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Was man von Zebrafisch lernen kann

Sachsen feiert 20 Jahre Biotechnologie-Offensive – und den Aufstieg zu einem deutschen Hotspot für Lebenswissenschaften.

Der Zebrafisch hat Superkräfte. Er kann Herz und Hirn nach Verletzungen reparieren. Für die 550 Mitarbeiter des Dresdner Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik ist er ein spannendes Forschungsobjekt.
Der Zebrafisch hat Superkräfte. Er kann Herz und Hirn nach Verletzungen reparieren. Für die 550 Mitarbeiter des Dresdner Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik ist er ein spannendes Forschungsobjekt. © Jürgen Lösel

Dresden. „Was ist überhaupt Life Science“, fragt David Matusiewicz rhetorisch in eine wegen der Corona-Auflagen ausgedünnte Geburtstagsrunde. „Ein Begriff, den kann man gar nicht definieren, irgendwie alles und nichts“, gibt sich der Professor für Medizinmanagement an der FOM in Essen, Deutschlands größter Privathochschule, scheinbar ratlos. Es habe „irgendwas mit Biomedizin, Biotechnik, Biosonstwas zu tun“, so der Dekan für Gesundheit und Soziales.

Dabei geht es dem Moderator und seinen Zuhörern am Mittwoch im Zentrum für Regenerative Therapien Dresden weniger um Begriffserklärung als um gelebte Inhalte jener Lebenswissenschaften. Vor 20 Jahren hatte der Freistaat seine „Biotechnologie-Offensive“ gestartet - Grund genug, für die Akteure von einst und ihre Nachfolger beim 4. Life-Sciences-Forum Sachsen „einen Blick zurück nach vorn“ zu wagen.

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Zum Branchentreff hatten sich rund 170 Interessenten vor Ort angemeldet, nach ausgefeiltem Hygienekonzept auf mehrere Räume verteilt, dazu zahlreiche Zuschauer in einer „Public-Viewing-Area“ und via Livestream im Internet. Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft berichteten über neueste Entwicklungen wie die biochemische Modifizierung von Chips und Implantaten, die Herstellung körpereigener Zellen im industriellen Maßstab, Gesundheitstechnologien der Zukunft, Chancen und Risiken lebender Krebsmedikamente.

„Bei Life Science dachte man früher zuerst an München oder Heidelberg“, sagt Moderator Matusiewicz. „Jetzt kann man Dresden und Leipzig in einem Atemzug nennen.“ Nirgends in Deutschland ballten sich so viele Forschungseinrichtungen und Wissenschaftler wie dort, so der 36-Jährige. Vor 20 Jahren sei Sachsen ein Land der Mikroelektronik, des Fahrzeug- und Maschinenbaus gewesen - „und eben nicht der Biotechnologie“, blickt Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zurück. 

Fast 2 Milliarden Jahresumsatz

Vorausschauende Politiker hätten es „gewagt, 400 Millionen D-Mark in Dresden und Leipzig zu investieren“, so Kretschmer. Ein Sturm der Entrüstung sei losgebrochen, aber der lange Atem habe sich ausgezahlt. Mithilfe des Bundes und der EU seien mittlerweile eine Milliarde Euro in das Cluster geflossen. Laut Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH (WFS) hat sich die Zahl der Akteure in den Kernbereichen seit 2000 von 110 auf 300 fast verdreifacht, ebenso die Zahl der dort Beschäftigten auf 15.500. Der Jahresumsatz der Branche sei von 544 Millionen im Jahr 2004 auf 1,9 Milliarden Euro geklettert. 

80 Prozent der Unternehmen seien im Export tätig, sagt der WFS-Chef, dessen Haus das Forum organisiert hat. „Seit 2013 ist der Sektor mit über 20 neuen Firmen eine feste Größe in unserem Ansiedlungsgeschäft“, ergänzt der oberste Standortwerber. So sei das Medizintechnik-Unternehmen B.Braun mit drei Standorten in Sachsen aktiv, darunter Europas modernste Fabrik für Dialysatoren. Großartige Wissenschaftler seien gewonnen worden, hätten sich hier „eingegraben und ein Ökosystem geschaffen“, in dem jetzt junge Leute „den Karren in eine spannende große Zukunft ziehen“, sagt Ministerpräsident Kretschmer.

Thomas Horn ist Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH.
Thomas Horn ist Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH. © Thomas Kretschel

Einer jener Väter ist Ivan C. Baines. Der Amerikaner, seit 1999 in Dresden, verantwortet im Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik das operative Geschäft. Dort untersuchen Forscher auch, wie es der Zebrafisch schafft, sein Herz und sein Hirn nach Verletzungen zu reparieren. Baines nennt Akademie und Industrie „zwei Seiten derselben Medaille“.

Ohne die Biotechnologie-Offensive gebe es keine Unternehmen wie die 2012 gegründete Dresdner Lipotype GmbH. Die einstige Fünf-Mann-Firma untersucht Fettmoleküle und schaffte es in wenigen Jahren zum Weltmarktführer für jene Lipidanalytik mit heute 20 Beschäftigten. Die Ergebnisse dienen dazu, neue Medikamente, Nahrungsmittel und Kosmetik herzustellen. Das Ziel: mit nur einem Blutstropfen Krankheiten früher erkennen.

Doch es gibt viele Kleinode in Sachsens Forschungslandschaft - wie das Institut für Biochemie an der Uni Leipzig. Die Experten befassen sich auch mit Miesmuscheln. Deren Eigenschaft, sich an allem anzuheften, könnte, chemisch modifiziert, bei sich selbst abbauenden Implantaten und in der Oberflächenbeschichtung genutzt werden.

Zuhören mit Stolz und Staunen

Die Leipziger C-Lecta GmbH optimiert Enzyme, lange Eiweißketten, zur industriellen Nutzung und hilft so, Lebensmittel haltbarer und gesünder zu machen, etwa durch einen kalorienarmen Süßstoff. Produkte des 90-köpfigen Unternehmens kommen auch bei Medikamenten und Impfstoffen zum Einsatz – auch gegen das Corona-Virus.

Die Zuhörer lauschen all den Akteuren der Jubiläums – viele stolz, andere mit Staunen. Kretschmer sieht Sachsens Kurs bestätigt, auch für den Strukturwandel. „Zuerst muss man investieren, etwas anzubieten haben“, sagt er. Exzellente Wissenschaft in einem guten Ökosystem sei die Voraussetzung für alles. Danach müsse der Transfer in die Wirtschaft organisiert werden, damit sich die Innovationen in Arbeitsplätzen widerspiegeln. 

Zwar müsse der Freistaat in der Corona-Krise sehen, wie er sein Geld zusammenhält, aber er wolle nicht, dass das Investierte durch weggebrochene Steuereinnahmen gefährdet wird. Im Gegenteil: „Wir wollen in den prioritären Bereichen weiter investieren. Die Biotechnologie, die Wissenschaft, die Forschung insgesamt, gehören dazu.“

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