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Bachelor in Charkiw, Master in Dresden

Anastasiia Zimnenko ist eine von etwa 100 ukrainischen Studierenden, die seit dem Krieg in Sachsen lernen. Andere müssen erst einmal in Vorbereitungskurse.

Von Lucy Krille
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Anastasiia Zimnenko studiert seit ihrer Flucht aus dem ukrainischen Charkiw an der Universität in Dresden.
Anastasiia Zimnenko studiert seit ihrer Flucht aus dem ukrainischen Charkiw an der Universität in Dresden. © kairospress

Es sind gerade lange Tage für Anastasiia Zimnenko. Die Ukrainerin studiert seit ein paar Wochen an der Technischen Universität in Dresden. Gleichzeitig bereitet sie sich auf ihren Bachelorabschluss in der Ukraine vor. Anastasiia kam am 22. Februar nach Deutschland. Zwei Tage, bevor der Krieg in der Ukraine eskalierte, beschlich sie ein komisches Gefühl und sie entschied sich, vorerst zu ihrer Schwester nach Dresden zu kommen.

Die 21-Jährige hat in der Universitätsstadt Charkiw gelebt und Informatik studiert. Von dort nahm sie die letzte Maschine nach Deutschland, bevor ihre Heimatstadt beschossen wurde. In ihren Koffer packte sie nur ein paar Pullover, Jeans und Sportschuhe. Doch bald wusste Anastasiia, dass sie länger als geplant bleiben muss. Sie bewarb sich für ein Austauschstudium in Dresden. "Ich wusste nicht, ob ich in der Ukraine weiter studieren kann", sagt Anastasiia. Einen Tag, nachdem sie die Zusage in Dresden bekommt, kam die Nachricht aus Charkiw, dass das Studium online weitergeht.

3.150 Studieninteressierte aus der Ukraine haben sich nach Angaben des Wissenschaftsministeriums in den letzten Wochen bei den sächsischen Hochschulen und Universitäten gemeldet, darunter fast ein Drittel aus Drittstaaten. Etwa die Hälfte von ihnen will ein Studium neu beginnen, die anderen wollen ein in der Ukraine begonnenes Studium fortsetzen.

Zu wenig Plätze in Deutsch-Kursen

Die Einrichtungen rechnen mit vielen Bewerbern für das kommende Wintersemester. Allein in Leipzig habe es 1.500 Anfragen für ein Studium gegeben, in Dresden 915.
65 Studierende besuchen die Vorlesungen bereits als Gasthörer, meist kostenlos. Doch da das Semester schon angefangen hat, empfiehlt beispielsweise die Hochschule Mittweida mittlerweile den Einstieg über ein Vorbereitungsprogramm mit Sprachkursen.

An den sächsischen Hochschulen konnten 520 Plätze in Sprachkursen organisiert werden – bei 600 Bewerbern. Das Problem sei weniger die Finanzierung dieser Kurse als vielmehr die Suche nach Lehrern. Dabei soll auch auf Studenten zurückgegriffen werden, sagt Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) am Dienstag.

Fehlende Deutschkenntnisse sind die größte Hürde für ein Studium. "Deutsch sprechen die wenigsten und selbst Englisch ist nicht besonders ausgeprägt", so Gemkow. Die Studierenden brauchen bei vielen Studiengängen aber das Deutschzertifikat C1. "Bei einem Sprachkurs mit 20 Wochenstunden dauert das 40 Wochen", teilt die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden mit.

Anastasiia fühlt sich mittlerweile wohl in Dresden. Sie kann sich vorstellen, im Wintersemester ein Masterstudium zu beginnen.
Anastasiia fühlt sich mittlerweile wohl in Dresden. Sie kann sich vorstellen, im Wintersemester ein Masterstudium zu beginnen. © kairospress

Studierende sollen auch an Fachhochschulen kommen

Anastasiia hat dagegen in der Ukraine schon mehrere Jahre Deutsch gelernt, weshalb sie direkt mit dem Studium in Dresden beginnen konnte. An der TU Dresden studieren derzeit übergangsweise sieben Ukrainer. An der Universität Leipzig sind zehn Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine für das laufende Semester immatrikuliert, in Chemnitz zurzeit elf.

"Die Herausforderung wird es sein, die Studierenden auch zu einem Studium außerhalb der großen Städte zu bewegen", sagt Gemkow. Dabei könnte das breite Angebot der Fachhochschulen helfen. Derzeit sind an der Hochschule Mittweida nach eigenen Angaben sogar schon 41 Studierende immatrikuliert, an der Bergakademie Freiberg sind es neun.

Große Nachfrage gibt es nach Studienfächern in den Naturwissenschaften, Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Informatik. Medizinstudenten müssen sich allerdings oft neu bewerben, weil das Bewerbungsverfahren für Fächer mit Numerus clausus in Deutschland kompliziert ist. Finanzielle Hilfe können Studierende beim Georgius-Agricola-Stipendium oder durch Bafög beantragen. "Wir wollen den klugen Köpfen helfen und sie gegebenenfalls auch hier halten", so Gemkow.

Sorgenvoller Blick in die Ukraine

Auch Anastasiia würde gern in Dresden ihren Master in Medieninformatik machen, um Webentwicklerin zu werden. Derzeit lebt sie bei ihrer Schwester, auch ihre Eltern sind in Deutschland. "Da bin ich etwas beruhigter", sagt sie. Die 21-Jährige blickt trotzdem sorgenvoll in die Ukraine, wo ihre Oma noch im Bombenkeller ausharrt und Freunde in Angst leben. Manche Kurse besucht sie mit russischen Kommilitonen. "Einer hat mir gesagt, dass er sich schämt, dass er aus Russland kommt", erzählt Anastasiia. "Da habe ich mich auch schlecht gefühlt. Er kann ja nichts für den Krieg."

Um die Sorgen und Fragen der Ukrainer aufzufangen, ist eine intensive Betreuung nötig, sagt Alexander Maacks von der Hochschule Mittweida. So helfen Studierendenräte und die Studentenwerke bei der Suche nach einer Unterkunft. In den Studentenwohnheimen gibt es nach Ministerienangaben noch 300 freie Plätze. Anastasiia kann sich vorstellen, später auch dort einzuziehen. Sie fühlt sich wohl in Dresden und betreut selbst ukrainische Kinder in einem Ankunftszentrum. Wenn dann noch Zeit bleibt, geht sie am liebsten wandern in der Sächsischen Schweiz.