merken
PLUS Leben und Stil

Weniger Badetage, aber mehr Badetote in Sachsen

Sachsens oberster Lebensretter über typische Fehler, zu wenige sichere Gewässer und Defizite beim Schwimmunterricht.

Zum Glück nur eine Übung: Rettungsschwimmer der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft ziehen einen Mann in ihr Motorschlauchboot.
Zum Glück nur eine Übung: Rettungsschwimmer der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft ziehen einen Mann in ihr Motorschlauchboot. © dpa

Sie sind männlich und im besten Alter: Ende Juli ist ein 41-Jähriger im Käseteich in Weißwasser ertrunken, Anfang Juni ein 21-Jähriger im Kulkwitzer See bei Leipzig. Eine 44-Jährige bekam Mitte Juni beim Schwimmen im Moritzsee bei Naunhof einen Krampfanfall und musste reanimiert werden.

Obwohl es in diesem Jahr weniger Badetage gab, endeten fast genau so viele Badeunfälle wie im Vorjahreszeitraum tödlich. Das ist die Zwischenbilanz des Bundesverbandes der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Sachsen macht da keine Ausnahme. Sächsische.de hat mit Sebastian Knabe, Landeschef der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, über Ursachen und Vorsorge gesprochen.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Herr Knabe, wie viele Menschen sind in diesem Jahr in Sachsen ertrunken?

Bislang 18 Personen, 17 davon Männer. Zum Großteil sind sie in Flüssen oder Seen ertrunken, also in den unbewachten Teilen der sächsischen Binnenlandschaft.

Wie alt waren sie?

Das haben wir für Sachsen noch nicht ausgewertet. Unsere Bundesstatistik zeigt aber, dass etwa 40 Prozent zwischen 20 und 40 Jahre alt waren. Knapp 90 Prozent der Ertrunkenen waren Männer.

...die normalerweise in diesem Alter fit sind. Warum sind sie ertrunken?

Die jüngere Generation hat noch Ehrfurcht vor dem nassen Element, die Älteren gehen bewusster mit den Gefahren um. Sie sind sich auch eher bewusst, dass ihre Fitness abgenommen hat und kennen ihre körperlichen Schwächen. Über gesundheitliche Risiken denken die 20- bis 40-Jährigen nicht nach. Sie überschätzen sich und erkennen bestimmte potenzielle Gefahrenquellen nicht. Sie unterschätzen zum Beispiel Distanzen, Tiefen oder die Temperaturunterschiede in den Seeschichten.

Warum können Temperaturunterschiede gefährlich werden?

Je tiefer man kommt, desto kühler wird es. Wer rapide abtaucht, die Baderegeln nicht einhält und dem Körper nicht die Zeit gibt, sich an Umgebungstemperaturen zu gewöhnen, kann einen Temperaturschock bekommen. Das Herz kann diesen Unterschied nur schwer verarbeiten, vor allem wenn man eine Vorerkrankung hat. Das kann Herzstolperer auslösen, die zum Herzstillstand führen können.

Also ist und bleibt wichtigste Baderegel, sich vorm Schwimmen abzukühlen?

Ja, man geht ins Wasser, benetzt Brust und Rücken, damit sich der Oberkörper kurz abkühlen kann. Wer den See und seine Untergrundbeschaffenheit nicht kennt, sollte ebenfalls nicht einfach so hineinspringen. Genauso ist es, wenn man längere Zeit nicht an einem See war. Man weiß nicht, ob sich Einstiegsstellen durch Müll und Unrat verändert haben oder Unterwasserpflanzen gewachsen sind. Das sind Gefahrenquellen, die ein Laie nicht sieht. Wenn man erst einmal drinnen steckt und in Panik verfällt, ist es schnell zu spät. Wir als DLRG werden meist erst informiert, wenn derjenige schon absinkt. Oft können wir nicht mehr tun, als den Körper zu bergen.

Sebastian Knabe ist seit 2017 Landesgeschäftsführer der DLRG. Der 29-Jährige war sechs Jahre Rettungsschwimmer.
Sebastian Knabe ist seit 2017 Landesgeschäftsführer der DLRG. Der 29-Jährige war sechs Jahre Rettungsschwimmer. © DLRG Landesverband Sachsen

Was soll man außerdem beachten?

Man soll immer Respekt vor dem Wasser haben, keine Angst. Oberstes Gebot ist Eigen- vor Fremdsicherung. Und man sollte die Baderegeln einhalten, also zum Beispiel nicht mit zu vollem oder zu leerem Magen oder erschöpft ins Wasser gehen. Da kann es schnell zu Krämpfen kommen.

Früher hieß es, nach dem Essen eine halbe Stunde mit dem Baden zu warten. Stimmt das noch?

Das ist prinzipiell eine gute Faustregel. Ein Kind hat ein kleineres Füllvermögen im Magen und sollte eine halbe Stunde warten. Aber wenn ein Erwachsener eine Banane isst oder einen Apfel, muss man das nicht so eng sehen.

Wer ertrinkt, schreit nicht um Hilfe. Sollte man lieber nicht alleine ins Wasser gehen?

Ja, davon raten wir grundsätzlich ab. Fehlt die zweite Person, kann keiner Hilfe holen.

Wie kann ich dem Badenden neben mir helfen, wenn ihm die Kräfte ausgehen?

Da gilt auch wieder Eigen- vor Fremdsicherung. Ertrinkende klammern sich an alles, was sie greifen können. Wenn man als Laie in eine Körperumklammerung hineingerät, kann man sich daraus nicht lösen und geht im schlimmsten Fall mit unter. Man kann dem in Not Befindlichen aber gut zureden, soweit beruhigen, bis er wieder klar denken kann. Dann kann man sich als Auftriebsgegenstand zur Verfügung stellen und ihn ziehend ans Ufer bringen. Wenn er aber in Aufregung ist, soll man lieber Abstand halten oder ans Ufer schwimmen, einen Auftriebsgegenstand wie zum Beispiel einen Ast suchen, an dem er sich festhalten kann, und gleichzeitig von jemand anderen den Rettungsdienst rufen lassen.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind trotz wesentlich schlechteren Wetters fast gleich viele Menschen ertrunken. Wie erklären Sie sich das?

Die Leute versuchen, die paar schönen Tage zu nutzen. Frei- und Hallenbäder haben durch coronabedingte Hygienemaßnahmen begrenzte Einlasszahlen. Es bilden sich Warteschlangen vor den Kassen. Da sagen viele: Ich stelle mich nicht an, sondern gehe an einen See, wo ich nicht warten muss. Wenn man aber in Gewässern badet, die nicht abgesichert sind, kann es sehr schnell sehr gefährlich werden.

Wie viele Gewässer in Sachsen sind denn abgesichert?

Wir haben 32 Gewässer, die laut EU-Richtlinie wegen ihrer Wasserqualität und Beschaffenheit als Badegewässer anerkannt sind. Von ihnen sind 15 abgesichert, nur abschnittsweise. Das ist ein Armutszeugnis für Sachsen, denn wir haben weit mehr als 32 Gewässer. Wassersicherheit und Wasserrettung sind hier unterreguliert.

Sind die Sachsen sichere Schwimmer?

Ich gehe davon aus, dass knapp 50 Prozent nicht sicher schwimmen können. Da besteht auf alle Fälle Nachholbedarf.

Wegen Corona ist der Schwimmunterricht ausgefallen. Das Kultusministerium hat vor Ferienbeginn Schwimmkursgutscheine an Grundschüler ausgereicht. Wie ist die Nachfrage?

Hoch. 10.000 Schüler können bis zum nächsten Frühjahr die Schwimmkurse nachholen. Eine gute Initiative. Aber wir müssen schauen, dass wir das adäquat abdecken. Das wird extrem schwierig.

Woran hängt es?

Wir haben zu wenige Hallen und Freibäder. Die haben zum Teil die Öffnungszeiten gekürzt oder wegen Bautätigkeiten geschlossen. An dem Projekt machen die DLRG, der Sächsische Schwimmverband, die Wasserwacht Sachsen und der Landestauchsportverband mit. Wir haben alle personelle Probleme. Die Übungsleiter sind ehrenamtlich, gehen einem Job nach und fahren jetzt auch in den Urlaub. Dazu kommt, dass die Hallen und Freibäder so belegt sind, dass wir erst weit nach 19 Uhr freie Zeiten übermittelt bekommen.

Weiterführende Artikel

Doppelt so viele Badetote in Sachsen wie im Vorjahr

Doppelt so viele Badetote in Sachsen wie im Vorjahr

In Sachsen sind in diesem Jahr bislang mehr Menschen ertrunken als im gleichen Zeitraum 2020 - die meisten davon in Seen und Flüssen.

Tödlicher Badeunfall in Weißwasser

Tödlicher Badeunfall in Weißwasser

Ein Mann war am Mittwochnachmittag in den Käseteich gestiegen und nicht wieder aufgetraucht. Erst nach einstündiger Suche wurde er gefunden.

Die ersten Badetoten: Darum trifft es so oft Männer

Die ersten Badetoten: Darum trifft es so oft Männer

Der oberste Lebensretter im Freistaat über die besondere Gefahr von Seen und was Helfer unbedingt wissen sollten.

Wir haben in den Verbänden selber ein Zentralsystem eingerichtet, das die Anfragen steuert und mögliche Kapazitäten in der Umgebung sucht. Wir befürchten, dass es im Herbst für die neuen zweiten Klassen mit 38.000 Schülern wieder zu Einschränkungen kommen wird. Die Badbetreiber und Kommunen sollen deshalb alles Menschenmögliche tun, damit die Schwimmhallen nicht geschlossen werden.

Mehr zum Thema Leben und Stil