? Wir sind ja nicht zu faul zum Nachdenken.
Ach, da wäre ich mir nicht so sicher. Toleranz ist allerdings eine schwierige Sache. Denn Toleranz heißt Nachsichtigkeit, heißt Warten auf den anderen: Bewegt er sich auf meine Meinung zu? Oder kann ich von ihm etwas lernen? Toleranz schafft einen Spielraum, einen Zwischenraum, in dem etwas Gutes entstehen könnte. Das braucht aber Zeit. Und die haben wir nicht. Wir wollen vorankommen. Dann kriegen wir dieses Autofahrersyndrom: Wir lassen keinen von der Seite rein, wir drücken ihn weg, denn wir wollen ein Auto weiter vorn sein. Dieses fürchterliche Zielbewusstsein – man könnte es auch Egoismus nennen – macht uns intolerant. Und wir fühlen uns sogar gut dabei. Denn wir lassen uns nichts gefallen. Wir tun alles für unser Vorwärtskommen. Der Unnachsichtige gewinnt. Das ist natürlich in den meisten Situationen ziemlich falsch. Es lohnt sich fast immer, den anderen kommen zu lassen. Dann lebt man nicht nur selber zufriedener. Man sorgt auch dafür, dass andere das tun.

Das heißt, wir sollten die Langsamkeit neu entdecken? Ihr Bestseller wäre dann aktueller denn je?
Ich widerspreche mir ungern. Natürlich hat es auch mit Langsamkeit zu tun, wenn man nicht sofort reagiert, sondern abwartet und überlegt. Nachdenken macht langsam, aber es macht auch klüger. Und es schafft einen Zeitgewinn – Gewinn, indem man sich Zeit lässt.

Aber das lässt der Alltag nicht zu, wenn man auf jeden Klick sofort antworten muss.
Das stimmt, ich bezweifle nur gerade das Wort „muss“. Wir haben alle das Gefühl – und das ist geradezu endemisch, oder sollte ich sagen pandemisch –, dass wir irgendwas müssten. Sicher befinde ich mich als freier Schriftsteller in einer zurückgelehnten Position. Und natürlich weiß ich, dass man in den meisten Berufen heute schnell sein muss, auf jeden Fall schneller als die anderen. Dass man mindestens drei Smartphones zugleich bedienen muss, damit einem nichts entgeht. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn man zwischendurch einmal innehielte. Man kommt weiter damit. Man wird listiger.

Wie lernt man Gelassenheit vor dem nächsten Lockdown?
Man sollte es nicht von der Krise abhängig machen, sein Leben ein bisschen in Ordnung zu bringen.

Jüngeren scheint das besser zu gelingen: Manche arbeiten lieber nur 30 Stunden die Woche und gewinnen so Zeit für anderes.
Das finde ich wunderbar. Die Jüngeren lassen die Dinge viel mehr auf sich zukommen, sie stellen sich leichter auf veränderte Verhältnisse ein. Wie Älteren hadern oft mit der Gegenwart. Wir denken, dass in den Siebzigern alles ganz großartig war, dass die Welt untergeht und der Wahnsinn durch die Gassen jagt. Nein, das tut er nicht.

Die Figuren in Ihren Romanen widersetzen sich dem Weltuntergang mit Erfindergeist, Neugier und einer gewissen Unbedarftheit. Handeln sie naiv?
Wenn genügend Leuten genügend einfällt zum großen Weltuntergang, ist er vielleicht zu verhindern. Wenn nicht, sollten wir trotzdem unseren Apfelbaum pflanzen. Ja, ich glaube an die Kraft der Naivität. Wir sollten nicht immer nur naiv sein, aber wir sollten uns einen kleinen Mundvorrat an Naivität zulegen.

Das Gespräch führte Karin Großmann.

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