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Wirtschaft
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Was der Ex-Bundestagsabgeordnete Gerald Häfner Waldorfschülern mitgibt

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Gerald Häfner hat einen Schülervortrag in Dresden gehalten. Er sprach über die Herausforderungen unserer Zeit. Und forderte ein Umdenken in der Wirtschaft.

Von Fionn Klose
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Der ehemalige Politiker Gerald Häfner möchte die Jugend auf die Welt der Zukunft vorbereiten und motivieren, selbst aktiv zu werden und sie zu verbessern.
Der ehemalige Politiker Gerald Häfner möchte die Jugend auf die Welt der Zukunft vorbereiten und motivieren, selbst aktiv zu werden und sie zu verbessern. © dpa

Klimaproteste der "Letzten Generation" und Fridays for Future sind bundesweit bekannt und werden heiß diskutiert. Sie wollen mit ihren Aktionen dem Klima helfen. Das will auch Gerald Häfner (Bündnis90/Grüne). Er hält Vorträge an Universitäten und Schulen, möchte jungen Menschen zeigen, was sie selbst tun können, um die Erde zu schützen.

Am Freitag war er in Dresden. Über 30 Schüler und Schülerinnen der neunten und zehnten Klasse der Neuen Waldorfschule lauschten dem 66-Jährigen bei seinem Vortrag "Neue Wege in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik".

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Waldorflehrer möchte ihnen etwas über Aufbrüche, Anfänge und die Welt, die vor ihnen liegt, erzählen. Doch dafür will er ihnen erst den Ist-Zustand der Welt erklären: "Als Kind erlebt man die Welt so: Es ist alles großartig, es ist alles so schön", sagt er. "Die Natur, die Pflanzen, das ist alles wunderbar. Und das ist ja so und bleibt auch so. Aber dann kommt der Moment, an dem man merkt, dass es in der Welt ziemlich viel gibt, was nicht so gut ist." Es gebe Ungerechtigkeiten, Unterdrückung, Krieg, Klimakatastrophen und Umweltzerstörung. "Wir haben zum Beispiel in den letzten 50 Jahren mehr Energie und Rohstoffe verbraucht als in der ganzen Menschheitsgeschichte zusammengerechnet." Wenn man so weitermache, werde es für die kommenden Generationen nichts mehr geben.

"Wir sind für die Erde verantwortlich"

Die große Frage, um die es Häfner geht und mit der er die Schüler zum Nachdenken anregen will: Was kann ich selbst tun und beitragen, damit die Welt ein Stück besser wird? Die Antwort des 66-Jährigen ist gleichzeitig ein Appell: "Wir müssen anfangen, Ideen zu entwickeln, wie die Welt besser werden kann. Wir sind keine Zuschauer auf dieser Erde, sondern verantwortlich dafür."

Für Häfner ist die Wirtschaft der Schlüssel zur Lösung aller Probleme. "Der Punkt ist, dass die Politik und noch mehr die Kultur heute von der Finanzwirtschaft am Nasenring durch die Manege gezogen wird", sagt er. "Wenn wir es nicht schaffen sie zu zähmen, dann werden wir das nicht hinbekommen." Man müsse über Wirtschaft anders denken. Mehr miteinander und füreinander arbeiten, statt gegeneinander. Hauptantrieb sei der größtmögliche Profit, dessen Instrumente die Konkurrenz und Eigennutzen sei.

Gerald Häfner will Anreize und Möglichkeiten für die junge Generation aufzeigen, sich selbst zu engagieren und die Welt zu verbessern.
Gerald Häfner will Anreize und Möglichkeiten für die junge Generation aufzeigen, sich selbst zu engagieren und die Welt zu verbessern. © dpa

Die Wirtschaft wird gerade aus der jungen Generation heraus stark kritisiert. Denn die junge Generation zweifelt an der sozialen Marktwirtschaft. Das ergab eine Umfrage des Spiegel, für die das Meinungsforschungsinstitut Civey von November 2021 bis Januar 2022 mehr als 3.000 junge Menschen zu ihren Einstellungen zur Wirtschaftsordnung befragte. So gaben sechs von zehn jungen Menschen im Alter von 16 bis 29 an, dass die Wirtschaftsordnung Deutschlands die Versprechen einer sozialen Marktwirtschaft nicht erfüllt. Und nur eine knappe, relative Mehrheit von 46 Prozent hält den Kapitalismus für das bestmögliche Wirtschaftssystem in der Bundesrepublik. Bei den jungen Frauen liegt der Anteil der Befürworterinnen bei nur 39 Prozent.

Häfner fordert mehr Gemeinsinn in der Wirtschaft

Auch Gerald Häfner kritisiert das Wirtschaftssystem: "Die Regeln für das soziale sind häufig unsozial. Wir schaffen es nicht, so einfache Dinge zu regeln, wie diese obszöne Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich." Die Regeln des Wirtschaftslebens seien so, dass sie ständig den Egoismus des Einzelnen förderten. "Wir müssen es so verändern, dass das Umgekehrte gilt, nämlich darauf zu schauen, was kann ich für andere, was kann ich für die Erde und für die Menschheit tun?"

Kurz vor Ende des Vortrags hebt Häfner den Zeigefinger, deutet auf die Tafel und setzt zum Schlusswort an: "In dem Moment, in dem wir immer nur an uns denken, wo Wirtschaft im Kern auf Profit abzielt, sollte eigentlich der Gemeinsinn stehen. Und nicht die Konkurrenz, sondern Kooperation. Ich mache das mit anderen und für andere."

Wie er sich eine perfekte Firma vorstellt, beantwortet Gerald Häfner so: "Ich stelle mir sie so vor, dass sie ein Maximum an freier Initiative ermöglicht, Gestaltungsfreiheit und ein Maximum an Orientierung auf die Bedürfnisse der Erde und der Menschen."

Welche Inhalte in der Wirtschaft der Zukunft wichtig sein sollten, schrieb Häfner an die Tafel.
Welche Inhalte in der Wirtschaft der Zukunft wichtig sein sollten, schrieb Häfner an die Tafel. © privat

Als Beispiel nennt er die Suchmaschine Ecosia. Laut deren Internetseite nutze sie hundert Prozent der Gewinne für den Klima- und Umweltschutz, so für Baumpflanzprojekte auf der ganzen Welt. 20 Prozent davon sollen in erneuerbare Energien, regenerative Landwirtschaft und Graswurzelbewegungen investiert werden. "Es kann also einen anderen Sinn geben, eine Firma zu betreiben, als nur den Kontostand zu erhöhen. Sinn, diesen Planeten zu retten und das Leben besser zu machen."

Für Helene und Elise aus der zehnten Klasse war der Vortrag ein Ansporn. "Man wird angeregt, sich Gedanken zu machen, wie die Welt später einmal aussehen soll", sagt Elise. "Und einfach loszulegen und die Gedanken umzusetzen, die man hat." Man habe sich gut vorstellen können, wie man sich eine bessere Welt wünschen würde. "Aber der Weg dahin kann schwierig werden", sagt Helene. "Ich glaube, dass es einfach vielen Leuten an Vertrauen fehlt." Die Angst der Menschen vor der Zukunft sei zu groß. "Und durch diese Angst kann Egoismus und Konkurrenzdenken entstehen", sagt sie. Dadurch helfe der eine dem anderen nicht. "Aber wenn wir das nicht aus der Welt schaffen, können wir nicht anfangen, etwas zu verändern."