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Verzweifeln ist keine Option

Reifendreher Christian Werner wäre jetzt auf einem Weihnachtsmarkt in den USA. Aber der ist zu. Der Handwerker investiert dafür in seiner Heimat.

Geduld, Geschick und Augenmaß – damit ist Reifendreher Christian Werner aus Seiffen im Erzgebirge immer gut gefahren. Die Corona-Krise sieht er als eine Prüfung, die die Menschen fordert, aber auch zu neuen kreativen Lösungen führen wird.
Geduld, Geschick und Augenmaß – damit ist Reifendreher Christian Werner aus Seiffen im Erzgebirge immer gut gefahren. Die Corona-Krise sieht er als eine Prüfung, die die Menschen fordert, aber auch zu neuen kreativen Lösungen führen wird. © Ronald Bonß

Christian Werner steht in seiner Werkstatt in Seiffen an einer Drehmaschine. Wie ein frisch gebackener Gugelhupf rotiert eine Baumscheibe in dem Gerät und wird beschnitten. Späne fliegen durch den Raum. Dann entnimmt der Reifendreher die Scheibe und verwandelt das Holz Schnitt für Schnitt in kleine Wesen. Er schafft nicht wie üblich aus einzelnen Stücken ein Ganzes, sondern aus einem ganzen Stück Einzelnes.

Doch dass der 62-Jährige jetzt in seiner Werkstatt arbeitet, ist ungewöhnlich. Denn der Dezember ist der Monat, um seine Produkte zu verkaufen. Vorn im Laden seines Hauses an der Binge Nummer 5 stehen Ochs und Esel, Giraffe und Elch in Reih und Glied. Über 300 verschiedene Einzelfiguren stellt die Reifendreherei Werner her: Schafe, Kamele, Elefanten, Engel, Eisbären, Hühner, Hasen, Wildschweine, Bäume. Ganze Kuhherden entspringen den Holzreifen, ein komplettes Sortiment für die Arche Noah, vom Affen bis zum Zebra. Pyramidenleuchter und Spaltreifen zum Basteln sind außerdem im Angebot.

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Ein Dorf mit Weihnachtsmythos

Um die zu verkaufen und sein Handwerk zu präsentieren, flog Werner mit seinem Sohn Andreas in den vergangenen vier Jahren im Advent sogar in die USA nach Carmel im Bundesstaat Indiana. Dort zelebrieren die Amerikaner jährlich einen „Christkindlmarkt“ , und die Sachsen zeigen an einem der Stände, wie die Holzkleintiere entstehen. Doch nicht in diesem Jahr, das Adventsevent wurde abgesagt. Auch alle Weihnachtsmärkte in Sachsen, auf denen der Reifendreher präsent sein wollte, finden nicht statt. Die Märkte in Carmel, genau wie beispielsweise in Proschwitz oder die „Sächsische Weihnacht“ auf Schloss Wackerbarth in Radebeul, machen in normalen Jahren jeweils 20 Prozent des Gesamtumsatzes des Handwerksbetriebes aus. Von Oktober bis Dezember werden 50 Prozent des Jahresumsatzes erzielt. Aber in diesem Jahr gilt diese Kalkulation nicht.

Verzweifeln sei dennoch keine Option. Werner sagt: „Schon mein Vater schärfte mir ein, dass es viel zu viel Kraft koste, gegen etwas anzukämpfen, dass du nicht ändern kannst. Suche dir etwas aus, das es wert ist und sei dafür.“ Manchmal reiche es schon, sich zu besinnen. Schließlich würden nur die Seiffener diese spezielle Art der Spielzeugtiere herstellen und dazu eine herrliche Atmosphäre bieten. Hingehaucht das Städtchen wie ein deutsches Klischee-Kleinod aus Grimms Märchenbuch. Mit Glück im Advent fein abgepudert mit Schneeflöckchen aus den Resten des Klimawandels. Die Seiffener haben es geschafft, ihrem Dorf einen Weihnachtsmythos zu verpassen. Und das komme dem Ort und seinen 100 Handwerksbetrieben in diesem Krisenjahr zugute, meint Werner.

"Wir haben alles überlebt"

Also arbeitet er in seiner Werkstatt, aber vor allem nutzte und nutzt er die Monate des Lockdowns, um zu Hause zu investieren. Er baute vor seinem Haus am Hang eine Treppe, damit die Besucher besser in seinen Laden kommen, er kaufte eine Scheune am Rande des Ortes, um sein Holz besser lagern zu können. Vor allem aber habe er die Homepage von seiner Tochter Anna überarbeiten lassen, um seine Produkte zusätzlich zum Einzelhandel direkt aus seiner Werkstatt verkaufen zu können. Mit Werksverkauf, dem neuen Webshop und Corona-Hilfen sei der Betrieb mit seinen vier Mitarbeitern beim Umsatz bis November auf Vorjahresniveau, der bei rund 215.000 Euro brutto lag. „Die Handwerksbetriebe im Erzgebirge haben schon ganz andere Krisen überstanden“, sagt Werner. Es komme darauf an, die Qualität der Handarbeit zu erhalten, das Schöne anzufertigen und Lösungen zu finden. „Mühsam war es hier schon immer, aber wir haben alles überlebt. Auch den Sozialismus. Und den Kapitalismus werden wir auch überleben“, sagt er.

Es war die Not, die Ende des 18. Jahrhunderts die Handwerker des fast 700 Jahre alten Erzgebirgsortes dazu trieb, erfinderisch zu werden. Der Zinn-Bergbau warf nichts mehr ab, und Glasbläser schufen sich aus Holz Formen, um ihre Produkte besser herstellen zu können. Die Holzformen blieben als Abfall liegen, aber es wäre Sünde gewesen, den zu verfeuern. Also begannen findige Seiffener, die Holzringe zu drehen, zu beschneiden, zu spalten, zu schnitzen und zu bemalen. So erfanden sie eine verblüffende Technologie, die es bis heute ermöglicht, aus einem Reifen mit einem Durchmesser von 30 bis 50 Zentimetern Figuren zu erschaffen. Im besten Fall 60 Stück pro Rad. Das Räderwerk funktioniert bestens und viel schneller, als wenn man die kleinen Holzfiguren nur schnitzen würde.

Sich immer neu erfinden

Deshalb gab es um das Jahr 1920 insgesamt 28 Reifendreher in dem Spielzeugwinkel, die alle ein gutes Auskommen hatten. Heute gibt es noch acht Reifendreher.

In der DDR sei die Erzgebirgskunst hoch gehandelt worden, auch für den Export in den Westen habe man gearbeitet. Doch nach 1989 sei es sehr mühsam gewesen, den Händlern klarzumachen, dass die Produkte keine chinesische Massenware sei, sondern per Hand und mit höchster Qualität hergestellt würde. Irgendwann wurde das verstanden. „In diesem Jahr habe ich so viele hochwertige Pyramidenleuchter verkauft wie noch nie“, sagt Werner. „Menschen investieren wieder in wirkliche Werte.“ Und Seiffener Handwerker erfinden zudem immer etwas Neues. Auch sich selbst.

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Das gehöre zur Überlebensstrategie, sagt Werner und fügt hinzu: „Corona ist aus meiner Sicht eine Prüfung. Viel schlimmer ist das gegenwärtige Waldsterben. Wenn der Wald weg ist, dann geht auch das Wasser weg. Da kommt noch etwas auf uns zu. Aber auch da finden wir Lösungen.“

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