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Jeder 10. Sachse ist dauerklamm

Die Ruhe vor dem Sturm: Trotz leicht sinkender Zahlen verheißt der Schuldneratlas nichts Gutes.

Der Namenszug von Creditreform steht über dem Eingang zur Zentrale des Unternehmens in Neuss. Das Unternehmen hat den neuen "Schuldneratlas Deutschland"veröffentlicht. Foto: dpa
Der Namenszug von Creditreform steht über dem Eingang zur Zentrale des Unternehmens in Neuss. Das Unternehmen hat den neuen "Schuldneratlas Deutschland"veröffentlicht. Foto: dpa © picture alliance / Rolf Vennenbernd/dpa

Alle Jahre wieder fiebern Schnäppchenjäger dem Black Friday entgegen, und bei Amazon & Co reibt man sich in Erwartung von Milliardenumsätzen am 27. November bereits die Hände. Wegen der Corona-Auflagen erwarten Experten, dass das vorgezogene Weihnachtsgeschenk für Onlinehändler diesmal besonders groß ausfällt. Im Kaufrausch wird mancher seinen Kontostand vergessen, für andere bleiben selbst Schnäppchen unerschwinglich.

Jeder Zehnte sei überschuldet, heißt es von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Sachsen liege mit einer Quote von 9,7 leicht unterm Bundesmittel (9,9). Der Schuldneratlas 2020 weist für den Freistaat 332.219 Personen auf, die Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können und zur Deckung des Lebensunterhalts weder Vermögen noch Kredite parat haben. Trotz des Rückgangs um 6.000 Betroffene gegenüber 2019 fiel der Freistaat im Ranking um einen Platz hinter Bayern (7,1 Prozent), Baden-Württemberg, Thüringen, Brandenburg. Schlusslicht bleibt Bremen, wo fast jeder siebte (14 Prozent) im Schuldensumpf steckt. Fast überall gingen die Quoten leicht zurück.

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Scheinbar paradoxe Entwicklung

Doch während die aus den USA herübergeschwappte Konsumwelle nach Weihnachten abebbt, bleiben die Ursachen für private Zahlungsunfähigkeit auf Dauer bestehen: Jobverlust, langfristiges Niedrigeinkommen, Krankheit, Sucht, gescheiterte Selbstständigkeit, Scheidung, Trennung, Tod des Partners – aber auch fehlende Finanzkompetenz. Laut Umfragen weiß hierzulande jeder Vierte nicht, was eine Schufa-Auskunft ist. Im Gegensatz zur Überschuldung ist Verschuldung normal, ja notwendig, damit Privathaushalte gesellschaftlich teilhaben und Unternehmen investieren können – vorausgesetzt, sie zahlen ihre Schulden vertragsgemäß zurück.

Nach der Untersuchung gibt es auch in Sachsen große regionale Unterschiede. In den Landkreisen Bautzen, Sächsische Schweiz/Osterzgebirge und im Erzgebirgskreis ist jeder Zwölfte überschuldet, in Leipzig jeder Siebte. Dresden, Chemnitz bewegen sich dazwischen – alle mit leichter Besserung gegenüber dem Herbst 2019.

© SZ Grafik/Gernot Grunwald

Der „vermeintlich positive Befund“ ist laut Creditreform kein Zeichen der Entspannung. Die Analysten sprechen von scheinbar „paradoxer Entwicklung“ und „Ruhe vor dem Sturm“. Staatshilfen hätten die schlimmsten Folgen der Pandemie abgemildert, heißt es. Die Pandemie bewirke aber die weitere Polarisierung von Einkommen und Vermögen. Ebenso besorgniserregend sei die Entwicklung bei den Über-50-Jährigen mit plus elf Prozent zum Vorjahr, während die Betroffenheit bei Jüngeren sinke. Überschuldete ab 70 Jahren hätten mit 23 Prozent am meisten zugelegt. Das Schadensvolumen betrage 189 Milliarden Euro, im Einzelfall im Schnitt 27.600 Euro.

Für Thomas Schulz, Prokurist bei Creditreform in Dresden, sind die Corona-Folgen noch nicht beim Verbraucher angekommen. Mit einem Anstieg der Privatverschuldung sei erst 2021 zu rechnen, insbesondere unter Freiberuflern und Soloselbstständigen, deren Geschäft unter den Einschränkungen extrem leide. Die Gründe für Überschuldung hätten sich unterschiedlich entwickelt, sagt der Experte. „Während die Arbeitslosigkeit als Hauptgrund deutlich rückläufig ist, geraten immer mehr Verbraucher durch ein längerfristiges Niedrigeinkommen, aber auch durch unwirtschaftliche Haushaltsführung in die Schuldenfalle“, sagt Schulz. Das Bildungssystem müsse auch den richtigen Umgang mit Geld aufzeigen, fordert er.

Isolation, länger als einen November

Rotraud Kießling hat bei der Schuldnerberatung alles andere im Kopf als den Black Friday. Die Fachreferentin bei der Diakonie Sachsen denkt zuerst an Basics wie Miete oder defekte Brillen, Waschmaschinen und Kühlschränke, für deren Ersatz Überschuldete keinen finanziellen Spielraum haben. Sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter verweisen seit Jahren darauf, dass nur 15 Prozent der Überschuldeten in Sachsen Zugang zu kostenfreier sozialer Schuldnerberatung haben. „Jetzt, wo sich die wirtschaftliche Lebenslage vieler Menschen durch die Corona-Pandemie noch mal dramatisch und nachhaltig verschlechtert hat, ist dieser Missstand besonders bedrohlich“, sagt sie. Laut einer Erhebung der Diakonie machen Hartz-IV-Empfänger mit 38 Prozent den größten Teil ihres Klientels aus, gefolgt von Selbstständigen mit 31 Prozent.

Wegen Unterbesetzung der 68 kostenfreien Schuldnerberatungsstellen der Liga, einem Bündnis der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, gibt es im Freistaat Wartezeiten von bis zu neun Monaten. Jene gemeinnützigen Anwälte der Schwachen und Benachteiligten haben in Sachsen 100.000 Mitarbeiter, mehr als die Gastronomie und der Bau zusammen. Nach Berechnungen des Bündnisses braucht es eine Verdopplung des Angebots. Die Liga spricht von 163 Vollzeitstellen für Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung und einem Kostenbedarf von 9,2 Millionen Euro im Doppelhaushalt 2021/22. „Überschuldung ist eine Lebenskrise, die keinen Aufschub duldet“, warnt Kießling. „Wenn eine Befreiung aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist, bedeutet das Verzweiflung und soziale Isolation.“ Und das – anders als im zweiten Corona-Lockdown – nicht nur einen November lang.

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