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Frau Hornschuh, wie deuten Sie Träume?

Eine Dresdner Heilpraktikerin für Psychotherapie setzt sich damit auseinander, was der Körper Überraschendes im Schlaf mitzuteilen hat. Ein Teil der Serie "Ich & Wir".

In einer Welt, in der wir uns immer weniger mit unserem Inneren beschäftigen, hat Katja Hornschuh in Träumen den Schlüssel zur eigenen Kraft gefunden.
In einer Welt, in der wir uns immer weniger mit unserem Inneren beschäftigen, hat Katja Hornschuh in Träumen den Schlüssel zur eigenen Kraft gefunden. © Thomas Kretschel

Mein Leben hat sich während meiner Schwangerschaft gewandelt, als mir meine Hebamme eine Craniosacral-Therapie empfohlen hat. Damals hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet: Wie sollten durch bloße Berührungen Verspannungen aufgespürt und korrigiert werden? Doch es ist möglich und es war eine tiefe und wunderbare Begegnung mit mir selbst. Das wollte ich auch lernen und so habe ich diese Begeisterung dafür zu meinem neuen Beruf gemacht.

Während der Ausbildungen seit 2011, habe ich die Prozessorientierte Psychologie nach Arnold Mindell kennengelernt: Ein Ansatz, in dem unter anderem mit Träumen, traumähnlichen Zuständen, Körpersymptomen und Traumata gearbeitet wird. Seit 2014 besuche ich auch dazu regelmäßig Weiterbildungen. Nicht nur das nächtliche Geschehen ist bedeutsam – Traumarbeit reicht weit in unser Alltagserleben hinein: Tagträume, Fantasien, spontane Ereignisse und vieles mehr. Wenn zum Beispiel jemand mit Rückenschmerzen zu mir kommt, bietet es sich an, die Körpersymptome auf verschiedene Weise zu erforschen: Woher weiß ich überhaupt, dass ich Rückenschmerzen habe? Nehme ich den „Schmerz“ noch auf andere Weise wahr? Und schon tauchen wir in eine ganz andere Ebene ein, in der es weniger Worte gibt, dafür mehr Empfinden und eine ausgeprägtere Körperwahrnehmung. Dies ist ein traumähnlicher Zustand. Bereits durch dieses Erforschen verändert sich der „Schmerz“. Denn Träume und Körpersymptome stehen in Verbindung. Daher ist es hilfreich, sich unseren Träumen zuzuwenden und die Arbeit an den Rückenschmerzen kurz zur Seite zu legen.

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"Wenn wir lang genug weghören, können es Schmerzen werden"

Das kann der Traum von letzter Nacht sein. Allerdings mache ich mit meinen Klienten oft die Erfahrung, dass sie sich selten erinnern, was sie in den letzten zwei Wochen geträumt haben. Träume aus der Kindheit sind manchmal präsenter. Letztendlich ist maßgeblich, was im Moment aufkommt: Das ist unser Wegweiser für den aktuellen Prozess. Können wir uns für die Möglichkeit öffnen, dass ein Kindheitstraum – an den wir uns nach all den Jahren erinnern – heute noch relevant ist?

Begeben wir uns also auf einen unbekannten Pfad, immer tiefer ins innere Erleben hinein: Was in diesem Traum weckt unser Interesse wirklich? Diesen Teil erforschen wir dann näher, ganz ohne Urteil, ohne gut oder schlecht – sondern mit Achtsamkeit und Wertschätzung. Gibt es vielleicht eine Verbindung zu den Rückenschmerzen? Denn oft zeigt sich eine Eigenschaft beziehungsweise eine Kraft, die wir in unserem Leben brauchen und mehr einsetzen könnten, die aber bisher unbewusst und dadurch ungelebt war. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Rückenschmerzen verändern, wenn wir diesen neuen unbekannten Anteil in uns mehr integrieren und nutzen.

Der Körper kommuniziert durch Ereignisse und Symptome; wenn wir lang genug weghören, können es Schmerzen werden. Wenn wir den Signalen des Körpers folgen, können wir herausfinden, was dahintersteht, und mehr zu uns selbst finden. Ein früher Kindheitstraum kann unser roter Faden sein, der Hinweise für unser inneres Wachsen und Werden offenbart.

"Meistens zeigt nur das schwächste Glied in der Kette das Symptom"

Ich nutze gern die Weisheit und Kraft der Träume: Jedes Mal, wenn ich merke, dass etwas im Argen liegt, kann ich mir meine Träume und meinen Körper anschauen und nach einer Verbindung suchen. Oder ein intensiver Traum macht mich auf etwas aufmerksam. Manchmal hilft es, mit inneren Figuren zu arbeiten: Zum Beispiel gibt es den sogenannten inneren Kritiker – eine Stimme im Inneren, die die meisten von uns kennen. Oft sagt sie uns Dinge wie: du bist nicht gut genug; das klappt doch eh nicht; du bist es nicht wert. Es hilft schon, wirklich zuzuhören, zu beobachten – ohne zu bewerten. Wenn wir den inneren Anteilen aus einem anderen Blickwinkel wertschätzend zuhören, bekommen wir mitunter eine unterstützende Aussage.

Auch wenn es schwerfällt, ist es hilfreich, den Verstand dabei für einen Moment nicht einzusetzen; sondern in die Körpererfahrung zu gehen, ganz tief hineinzuspüren; den Impulsen zu folgen und dem Ganzen kein Urteil beizumessen. Selbst die bizarrsten Erfahrungen ergeben Sinn, wenn wir einen persönlichen, individuellen Zusammenhang zum eigenen Leben herstellen. Diese scheinbar verloren gegangene Fähigkeit lässt sich leichter wecken, als wir meinen.

Was macht es für uns so wichtig, sich mit den inneren Ereignissen zu beschäftigen; den eigenen Weg zu suchen; sich dabei zu bestärken und wertzuschätzen? Sogar dann, wenn unser Umfeld das als unangenehm empfindet und dagegenschießt? Oder möchten wir – aus gutem Grund – weiterhin alles so lassen, wie es ist und gut funktionieren, weil der Stress sonst zu groß wird? Das sind berechtigte Bedenken. Manchmal tauchen innere und äußere Widerstände auf und manchmal ist es ein klarer und leichter Weg. Auch das ist individuell. Wer sich allen Widrigkeiten zum Trotz weiter auf seinen Weg begibt, seinem inneren Kompass folgt, der sollte mit seinem Umfeld im Gespräch bleiben; nicht um die Mitmenschen zu überzeugen, sondern um zu zeigen, worum es geht und was gerade für den Einzelnen von Bedeutung ist. Besonders für Familien ist es wichtig, alle Mitglieder mit einzuladen. Denn meistens zeigt nur das schwächste Glied in der Kette das Symptom und wird zum „Problemkind“. Die ganze Familie mit einzubeziehen ist viel wirksamer, viel tiefgreifender, viel nachhaltiger.

"Wir entfernen uns mehr und mehr von unserem ureigensten Kern"

Als ich diese Methoden kennengelernt habe, war ich so fasziniert und habe gedacht, davon kann doch wirklich jeder profitieren. Es könnte für alle Menschen hilfreich sein. Aber tatsächlich braucht es eine innere Bereitschaft, sich selbst begegnen zu wollen. Da spielen viele persönliche Faktoren eine Rolle. Manche Menschen treffen in bestimmten Lebensumständen die bewusste oder unbewusste Entscheidung, sich nicht tiefer für sich selbst zu öffnen. Das gilt es ebenso zu respektieren und wertfrei stehenzulassen. Ich kann nur Angebote machen, die eine Einladung sind, die Menschen auf ihrem Weg zu unterstützen und zu begleiten. Aber den Weg zu gehen liegt bei jedem selbst. Ich teile gern meine Begeisterung darüber, dass wir aus den Krisen und Schmerzen unseres Lebens oft neue Erkenntnisse, Eigenschaften und Freude gewinnen können. Oft ist es leichter, als wir denken. Bei mir ist es zum Beispiel auch so, dass meine Kindheitsträume noch sehr präsent sind. Vor allem ein Traum war vor vielen Jahren noch einmal wichtig für mich – obwohl ich ihn nur einmal geträumt habe: In jener Nacht bin ich zur Tür hinaus und um unser Haus geflogen. Als ich mit dem Traum gearbeitet habe, zeigte sich, dass der eine Teil das Fliegen und die damit verbundene innere Freiheit war. Der andere Teil, der nicht repräsentiert wurde, aber implizit bereits da war, ist mein Da-Sein am Boden. Im übertragenen Sinne brauchte ich damals mehr Bodenhaftung, um in der Alltagsrealität bewusster agieren zu können.

Wenn ich mich heute mit dem Traum beschäftigen würde, wäre etwas anderes für mich interessant, da meine Situation heute eine andere ist. Das macht das Arbeiten mit Träumen so spannend und vielfältig, gerade in einer Zeit, in der die innere Erlebniswelt wenig Beachtung bekommt. Das Schauen nach Innen wird nicht mehr gelehrt und geübt. Wir entfernen uns mehr und mehr von unserem ureigensten Kern – von unserer innersten Natur. Wenn wir zu viel im Außen sind – zu viele Medien nutzen, uns zu sehr an anderen orientieren –, vergessen wir irgendwann, wer wir selbst sind, was wir fühlen und was auf unserem individuellen Pfad im Leben wirklich wichtig ist: Unserem Herzen zu folgen ist der Kompass für ein glückliches Leben mit sich selbst und im Miteinander. Wenn wir die innere Welt mehr in unser Leben integrieren, bekommen wir Zugang zu weiteren Informationen, Möglichkeiten und einer ureigenen Weisheit.

"Wer kontinuierlich dranbleibt ... kann davon enorm profitieren"

Das sind wir meist nicht gewöhnt. Man stelle sich nur mal einen Vortrag vor, bei dem der Redner seinem Impuls folgt und sich vor dem Publikum kurz nach innen wendet, um sich zu sammeln und sich mit seiner inneren Kraft zu verbinden. Es bräuchte sehr viel Mut zu sagen: „Einen kleinen Moment bitte, ich sammle mich kurz und wende mich Ihnen gleich wieder zu“. Dabei wäre es hilfreich, um wirklich präsent zu sein.

Wer achtsam, bewusst und klar durchs Leben geht, kann diese Ressource irgendwann sogar im Schlaf nutzen und so seine Träume beeinflussen.

Beim sogenannten luziden Träumen – oder auch Klarträumen – geht es darum, sich bewusst zu werden, dass man gerade träumt. Das braucht einiges an Übung. Doch wer kontinuierlich dranbleibt und sich nicht entmutigen lässt, kann davon enorm profitieren. Es wirkt schon, sich vor dem Einschlafen bewusst zu wünschen, einen Klartraum erleben zu wollen, dann den Wecker nachts alle zwei Stunden zu stellen und ein Traumtagebuch zu führen. In der zweiten Nachthälfte unterstützt man den Klartraum, indem man halb liegend weiterschläft – so bleibt man etwas wacher und bewusster. Natürlich brauchen wir auch weiterhin unsere Tiefschlafphase. Deshalb sollten wir unserem Körper zu Beginn der Nacht ruhig ein paar Stunden gönnen, bevor der Wecker das erste Mal klingelt. Morgens wird der Schlaf ohnehin flacher.

In der tibetisch-buddhistischen Lehre heißt es: zuerst bist du luzide im wachen Leben, dann bist du luzide in der Meditation und dann bist du luzide in den Träumen. Das bedeutet, je achtsamer, bewusster und mitfühlender ein Mensch im Leben und in der Meditation ist, desto leichter ist der Zugang zu den Klarträumen.

"Sehr spannend finde ich die Möglichkeit, im Schlaf Alltagsfähigkeiten weiterzuentwickeln"

Wenn wir zu angestrengt und zu verbissen Klarträume erzeugen wollen, wird es schwierig, weil wir uns nicht mehr entspannen können. Das Loslassen spielt nämlich eine wichtige Rolle. Ich merke, wenn mich eine körperliche Anspannung am Loslassen hindert. Also kurz Nacken checken, Schultern checken, dann den gesamten Körper und aktiv loslassen.

Falls es gelingt, geht es in erster Linie nicht darum, sich im Traum Bedürfnisse zu erfüllen, sondern sich weiterzuentwickeln. Natürlich kann es superschön sein, im Traum zu fliegen oder einen Ferrari zu fahren, aber am Morgen fährt man doch wieder mit dem Bus zur Arbeit, das ist und bleibt die Alltagsrealität. Was wir in unseren Klarträumen erschaffen, ist eine Frage der inneren Motivation und des eigenen Forschergeists. Was treibt mich an?

Sehr spannend finde ich die Möglichkeit, im Schlaf Alltagsfähigkeiten weiterzuentwickeln: Wenn ich zum Beispiel ein Instrument spiele, profitiere ich auch vom imaginären Spielen – das weiß jeder Musiklehrer. Ebenso verbessere ich mein Können, wenn ich im Klartraum bewusst dieses Instrument spiele. Dies gilt für alles in unserem Leben. Wir können herausfordernde Situationen im Klartraum ausprobieren, unsere Fähigkeiten weiterentwickeln und sogar die Meditationspraxis weiterverfolgen. Wir schlafen in unserem Leben so viele Stunden, damit sich unser Körper regenerieren kann, aber unser Geist kann in dieser Zeit weiteragieren. Wir können die Schlafzeit zusätzlich nutzen, um unsere geistigen und körperlichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln: Diese Möglichkeit finde ich so fantastisch, so faszinierend.

Notiert von Marvin Graewert.

In der Reihe „Ich & Wir“ erzählen Menschen aus Sachsen, wie sie die Brüche in der Gesellschaft erleben.

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