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Unerwarteter Einzug in die alte Platte

Es war eine Sensation: In Leipzig lebt die Alpenfledermaus. Tierschützer versuchen nun, deren Leben in Ritzen unsanierter Plattenbauten zu erforschen.

Zarte Schönheit: Das Alpenfledermaus-Männchen ist ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel.
Zarte Schönheit: Das Alpenfledermaus-Männchen ist ungefähr so groß wie eine Streichholzschachtel. © Matthias Rietschel

Es ist kurz vor 19.30 Uhr an diesem wechselhaften Sommerabend, und Colette Henrichmann radelt in den Nordosten von Leipzig. In ihrem Anhänger transportiert sie ungewöhnliche Dinge, darunter die auseinandergebauten Ruten von Hochseeangeln und ein zusammengerolltes, engmaschiges Netz. Ihr Ziel ist das Plattenbauviertel Paunsdorf. Über zehntausend Menschen leben hier in Betongebäuden aus den 80ern, unweit des Amazon-Firmengeländes und in Hörweite der A 14. Zwischen begrünten Innenhöfen, Balkonen voller Geranien und einer Grünanlage mit Teich, dem Bogensee, haben aber noch ganz andere Wesen eine neue Heimat gefunden. Fledermäuse, genauer gesagt: Alpenfledermäuse.

Hypsugo savii siedelt eigentlich im Süden Europas. Auf Bergen bis zu 3.000 Metern, auch in mediterranen Küstenlagen. Und neuerdings in Deutschland, in Sachsen. In den Ritzen der unsanierten Plattenbauten vom Typ WBS 70 logiert sie weitgehend unerkannt und unbeachtet von den menschlichen Bewohnern. Vorzugsweise auf den oberen Stockwerken, meist zwischen der vierten und fünften Etage. Es war eine kleine Sensation, als bekannt wurde, dass die Alpenfledermaus in Leipzig lebt. Eine Lebensgemeinschaft mit Nachwuchs, eine sogenannte Wochenstube, gab es zuletzt vor 70 Jahren in Bayern.

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Colette Henrichmann und ihre Mitstreiter von der Leipziger Interessengemeinschaft Fledermausschutz wollen an diesem Abend wieder einmal erkunden, ob sich die ungefähr streichholzschachtelgroßen Einwanderer nicht nur für eine begrenzte Zeit, sondern längerfristig in Sachsen niedergelassen haben und für Nachwuchs sorgen. Die ehrenamtlichen Fledermausschützer und Forscher haben mehrere Netze mitgebracht, um sie in der Dämmerung aufzubauen und Fledermäuse zu fangen. Denn nur auf diese Weise kommt man den fliegenden Säugern so nahe, dass man sie genau bestimmen, messen, wiegen und vielleicht mit einem kleinen Sender versehen kann.

Colette Henrichmann blickt jedoch besorgt zum Himmel. Immer größer und dunkler werden die Wolkentürme. Regen aber ist schlecht. Feuchtigkeit verwandelt die feinen, acht Meter hohen Fangnetze in schwere Wände. Zur Orientierung und bei der Jagd nutzen Fledermäuse Ultraschall. Sie senden Laute aus und machen sich anhand des Echos Bilder von ihrer Umgebung und ihrer Beute. Die trockenen Netze, die die Beschaffenheit von zarten, feinmaschigen Haarnetzen haben, entgehen der Echoortung. Nasse Netze jedoch erkennen die Tiere als Hindernis – und umfliegen es.

Nach langem Warten geht an der Brücke über dem Bogensee endlich eine Fledermaus ins Netz: Die Leipziger Fledermausschützer holen einen der fliegenden Säuger aus ihren feinen Fangnetzen. Sie ragen bis zu acht Meter in den Himmel.
Nach langem Warten geht an der Brücke über dem Bogensee endlich eine Fledermaus ins Netz: Die Leipziger Fledermausschützer holen einen der fliegenden Säuger aus ihren feinen Fangnetzen. Sie ragen bis zu acht Meter in den Himmel. © Matthias Rietschel

Tatsächlich beginnt es zu tropfen. Dann schüttet es. „Das zieht vorüber“, sagt Maxim Ludwig. Fledermausforscher sind Unbilden gewöhnt. Da die Tiere ab der Dämmerung oder in der Nacht jagen, sind auch die Fledermaus-Aktivisten nächtelang unterwegs. Immer mehr Menschen treffen ein und beginnen, die Netze aufzubauen. Nur, wer eine spezielle Genehmigung hat, darf Fledermäuse zu wissenschaftlichen Zwecken fangen.

Die IG Fledermausschutz ist ein lockerer, aber engagierter Zusammenschluss Fledermaus begeisterter Menschen. Die meisten um die 40 oder jünger, aus unterschiedlichsten Berufen. Der Klempner und Rentner Reinhard Rudolf zum Beispiel beteiligt sich nicht nur an der Suche nach den Alpenfledermäusen, sondern auch an der Rettung verletzter und geschwächter Fledermäuse oder solcher, die durch Baumaßnahmen obdachlos geworden sind. In kleinen Kunststofftaschen transportiert er sie zu Menschen, die die Tiere füttern und so bald als möglich auswildern. Neulich fuhr er dafür sogar bis nach Döbeln. „Was soll man machen, wenn sich sonst niemand findet“, sagt er und lacht.

Inzwischen stehen die Netze. Am Brückengeländer sind nun die Stangen der Hochseeangeln befestigt und ragen himmelwärts. Dazwischen hängen noch zusammengefaltet die weißen Netze. „Wir warten mit dem Aufziehen, bis es noch dunkler ist“, erklärt Sarah Malaske. „Sonst verfangen sich Vögel darin“.

Die ersten Hinweise, dass Alpenfledermäuse in Paunsdorf leben, tauchten vor vier Jahren auf. Bei Sanierungsmaßnahmen ist es heute aus naturschutzrechtlichen Gründen vorgeschrieben, klären zu lassen, ob Tiere der 25 in Deutschland ansässigen Fledermausarten in dem Gebäude nisten. Manchmal verraten Kotkrümel ihre Anwesenheit. Oft folgen die Experten akustischen Hinweisen: Mithilfe von Detektoren oder Aufsätzen für Handys können die Rufe hörbar gemacht und zum Teil auch bestimmt werden. Jede Art bewegt sich auf einer eigenen Frequenz und hat einen speziellen Ruf. Die Alpenfledermaus ruft bei ungefähr 33 Kilohertz. Ihr Ruf ist in den vergangenen Jahren schon an einigen Stellen in Deutschland und Sachsen vernommen worden, darunter in Dresden und Grimma. In Leipzig-Paunsdorf waren die Hinweise besonders stark.

Seither haben Fledermausschützer das Wohngebiet im Blick und bereits einige Weibchen gefunden. Die Suche nach den Tieren ist eine Herausforderung. „Es braucht Zeit, Geduld, Wissen und eine technische Grundausstattung“, sagt Colette Henrichmann. Fledermäuse lassen sich nicht so gut mit bloßem Auge beobachten wie etwa Vögel. Und selbst, wenn jemand zufällig sieht, wie eine kleine Alpenfledermaus aus einer Ritze aus- oder einfliegt, ist es schwierig, sich den Tieren zu nähern. „Die Ritzen der Betongebäude sind nicht nur oberflächlich, sondern reichen weit in die Tiefe.“

Erst schwanger werden, wenn es wärmer wird

Einige Fledermaus-Arten leben auf Dachböden und hängen in Trauben von der Decke herab. Winterquartiere sind oft in frostfreien Höhlen. Die Alpenfledermaus jedoch versteckt sich auch in ihrer Heimat in Südeuropa möglichst tief in den Spalten von Felsen oder Gebäuden. Für den Menschen sichtbar wird sie höchstens an Abenden zwischen Frühjahr und Herbst, sobald sie ihre Behausung verlässt, um Insekten zu fangen. In Paunsdorf rast sie dicht um die obersten Etagen der Wohnhäuser. Manchmal jagt sie im Schein der Straßenlampen auf der Goldsternstraße oder in den Grünanlagen.

Im Spätsommer oder Herbst findet die Paarung statt. Den Samen der Männchen tragen die Weibchen während des Winterschlafs in sich. Sobald es wärmer wird, leiten sie die Schwangerschaft ein und suchen ihre Wochenstuben auf, die sie gern immer wieder nutzen. Im späten Frühjahr kommen die Jungtiere zur Welt, meist eines pro Weibchen. Die Fledermaus-Damen leben in Kolonien: Verlässt eine das Quartier, um Nahrung zu besorgen, passen die anderen mit auf den Nachwuchs auf. Einige Fledermaus-Arten bilden große Kolonien. Die Lebensgemeinschaften der Alpenfledermäuse sind eher klein mit maximal 70, oft aber bedeutend weniger Tieren. Ungefähr Ende Juli, Anfang August sind die Jungen flügge. „Deshalb machen wir Netzfänge oft um diese Zeit, um die Tiere nicht zu sehr zu stören“, sagt Colette Henrichmann.

Es wird immer dunkler. Die Netze sind nun aufgezogen und nehmen die gesamte Länge der gut 20 Meter langen Brücke ein. Auf einem Campingtisch liegen eine Briefwaage, Lampen, Messgeräte, bunte Stoffsäckchen, Schreibzeug und Bestimmungshilfen bereit, außerdem Handschuhe. Mehrere Fledermausdetektoren sind auf der Brücke verteilt, eingestellt auf 33 Kilohertz. Aber noch lässt sich keine Fledermaus hören. Man vernimmt nichts als das Surren von Mücken, die die Fledermaus-Aktivisten bedrängen. Colette Henrichmann lässt ihre Autan-Flasche kreisen.

Wenn die Mitglieder der Interessengemeinschaft in Paunsdorf mit ihren Netzen unterwegs sind, werden sie häufig angesprochen, was sie da machen. Manche Passanten schimpfen ein bisschen über „diese Spinner“ und ob es nichts Wichtigeres im Leben gebe. Andere erkundigen sich, ob die Tiere Corona übertragen könnten. Bisher gibt es dafür keine Beweise. Die meisten Menschen aber seien interessiert und glücklich, wenn zufälligerweise gerade eine Fledermaus ins Netz geht und wenig später betrachtet werden kann. Als er das erste Mal eine Fledermaus in der Hand halten und sie beobachten durfte, sei er der Faszination der Fledermäuse endgültig erlegen, erzählt Maxim. „Sie sind sehr speziell und nicht so werbewirksam wie Eisbären“, sagt Marco Roßner, der in einem Fledermausbüro arbeitet. „Sie sind unglaublich interessant. Manche wiegen fünf Gramm, aber legen jede Nacht Hunderte Kilometer zurück.“ Spannend sei auch ihr Sozialleben. „Wenn sich die Tiere in den Wochenstuben zusammendrängen, kommen die säugenden Mütter in die Mitte, und außen halten die kinderlosen Jungtiere die Gruppe warm.“

Hier wohnen die Alpenfledermäuse, in den Ritzen von unsanierten Plattenbauten aus DDR-Zeiten in Leipzig-Paunsdorf.
Hier wohnen die Alpenfledermäuse, in den Ritzen von unsanierten Plattenbauten aus DDR-Zeiten in Leipzig-Paunsdorf. © Matthias Rietschel

Dann, ganz plötzlich, 21.54 Uhr, nach fast zwei Stunden Warten, tut sich etwas in den Detektoren. Ein seltsames, regelmäßiges Knacken ist zu hören. Kurz darauf steckt eine Fledermaus im Netz. Maxim nimmt sie vorsichtig heraus aus dem Gewebe. Es ist keine Alpenfledermaus, aber ein Kleinabendsegler. Ein junges Weibchen. Es wird gewogen, vermessen und fotografiert. Seine Protestrufe sind in den Detektoren als eine Art Gemecker zu hören. Das lockt weitere Fledermäuse an. Die Geräusche in den Geräten überschlagen sich. Man hört es rhythmisch knacken, klicken, pfeifen, zwitschern, schmatzen. Mehrere Fledermäuse gehen unmittelbar hintereinander ins Netz und werden sorgsam herausgeschält.

„Ich glaube, ich habe eine Alpe!“, ruft Maxim. Die anderen eilen sofort hin und begutachten die kleine Fledermaus, der der Aufenthalt im Handschuh nicht geheuer ist. Sie zeigt ihre spitzen Zähne. Unverkennbar eine Alpenfledermaus: Der Bauch hell, fast weiß. Auf dem Rücken und am Kopf einige goldene Haare, ansonsten ist das Fell dunkel. Schwarz auch die Ohren. Ein Männchen. Nach der Flügelbeschaffenheit zu urteilen, nicht mehr ganz jung. „Wahnsinn!“, ruft Colette, „das erste Männchen, das wir haben.“

Alle Tiere kommen einzeln in die Stoffsäckchen und werden nach und nach untersucht. Mehrere Zwergfledermäuse sind dabei. Eine Rauhautfledermaus. Eine Breitflügelfledermaus. Schließlich die „Alpe“, wie die Hobby-Forscher sie nennen. Ihr Penis wird untersucht, denn ein Knick im männlichen Geschlechtsorgan gilt als Merkmal dieser Art. Ebenso wie das ganz kleine Schwänzchen.

„Sie ist schon sehr süß“, sagt Maxim. Dann bereitet er den kleinen Sender mit der hauchdünnen, biegsamen, ungefähr zehn Zentimeter langen Antenne vor. Marco streicht einen Klecks medizinischen Kleber auf den Sender und haftet ihn vorsichtig an den Schulterbereich der sechs Gramm leichten Fledermaus. Drei Minuten wird gewartet, bis der Klebstoff trocken ist.

Vielleicht wird das eine Woche oder zwei halten, dann fällt der Sender wieder ab. Bis dahin soll er den Forscherinnen und Forschern noch mehr darüber verraten, wo genau in den Schluchten, Höhlen und Höhen von Paunsdorf die Alpenfledermaus lebt. Wann, wo und wie oft sie auf Jagd geht. „Wenn wir wissen, welche Art von Quartieren die Alpenfledermäuse beziehen, können wir sie gezielter schützen“, sagt Colette Henrichmann. „Durch Sanierungen ist die kleine Population nämlich stark bedroht, ebenso wie viele andere Fledermausarten, die in Gebäuden leben.“ Bislang ist unklar, ob die Alpenfledermäuse den Plattenbauten auch nach der Sanierung treu bleiben, wenn die Ritzen abgedichtet und mit kleinen Fledermauskästen versehen sind. Wenn eines Tages genügend Daten vorhanden sind, lässt sich möglicherweise das Geheimnis lüften, warum die Alpenfledermaus genau hier eingewandert ist. Vielleicht hat sie der Klimawandel nach Sachsen ziehen lassen. Oder die guten Lebensbedingungen im Plattenbau.

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