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Savanne Lausitz - Trockene Böden, leere Flüsse

In der Lausitz wird es eng mit dem Wasser. Nirgendwo in Sachsen sind die Probleme so groß wie hier. Experten entwerfen bereits Notpläne.

Erst im Juli, nun wieder im September: Die Schwarze Elster ist nahe der sächsisch-brandenburgischen Landesgrenze ausgetrocknet.
Erst im Juli, nun wieder im September: Die Schwarze Elster ist nahe der sächsisch-brandenburgischen Landesgrenze ausgetrocknet. © picture alliance

Sie ist erst seit dem 3. August dabei. An jenem Montag setzt sich Christin Jahns morgens um acht in einen Dienstwagen der Marke Audi A4. Es geht von Dresden aus ostwärts. Die 47-Jährige ist Referentin aus dem für Oberflächengewässer und Hochwasserschutz zuständigen Referat 44 im sächsischen Umweltministerium. Ihr Ziel ist das brandenburgische Landesamt für Umwelt in Cottbus. Dort trifft sie gut zwei Stunden später ein, geht in einen Beratungsraum in der ersten Etage. Auf den Tischen stehen Kaffee, Wasser und ein paar Plätzchen. Das 22. Treffen der im August 2018 gegründeten Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Extremsituation“ beginnt.

Die Gruppe besteht aus bis zu 15 Frauen und Männern. Sie kommen aus Berlin, Brandenburg und Sachsen, sie arbeiten in Ministerien, Umwelt- und Landratsämtern, in Bergbaufirmen und Talsperren-Verwaltungen. Alle sind sie Experten fürs Wasser: Ingenieure, Geologen, Hydrologen. Ihre Aufgabe lautet offiziell: „Abstimmung notwendiger Maßnahmen in Trockenperioden“.

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Derzeit alle 14 Tage trifft sich die Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Extremsituation" im brandenburgischen Landesamt für Umwelt in Cottbus. Ihr Job ist es, die Lausitz, den Spreewald und Berlin mit Wasser von Spree und Schwarzer Elster sowie aus dem Braunkohlerevie
Derzeit alle 14 Tage trifft sich die Ad-hoc-Arbeitsgruppe "Extremsituation" im brandenburgischen Landesamt für Umwelt in Cottbus. Ihr Job ist es, die Lausitz, den Spreewald und Berlin mit Wasser von Spree und Schwarzer Elster sowie aus dem Braunkohlerevie © MLUK Brandenburg

Aktuell treffen sie sich alle 14 Tage. Stets montags von 10 bis 13 Uhr, manchmal auch bis zum Nachmittag. Mit ihren Laptops werfen sie Charts auf die Leinwand, Excel-Tabellen, Berechnungen. Es geht um Durch-, Zu- und Abflüsse, um Verdunstungsmengen, um Pegel- und Grundwasserstände. Von Sümpfungswasser ist die Rede, von Fließen und Vorflutern, von Abkürzungen wie SMEKUL, LDS, LfULG, SenUVK oder LBGR. Und alle sind sich einig: Die Wasserlage in der Lausitz sah schon mal besser aus.

Im Oberlauf der Spree habe sich die Niedrigwassersituation zugespitzt, heißt es da. Die Schwarze Elster sei zwischen Hoyerswerda und Senftenberg ausgetrocknet. In der Talsperre Spremberg falle der Wasserstand täglich um vier Zentimeter. Der Zufluss zum Spreewald und nach Berlin sei „signifikant eingeschränkt“. Die Experten fordern die Bevölkerung zum „sparsamsten Umgang mit Wasser“ auf. Die Allgemeinverfügungen zum Verbot der Wasserentnahme aus oberirdischen Gewässern seien „dringendst einzuhalten“.

Wie ganz Sachsen erlebt auch die Lausitz das drittes Dürre-Jahr in Folge. Für Klimaforscher Christian Bernhofer, Direktor des Instituts für Hydrologie und Meteorologie an der TU Dresden, steht bereits fest: „Wir haben in der Lausitz ein Übergangsklima.“ Eher kontinental, eher trocken. Heiß im Sommer, etwas kälter im Winter. Fehle in einer an sich schon eher trockenen Region der Regen, seien die Folgen schneller und heftiger spürbar.

Von mehr als drei Dürrejahren geht der Klimatologe Johannes Franke aus. Der Spezialist aus dem sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie konstatiert: „Wenn ich in das Zahlenwerk der atmosphärischen Daten schaue, dann sind es sogar schon sieben Jahre in Folge.“ Mittlerweile sei die Dürre für jeden sichtbar. „Was davor passierte, hatten nur die Messgeräte gesehen.“ Und schon vor zehn Jahren wagte sich Falk Böttcher, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst in Leipzig, mit einigen Kollegen an erste Prognosen für die Bodenfeuchte in der Lausitz. Experimentell war das damals. Nun hat Böttcher die damals errechneten Daten mit der Realität verglichen. „Erschreckend genau“ seien sie ausgefallen.

Nirgendwo in Sachsen fehlt so viel Niederschlag wie im Landkreis Bautzen. Inklusive aller Starkregen-Ereignisse beträgt das Defizit im Vergleich mit den Jahren 1961 bis 1990 fast ein Viertel.
Nirgendwo in Sachsen fehlt so viel Niederschlag wie im Landkreis Bautzen. Inklusive aller Starkregen-Ereignisse beträgt das Defizit im Vergleich mit den Jahren 1961 bis 1990 fast ein Viertel. © LfULG

Für Christin Jahns, die Geologin aus dem Umweltministerium, wäre es unprofessionell, unvorbereitet in Cottbus zu erscheinen. „Meist bekomme ich die Unterlagen schon donnerstags von unserem Landesumweltamt“, sagt sie. Dann stimme sie sich telefonisch mit der Landestalsperren-Verwaltung ab. „Manchmal sitze ich noch sonntags abends daheim, um die Daten zu studieren.“

Mitte August ist Jahn wieder in Cottbus. „Wir haben uns da zusammengerappelt, wir lernen viel über die Systeme Spree und Schwarze Elster.“ Prämisse sei es stets, die Wasserqualität in der Lausitz und im Spreewald sowie die Wasserversorgung für Berlin aufrechtzuerhalten. „Wir wissen, welche Pegel welchen Durchfluss haben müssen, damit das funktioniert.“ 

Trotz Verbots: Schnorchel-Pumpen in der Spree

In Spreewitz zum Beispiel sollten optimalerweise mindestens sechs Kubikmeter Wasser je Sekunde fließen, derzeit seien es gut zwei weniger. Richtig kritisch werde es, wenn der Durchfluss dort unter drei Kubikmeter falle. Am 16. Juni sei man kurz davor gewesen, „da waren es nur 3,4 Kubikmeter.“ Also muss von irgendwo her Wasser kommen. Aus den Talsperren Bautzen und Quitzdorf zum Beispiel. Oder aus den Speicherbecken des Braunkohlereviers: Bärwalder See, Lohsa 1, Bernsteinsee. „Wir haben es bisher immer aussteuern können“, sagt Jahns.

Was weniger gelingt: die Öffentlichkeit zu sensibilisieren für die knapper werdende Ressource Wasser. Berichte von Anrainern, die im Spreewald heimlich Wehre hochziehen, machen die Runde. Oder von Leuten, die nachts trotz Verbots Schnorchel-Pumpen in die Spree werfen, um ihren Rasen zu sprengen. „Wir kämpfen um jeden Liter Wasser“, sagt Jahns. „Und darum, wie wir den richtig verteilen.“

Sogar für diese Sonnenblume auf einem Feld bei Partwitz im Landkreis Bautzen war in diesem Sommer die Sonne zu stark. Der fehlende Regen hat das Feld, auf dem sie steht, austrocknen lassen.
Sogar für diese Sonnenblume auf einem Feld bei Partwitz im Landkreis Bautzen war in diesem Sommer die Sonne zu stark. Der fehlende Regen hat das Feld, auf dem sie steht, austrocknen lassen. © picture alliance

Zurück nach Leipzig, zum Deutschen Wetterdienst. Falk Böttcher betont, dass man damals, 2010, durchaus schon hätten sehen können, was auf die Lausitz zukommt. „Nämlich, dass die Normalität abnimmt, dass aus Trockenheit schnell eine Dürre wird und aus Regen eine Flut.“ 

Klimaforscher Bernhofer von der TU Dresden pflichtet dem bei. Zwar habe sich der Jahresniederschlag über die letzten 100 Jahre hinweg in der Lausitz kaum verändert, sagt er. Allerdings werde der Niederschlag anders verteilt als bisher. Dürre und Flut seien die beiden Extreme ein- und derselben neuen Witterung. „Die Wahrscheinlichkeit, dass es drei Jahre hintereinander trocken bleibt, hat zugenommen“, sagt Bernhofer. „Aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass es drei Jahre hintereinander mal richtig nass werden wird.“

Wenn es regnet, wird daraus schnell eine Flut

Die vergangenen Wochen waren dafür schon fast typisch. Fast den ganzen August über war es heiß und trocken. Dann kam der 30. August, der hatte ziemlich viel gemeinsam mit den Tagen der großen Flut 2010 an der Neiße. Es herrschte eine Fünf-B-Wetterlage, bei der in der Regel ein Tief von Italien aus nordostwärts zieht. Das bringt so viel Wasser mit, wie sonst in mehreren Monaten fällt. In Görlitz etwa fielen im August durch Starkregen rund 130 Liter pro Quadratmeter. Das ist fast doppelt so viel wie das langjährige Mittel.

Starkregen wie hier in Temritz im Landkreis Bautzen und nach relativ langer Trockenheit prägen auch zukünftig das Wetter in der Lausitz. Vor allem der Grundwasserbildung nutzt starker Regen gar nichts. Er fließt viel zu schnell wieder ab.
Starkregen wie hier in Temritz im Landkreis Bautzen und nach relativ langer Trockenheit prägen auch zukünftig das Wetter in der Lausitz. Vor allem der Grundwasserbildung nutzt starker Regen gar nichts. Er fließt viel zu schnell wieder ab. © RocciPix.de / Rocci Klein

Der starke Regen entspannt zwar kurzfristig die Lage in Flüssen, Seen und Teichen, dem Boden indes nutzt das wenig. Der kann so schnell so viel Wasser gar nicht aufnehmen. Dabei braucht der Boden in der Lausitz dringend Wasser. In der ohnehin schon trockenen und sandigen Niederlausitz fehlt seit November 2017 etwa die Menge eines halben Jahresniederschlags. 

Von einer „Dürre unter der Oberfläche“ spricht Johannes Franke, der Klimaforscher im Landesumweltamt. Das ganze Ausmaß bleibe zunächst im Verborgenen, das Desaster vollziehe sich unbemerkt. Der Boden, ergänzt Meteorologe Böttcher, ist das Langzeitgedächtnis der Trockenzeiten. Diese Wasserspeicher aber seien fast leer. Mit gravierenden Folgen für das Grundwasser. „Da fließt nichts mehr nach unten durch.“

Die Referenzmessstellen in Sachsen ergeben, dass das Grundwasser in diesem Jahr gut einen halben Meter tiefer unter der Oberfläche ist als im langjährigen Mittel. In der Lausitz hält die Messstelle im Weiler Luttowitz im Landkreis Bautzen den Rekord: Das Minus beträgt dort 2,15 Meter.

Zu wenig Wasser in den Speichern

„Uns reißt der Grundwasserspiegel ab“, sagt Christin Jahns. Das sei das Alarmierende, darum wolle man, nein, müsse man die Bevölkerung sensibilisieren. Das Problem sei hier nicht der Sommer, sondern der fehlende Niederschlag in der kalten Jahreszeit. „Wir können die Speicher nicht mehr auffüllen, weil die Winter zu trocken waren.“ Oder wie es Wetterkundler Böttcher formuliert: „Wir haben den Eimer einfach nicht voll bekommen.“

Der Dresdner Hydrologe Thomas Wöhlings betont, Grundwasserneubildung passiere erst, wenn der Boden gesättigt ist. Der Boden sei wie ein Schwamm, erst wenn der zu einem gewissen Grade gefüllt sei, laufe das Wasser unten raus. „Ein feuchter Monat bringt da gar nichts, das System ist träge“, sagt Wöhlings. Zwei feuchte Jahre könnten da vielleicht etwas bewirken.

Daran denkt im Hochsommer allerdings fast niemand. Mitte August teilt Gisela Reetz, Staatssekretärin im Umweltministerium in Dresden, mit: „Wir haben in den sächsischen Speichern deutlich weniger Wasser, die Situation spitzt sich zu. Voraussichtlich ab Ende September könnten die Kapazitäten in Sachsen aufgebracht sein, die Abflüsse im Gebiet der Spree kämen dann „teilweise zum Erliegen“.

Die Spree war im Hochsommer tatsächlich dabei, zu einem Rinnsal zu werden. Nur dank des abgepumpten Grundwassers aus den Braunkohletagebauen blieb sie ein Fluss. Vor dem Starkregen Ende August stammte 60 Prozent des Spreewassers in Spremberg aus dem Lausitzer Revier. Auch Berlin reagierte: Per Anordnung wurden sämtliche Wehre der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung geschlossen oder stark gedrosselt, um den Wasserhaushalt der Bundeshauptstadt zu stützen.

Nur dank des abgepumpten Grundwassers aus dem Lausitzer Braunkohlerevier blieb die Spree bis zum Starkregen Ende August ein Fluss. Sonst wäre sie zum Rinnsal verkommen. Fast 60 Prozent des Spreewassers kam aus Tagebauen. Mitunter ist das stark eisenhaltig
Nur dank des abgepumpten Grundwassers aus dem Lausitzer Braunkohlerevier blieb die Spree bis zum Starkregen Ende August ein Fluss. Sonst wäre sie zum Rinnsal verkommen. Fast 60 Prozent des Spreewassers kam aus Tagebauen. Mitunter ist das stark eisenhaltig © dpa-Zentralbild

Die Jubiläumssitzung der Cottbuser Arbeitsgruppe, das 25. Treffen am 14. September, ist pünktlich zu Ende gegangen. Bereits um halb drei nachmittags sitzt Christin Jahns wieder im Innenhof des Umweltministeriums bei einem Kaffee der Kantine. Sie berichtet, dass man sich bei den Bergbauspeichern immer weiter den Grenzwasserständen nähere. Im schlimmsten Fall könnte man sie nicht mehr touristisch nutzen. Beim Dreiweiberner See nahe Lohsa wäre das fast geschehen.

Jahns blättert in einer Mappe und zeigt dann ein Din-A4-Blatt mit vielen blauen und orangefarbenen Kreisen. Fast alle sind mit Linien verbunden. Die Zeichnung sieht aus wie ein Schaltplan. „Das ist die Netzstruktur der oberirdischen Gewässer im Lausitzer Revier“, sagt Jahns. Die Übersicht helfe dabei zu entscheiden, welches Wasser wohin fließen soll. Die Nutzung des Dreiweiberner Sees etwa sei möglich geblieben, weil man zum einen Wasser aus dem Speicherbecken Lohsa 1 zugeleitet habe und zum anderen Wasser aus bereits abgefischten Teichen. Wasser aus der Schwarzen Elster habe man brüderlich geteilt zwischen Brandenburg und Sachsen: „Die eine Hälfte floss in den Senftenberger, die andere in den Geierswalder See.“ Zudem sollte der 2019 eröffnete Barbarakanal zum Partwitzer See schiffbar bleiben. „Auch das ist uns gelungen.“

Wie der Schaltplan für ein Kernkraftwerk sieht die Netzstruktur für das Flutungsmanagement der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungs-GmbH (LMBV) aus. Jeder Kreis ist ein See.
Wie der Schaltplan für ein Kernkraftwerk sieht die Netzstruktur für das Flutungsmanagement der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungs-GmbH (LMBV) aus. Jeder Kreis ist ein See. © LMBV

Trotz des Erfolgs: Die Lage hat sich im September nicht wirklich verbessert. Bis Mitte voriger Woche fielen etwa in Görlitz nur 10 Prozent vom Normalwert an Regen. Die Talsperre Bautzen ist nur zu 39 Prozent gefüllt. Die Talsperre Quitzdorf ist nach kleineren Bauarbeiten wegen Wassermangels immer noch nicht aufgefüllt. Die Schwarze Elster trocknet zwischen Neuwiese und Kleinkoschen erneut aus. Die Durchflüsse an den Spree-Pegeln lagen am 15. September nur bei 10 bis 40 Prozent des üblichen Monatsmittels. Einschneidende Auswirkungen in der Lausitz werden voraussichtlich spätestens im Oktober unausweichlich sein“, schreibt die Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Extremsituation.

Das klingt dramatisch, doch Christin Jahns beruhigt. „Noch bin ich ziemlich relaxt. Dieses Jahr kriegen wir es nach jetzigem Stand noch ausgesteuert“, sagt sie. Gleichwohl habe die Gruppe begonnen zu überlegen, wie es nach dem nächsten Winter weitegehe. „Wird der wieder zu trocken, dann könnte es richtig ernst werden.“ Zu viel Alarmismus? Jahns wählt dann doch die Sprache der Wasserwirtschaftler: „Das Stauziel für die Talsperren Bautzen wird bis zum April 2021 mit einer Wahrscheinlichkeit von 36 Prozent nicht erreicht.“ 

Hier finden Sie alle Teile unserer Serie "Savanne Lausitz? Der Kampf um das Wasser".

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