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Geld gegen Geschichte

Investor Winfried Stöcker will in Görlitz zwei Altbauten abreißen, um Parkplätze für das bekannte Jugendstil-Kaufhaus zu bauen. Seine Pläne spalten die Stadt.

Die „Stille Post“ soll abgerissen werden, wenn es nach Investor Winfried Stöcker geht. Er möchte dort ein Parkhaus hinbauen.
Die „Stille Post“ soll abgerissen werden, wenn es nach Investor Winfried Stöcker geht. Er möchte dort ein Parkhaus hinbauen. © Nikolai Schmidt

Die Transparente sind verschwunden. Kahl wirkt die knochenfarbene Fassade. Das Streitobjekt ist leer, verlassen. Etwas zurückgesetzt, an einer Kurve liegt es. Eisblauer Lack bröckelt von einer breiten Pforte. Säulen aus Stein umzingeln die Veranda, als wären sie die Türsteher einer vergangenen Party, Bauzäune schotten das Gelände ab. Man hätte ihr einen harmonischen Ruhestand gegönnt, der 150 Jahre alten Villa. Doch das Stadthaus heizt die Gemüter auf wie kaum ein anderes. Seit Monaten streitet Görlitz darüber, was mit dem denkmalgeschützten Bau am Postplatz 6 geschehen soll.

Der neue Eigentümer will, dass er verschwindet. Winfried Stöcker hat das Grundstück am Postplatz 6 und das Nachbargelände mit der Nummer 5 gekauft, um ein Parkhaus darauf zu bauen. In den Kern der Stadt, die für ihre historischen Altbauten berühmt ist. Der 74-Jährige plant, das Görlitzer Jugendstilkaufhaus wiederzubeleben. Er pocht darauf, dass er dafür das neue Parkhaus brauche, außerdem mehr Platz für Anlieferungen.

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Abriss-Gegner haben vor der Villa demonstriert, die in Görlitz als „Stille Post“ bekannt ist. Eine Online-Petition fordert unter anderem ihren Erhalt, die Diskussion von Alternativen zum Abriss. Mehr als 1.600 Menschen haben unterzeichnet, darunter knapp ein Drittel aus Görlitz.

Stöcker ist in der Region schon lange bekannt. Manche verehren den Investor wie einen Helden, andere verachten ihn. Er wurde in Bernstadt unweit von Görlitz geboren, zog später nach Lübeck, gründete dort das Medizindiagnostik-Unternehmen Euroimmun und verkaufte es 2017 für 1,2 Milliarden Euro an einen US-Konzern.

Seiner Heimat blieb Stöcker verbunden. Zwei der sieben Firmenstandorte entstanden nach der Wende in Ostsachsen. Stöcker gehören ein Restaurant am Berzdorfer See und ein Modehaus in Görlitz.

Sein Prestigeprojekt, das Jugendstilkaufhaus, steht seit 2009 weitgehend leer, er kaufte es 2013. Hollywoodproduktionen wie „Grand Budapest Hotel“ diente das Kaufhaus mit seinen vielen Säulen, Ornamenten und dem Glasdach als Kulisse, Weltstars drehten darin. Görlitz ist stolz darauf. Stöcker verspricht die prächtige Zukunft, nach der sich viele sehnen. Seit vergangenem Herbst droht er, sich aus der Stadt zurückzuziehen, wenn er die Villen dafür nicht opfern darf. Stöcker wörtlich: „Ich erkläre klipp und klar: Sollte sich Görlitz hier querstellen, werde ich mein Engagement in dieser Stadt beenden.“

Ein Teil der Stadtgesellschaft will die Forderung erfüllen. Ein anderer empfindet es als frevelhaft, denkmalgeschützte Altbauten mit einem Neubau zu ersetzen, wirft Stöcker Erpressung vor.

Der Protest gegen die Pläne des Investors ist laut.
Der Protest gegen die Pläne des Investors ist laut. © xcitepress

Hannes hat bis zuletzt gegen den Abriss protestiert. Sieben Jahre lang wohnte er in der Villa. Die Wochen vor dem Auszug seien „wie ein Abschiedsfestival gewesen“, sagt der 32-Jährige. Hannes hat ausgeräumt und demonstriert, Petitionen aufgesetzt und Ex-Bewohner durch das Haus geführt.

Seit November steht der Altbau leer, das heruntergekommene Nachbarhaus schon seit Jahrzehnten. Als Hannes den Schlüssel übergibt, sind in den meisten Räumen nur Geröll, Kartons und Spuren langer Nächte übrig: leere Bierkästen, zerknautschte Sofas. Kurz vor dem Auszug erinnern Spruchbänder und Transparente an den Kampf gegen den Abriss, bunte Bilder und Klaviere an das Leben, das es hier mal gab. Wohnzimmer-Konzerte, Ausstellungen, Nächte am Lagerfeuer mit Gitarren.

Hannes zieht als Letzter aus. Ein bitteres Ende, versuchten er und Mitbewohner vor gut fünf Jahren doch selbst, das Haus dem Eigentümer abzukaufen.

Einst gehörte die gut 150 Jahre alte Villa der Familie des jüdischen Juristen und Görlitzer Ehrenbürgers Hans Nathan. Als die Familie vor den Nazis floh, erwarb die Familie Hillach das Haus. Ansgar Hillach wohnt seit 80 Jahren nicht mehr dort und erinnert sich doch gut daran. Sein Vater hatte eine Rechtsanwaltspraxis im ersten Stock. „Der Garten war mein ein und alles“, schwärmt der 87-Jährige.

Nach dem Krieg wird das Haus enteignet. Hillach verbringt sein Leben als Professor für Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main. „Dort bin ich verwurzelt, aber Görlitz ist meine nostalgische Heimat.“ In den 1990er-Jahren holt er sich sein Elternhaus zurück. Damit es nicht weiter verfällt, vermietet er es an Studierende.

Tinko Fritsche-Treffkorn zog ein, als er halb so alt war wie jetzt: 21, damals Student für Kultur und Management. Er steht am Küchenfenster seiner heutigen Wohnung und schaut auf die mit 300 Jahren wahrscheinlich älteste Buche von Görlitz. Das Leben in der Villa sei so besonders gewesen, weil sie ein Mekka für jedermann war, wo Freigeister Gestrandeten begegneten, die Bewohner alles selber machten. „Wir haben Dielen abgeschliffen und gestrichen.“ Mit Kunstinstallationen und Musik habe man einmal den Semesterauftakt im Haus gefeiert. „Alle, die neu nach Görlitz kamen, pilgerten dorthin.“

Anfangs verlangte Eigentümer Hillach Miete, später einigte man sich auf das Wächterhaus-Modell: Die Bewohner halten das Haus in Schuss und bewahren es vor dem Verfall, dafür zahlen sie keine Miete.

Entwurfsskizze für das geplante Parkhaus an der Stelle, wo jetzt die "Stille Post" steht.
Entwurfsskizze für das geplante Parkhaus an der Stelle, wo jetzt die "Stille Post" steht. © Winfried Stöcker

Nachdem Hannes und seine Mitbewohner 2015 beschlossen haben, das Haus zu kaufen, besuchen sie Hillach in Frankfurt und laden ihn nach Görlitz ein. „Ich kann schon verstehen, warum Sie an dieser gammeligen Idylle hängen“, habe er ihnen gesagt, erzählt Hannes. Ihr Höchstgebot lag bei 150.000 Euro.

Fast hätte Hillach zugestimmt. Dann meldete sich ein Makler. „Mir lag daran, dass das Haus von Grund auf saniert wird“, sagt Hillach. Dafür hätten die „jungen Leute“ nicht das Geld gehabt. Hannes drückt es anders aus: „Wir hatten nicht die überzeugendsten finanziellen Argumente.“ Der Immobilienmakler geht auf ein Angebot von 400.000 Euro ein. 2017 gibt er gegenüber Hillach an, studierter Philosoph und sozial engagiert zu sein, sich mit dem Haus einen Traum zu erfüllen. Mit seiner Familie wolle er dort wohnen. Er kaufe es in jedwedem Zustand. Nur schnell solle es gehen. Hillach stimmt zu. Im Grundbuch wird der Makler als Eigentümer eingetragen.

Schon 2018 gibt Stöcker an, dass die Stöcker Kaufhaus GmbH Eigentümer des Grundstücks sei. „Über das Flurstück 848 verfügen wir bereits“, schreibt er an den parteilosen Ex-Oberbürgermeister Siegfried Deinige. Hatte der Makler je vor, das Haus für sich zu nutzen? Warum war ihm der Zustand dann egal und warum hatte er es so eilig? Auf den Kauf angesprochen, droht er per Telefon mit einem Anwalt. Auf schriftliche Fragen antwortet er lediglich, dass er sich „nicht an den aktuellen Spekulationen beteiligen“ wolle. Stöcker selbst räumt ein, der Makler habe „als Ortskundiger beim Erwerb mehrerer Grundstücke geholfen“.

Auch das Nachbarhaus mit der Adresse Postplatz 5 interessiert Stöcker. „Wir sind dankbar über jede Unterstützung bei unseren Bemühungen, das Flurstück 849 zu erwerben“, schreibt er im Juli 2018 in einem Brief an Oberbürgermeister Deinege. Schon damals bezeichnet er das Grundstück als notwendig „für die geplante Erweiterung des Parkhauses“.

Stöckers Bemühungen enden erfolgreich. Voreigentümer war ein Musiker aus Karlsruhe. Der hatte das Grundstück nach der Wende erworben – Schätzungen zufolge für einen niedrigen fünfstelligen Betrag – es dann aber weiter verfallen lassen. Auf Fragen reagiert er ähnlich abweisend wie der Makler. Er wolle nicht schlecht über Winfried Stöcker sprechen, der „großartige Pläne für Görlitz“ habe. Man habe ein Jahr lang verhandelt. Den Preis wollen weder er noch Stöcker kundtun. SZ-Recherchen zufolge soll er mehr als eine Million Euro dafür bezahlt haben. Der Marktwert des 1.220 Quadratmeter großen Grundstücks dürfte weit darunter liegen.

Der emeritierte Professor Hillach bereut inzwischen den Verkauf. „Ich habe in keiner Weise damit gerechnet, dass das Haus in die Hände von Stöcker gerät“, klagt er und spricht von einer „weiteren Enttäuschung mit der Stadt.“ Schon vor rund 20 Jahren hatte er sich an den Protesten gegen den Abriss des alten Wilhelmtheaters in Görlitz beteiligt. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde ebenso abgerissen wie etwas später das alte Post-Eck. Es musste dem City Center weichen, einem schmucklosen Kaufhaus aus Beton, Stahl und Glas, das inzwischen Teil des Stöcker-Plans ist.

Das Herzstück des Plans bleibt das 107 Jahre alte Jugendstil-Kaufhaus. Stöcker will daraus ein „Premium-Erlebniskaufhaus“ machen, ein „Kaufhaus der Oberlausitz“, das Kunden „von Dresden bis Breslau anzieht“. Mit persönlichem Einkäufer, Prosecco-Bar, „Stöcker Feinkost“. 20.000 Quadratmeter sollen entstehen. In einem Landkreis, dessen Kaufkraft zu den niedrigsten in Deutschland gehört. Mehr als 100 Millionen Euro plant Stöcker nach eigenen Angaben, in das Kaufhaus-Areal zu stecken. Aus wirtschaftlichen Gründen möchte er das alte Warenhaus und das neue City Center verbinden. „Wenigstens 900 Parkplätze“ seien dafür nötig, behauptet der Investor.

Investor Winfried Stöcker will das Parkhaus für das ehemalige Hertie Kaufhaus in Görlitz bauen.
Investor Winfried Stöcker will das Parkhaus für das ehemalige Hertie Kaufhaus in Görlitz bauen. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Eine Erweiterung des bestehenden Parkhauses auf 481 Plätze hatte der Stadtrat schon 2018 beschlossen. Von den Postplatz-Flächen war damals öffentlich noch nicht die Rede. „Solange nicht beide Grundstücke in meinen Händen waren, mussten wir nach Minimalversionen suchen“, sagt Stöcker. „Aber wir haben immer die aktuelle Version verfolgt.“ Er habe die Postplatz-Grundstücke nicht gekauft, „um der Stadt Görlitz zwei weitere Denkmäler zu bewahren“. Sollten seine Baupläne scheitern, werde das Jugendstil-Kaufhaus in 20 Jahren so aussehen wie die Ruine am Postplatz 5.

Stöcker polarisiert seit Jahren. In einem Interview der SZ sprach er zur Integration von Geflüchteten von „Negern“ und „reisefreudigen Afrikanern“, die er „sofort wieder nach Hause schicken“ würde. Über die Debatte zur sexuellen Belästigung von Frauen urteilte er, „dass vorwiegend diejenigen (…) aufschreien, die von der Natur optisch weniger vorteilhaft ausgestattet worden sind“. Seine Belegschaft forderte er auf, viele Kinder zu zeugen, um „dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten“ etwas entgegenzusetzen. Zuletzt landete der Wissenschaftler in den Schlagzeilen, weil er ohne erforderliche Erlaubnis einen Corona-Impfstoff hergestellt und an sich und weiteren Personen getestet haben soll – mutmaßlich ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz. Die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelt. Stöcker dazu: „Als Arzt bin ich dazu berechtigt und bedarf keiner Zustimmung einer Behörde.“

Der Streit um Stöckers Aussagen tobt immer wieder. Seit einigen Monaten gehen Befürworter und Gegner seiner Abrisspläne aufeinander los. Kommentarspalten auf Facebook laufen über, eine Podiumsdiskussion zwischen Baubürgermeister, Expertinnen und Experten widmete sich den Plänen des Investors.

Der Görlitzer Stadtrat, dessen größte Fraktion die AfD stellt, stimmte im Dezember dafür, dass der Investor die Postplatz-Villen in seine Kaufhaus-Pläne einbeziehen darf. Fünf Vetos und drei Enthaltungen, darunter die Stimmen der Linken, standen 20 Ja-Stimmen gegenüber. Besonders vehement spricht sich die AfD für den Abriss aus, bezeichnet die Villen als „Schandfleck“. Auch der christdemokratische Oberbürgermeister Octavian Ursu meint, „dass für die Stadtentwicklung das Kaufhaus extrem wichtig ist“. Als Stöcker kürzlich bei der Stadt die Abrissgenehmigung beantragte, stellte Ursu sich hinter ihn.

Die Entscheidung darüber liegt beim Landesamt für Denkmalpflege in Dresden. Dessen Sprecherin betont, Drohgebärden bildeten keine Gesprächsgrundlage. Beide Postplatz-Villen seien von stadt- und baugeschichtlicher, künstlerischer Bedeutung. Sie orientieren sich an der italienischen Renaissance, sind in Görlitz nicht bloß zwei von vielen. In der Debatte um das ehemalige Wilhelmstheater lehnte das Amt seinerzeit den Abriss ab. Der Eigentümer widersprach, der Fall landete bei der heutigen Landesdirektion, die stimmte dem Abriss zu. So könnte es auch diesmal laufen. Seit Monaten wartet alles auf eine Entscheidung des Landesamts. Das sagt dazu nur, dass es zu laufenden Verfahren „keine näheren Auskünfte“ erteile.

Verkaufen will Stöcker die Häuser auch im Fall einer Niederlage nicht. Sanieren offenbar auch nicht. „Ist mir egal, sie werden sicher weiter verkommen“, schreibt er auf Nachfrage.

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Hannes und seine Mitbewohner sollten 2018 ausziehen. Durch Nicht-Erscheinen zu Gesprächen und durch Corona verzögerte sich das Datum. An einem Montag im November 2020 ist das Ende gekommen. Zur Schlüsselübergabe hatte Hannes versucht, einen Trompeter aufzutreiben, der traurige Lieder spielt. Stattdessen spielte ein Keyboard in der Einfahrt per Autoplay „Yesterday“ von den Beatles. Eine Hommage an die Vergangenheit. Selbst wenn die Villa bleibt: Hannes glaubt nicht mehr daran, dass er dort jemals wieder wohnen wird.

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