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Genial Sächsisch

In Dresden wird die Spielwelt revolutioniert

Sächsische.de stellt Erfindungen von hier vor, die unser Leben verbessern. Teil 5: Hybr-Games ist eine neue Art zu spielen mit Karten und einer App als Game-Master.

Kurze Spielpause im kreativen Tun: Andreas Wilde und Milena Meißner (Foto l.) beim Spielen der neuesten Hybr-Games-Kreation.
Kurze Spielpause im kreativen Tun: Andreas Wilde und Milena Meißner (Foto l.) beim Spielen der neuesten Hybr-Games-Kreation. © Thomas Kretschel

Was soll es nur zum Essen geben? Gute Zutaten sind rar, der Krieg ist gerade zu Ende. Also nehmen die Köche das, was noch da ist: alten Käse, Rotwein, Blaubeeren und Gammelfleisch. Aber auch toxische Jeanshosen, Fellstiefel und Zinnsoldaten. Es soll ja keiner hungern. Alles wandert in den Fleischwolf – und wird zum farbigen Essensallerlei. Mal zu einer grünen Wurst, dann zum blauen Brei oder zu roten Teigtaschen. Keine Angst – wirklich verspeisen muss das niemand. Es ist das Spielkonzept von „Soviet Kitchen“, dem ersten Spiel des Dresdner Start-ups Hybr Games. Das Besondere: Die Spieler legen die Karten mit den ungewöhnlichen Zutaten nicht einfach nur ab, sie füttern eine Handy-App damit. Auf dessen Display dreht sich der Fleischwolf nämlich wirklich.

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Eine ungewöhnliche Spielidee sei es schon, gibt Spieleentwickler Andreas Wilde gern zu. „Vielleicht auch etwas heikel nach den Entwicklungen der vergangenen Monate.“ Schließlich mischen die sowjetischen Köche im Spiel ihren Gästen auch gern mal das Nervengift Nowitschok ins Menü. Sowieso schießt so manche Mahlzeit in Sachen Giftgehalt über das Ziel hinaus. Die Kunst bei „Soviet Kitchen“: Das stümperhafte Kochgeschick gekonnt übertünchen, die Gäste nur fast vergiften und ordentlich Rubel kassieren.

Spiele zu entwickeln war schon immer ein Traum von Andreas Wilde. Er studierte aber zunächst Architektur, spezialisierte sich auf den Bereich Wissensarchitektur. Prozesse zu planen und zu gestalten, stand dabei im Mittelpunkt. Seine Diplomarbeit schreibt er über das Thema Gamification, also den Einsatz spielerischer Elemente in Bereichen, die originär nichts mit dem Spielen an sich zu tun haben. „Ich bin also automatisch in die Richtung gerutscht, die ich eigentlich machen wollte.“

Das erste Spiel von Hybr Games: Soviet Kitchen
Das erste Spiel von Hybr Games: Soviet Kitchen © Thomas Kretschel

Schon als Jugendlicher hat er sich Spiele ausgedacht. Bis zum Studium gibt es fünf, sechs Prototypen, die in einer Schublade auf ihre Vollendung warten. Nach dem Diplomabschluss reift in ihm der Entschluss, den beruflichen Einstieg in die Spielewelt zu wagen. Doch Hybr Games soll kein Verlag für normale Brett- und Kartenspiele werden. Wilde und seine Mitstreiter denken das Spielen neu. Mit Bartłomiej Zalewski und Jonas Kopcsek gehören heute neben der Marketing-Verantwortlichen Milena Meißner zwei Software-Experten zum Team. Denn vor der Entwicklung ihres Erstlings stand eine wichtige Entscheidung. „Wir wollten das Handy ins Spiel integrieren.“ Die Idee ist nicht neu. Auch andere Verlage brachten schon Ähnliches auf den Markt. Doch Wilde stört dabei in vielen Fällen eins: Das Potenzial, das ein Smartphone für das Spiel-Erlebnis bietet, wird meist nicht vollends ausgeschöpft. „Wir haben uns überlegt, was solch ein Gerät kann und was spannend für ein Spiel wäre.“ Ihr Einfall: Farben mischen.

Das klingt simpel, wird bei „Soviet Kitchen“ aber zum unterhaltsamen Zeitvertreib. Das Handy mutiert zum Fleischwolf, der Zutaten verschiedenster Couleur mischt. Auf dem Speiseplan ist vorgegeben, welche Zielfarbe das Menü haben soll. Doch welche Zutaten müssen dafür am besten kombiniert werden? Jede Spielkarte hat auf der Rückseite einen QR-Code. Entscheiden sich die Spieler für eine Zutat, wird der Code der Karte über die Kamera des Handys eingescannt und die Farbe wandert in den Fleischwolf. „Wer ein gutes Gefühl dafür hat, welche Farben zusammen welchen Ton ergeben, hat gute Chancen zu gewinnen“, erläutert Wilde.

Mit Konstantin Doll, Experte in Sachen 3-D-Druck, arbeiten die Spiele-Entwickler eng zusammen.
Mit Konstantin Doll, Experte in Sachen 3-D-Druck, arbeiten die Spiele-Entwickler eng zusammen. © Thomas Kretschel

Innerhalb von neun Monaten entwickeln sie das Spiel damals. Wilde zeichnet, die Programmierer entwickeln die App. Pünktlich zur Spielemesse in Nürnberg im Herbst 2019 ist es fertig. 500 Stück lässt das junge Unternehmen dafür drucken. Die sind bei der Veranstaltung schnell vergriffen. Vor allem die irrwitzige Story zum Spiel kommt an. Woher kam die Inspiration dafür? „Ich erinnerte mich an einen Schulfreund, der aus Russland kam, und seinen Großvater, der dort in einer Käsefabrik arbeitete.“ Abenteuerlich seien dessen Geschichten gewesen, wie dort der Käse gestreckt wurde.

Wer das Spiel kauft, lädt sich nun die passende App auf sein Smartphone. Über 20 Level gelingt es den Spielern, sich bis in den Kreml und letztlich sogar in die Küche des KGB hineinzuspielen. Bis zu sechs Personen können mitmachen. Seit Kurzem bietet Hybr Games auch die Option an, zwei Handys für gemeinsames Spielen miteinander zu verbinden. Passend zum Lockdown können Spielrunden getrennt voneinander zusammen in den synchronisierten Apps spielen und sehen somit auf ihren Geräten den gleichen Fleischwolf und was in ihm in Sachen Mischen vor sich geht.

Wer kein Freund von langen Spielanleitungen ist, wählt zu Beginn einfach den Tutorial-Modus. Das Handy erklärt darin Schritt für Schritt, was zu tun ist. „Die App bietet noch einen Vorteil“, sagt Wilde. „Wir können kostenlose Updates anbieten und das Spiel kann sich dadurch auch nach dem Erscheinen verändern, wenn wir neue Ideen haben.“

Seit Ende 2020 setzt Hybr Games auch Raumschiffe unter Wasser. Da erschien das neue Spiel „Houston, we have a Dolphin“ über fiese Delfine, die einen Sternenkreuzer infiltrieren. Die Handy-App ermöglicht hier erstmals, dass im Geheimen Karten verteilt werden. Das Smartphone liest über die Kamera nacheinander die verdeckten Karten und weist an, wer sie bekommt. „Ein Spielleiter ist somit nicht notwendig und jeder kann rätseln, ob der Mitspieler ein Delfin ist oder nicht.“

Dieses zweite Spiel ist sogar eines aus Wildes Prototypen-Schublade. „Stück für Stück zaubere ich daraus etwas hervor“, sagt er und lächelt. Aktuell arbeitet das Team bereits an weiteren Veröffentlichungen. Zum Beispiel auch an einem Kinderspiel. Dass einige es skeptisch sehen könnten, dass sich der Spieleabend nun ums Handy rankt, ist Wilde bewusst. „Wir machen das Spielbrett dadurch aber schlauer. Und das bringt Spaß.“

Das Erfinder-Projekt „Genial Sächsisch“ findet gemeinsam mit den drei Gründerschmieden Dresden Exists, Saxeed (Chemnitz) und Smile (Leipzig) statt.

Acatech, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, hat die Serie von 2019 mit dem wichtigsten Preis für Technikjournalismus ausgezeichnet.

Hier noch einmal alle Erfindungen im Überblick:

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