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Wie Sachsens Kinder unter dem Lockdown leiden

Die Zahl der psychotherapeutisch behandelten Kinder und Jugendlichen steigt seit Jahren stark an. Die Corona-Krise verschärft die Probleme zusätzlich.

Unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden nicht nur Erwachsene. Auch immer mehr Kinder erkranken seelisch.
Unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden nicht nur Erwachsene. Auch immer mehr Kinder erkranken seelisch. © Sina Schuldt/dpa (Symbolbild)

Reaktionen auf schwere Belastungen, Angststörungen und Depressionen sind eigentlich keine Erkrankungen, die mit jungen Menschen in Verbindung gebracht werden. Und doch leiden viele Kinder und Jugendliche in Sachsen so sehr darunter, dass sie psychotherapeutisch behandelt werden müssen. Im Zeitraum von 2009 bis 2019 hat sich die Zahl der jungen Patienten im Freistaat mehr als verdoppelt. Das geht aus dem aktuellen Arztreport der Barmer hervor, der am Mittwoch in Dresden vorgestellt wurde. Demnach benötigten 2019 rund 36.000 sächsische Kinder und Jugendliche psychotherapeutische Hilfe. Das sind 143 Prozent mehr als im Jahr 2009. Damit liegt Sachsen weit über dem Bundesdurchschnitt. Deutschlandweit ist der Behandlungsbedarf um 104 Prozent angestiegen.

Suizidgedanken nehmen zu

„Sozialer Stress und wachsende Leistungsanforderungen können Gründe sein, weshalb sich junge Menschen häufiger unter Druck gesetzt fühlen, was ihnen buchstäblich auf die Seele schlägt“, sagt Dr. Fabian Magerl, Landesgeschäftsführer der Barmer in Sachsen. Die Corona-Pandemie samt strikter Kontaktbeschränkungen hat dabei die Situation noch weiter verschärft. Allein im ersten Halbjahr 2020 suchten etwa sechs Prozent mehr Heranwachsende im Alter bis 24 Jahre die Hilfe von Psychotherapeuten. Der zweite Lockdown hatte noch stärkere Auswirkungen, wie eine aktuelle Umfrage unter 340 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in den ostdeutschen Bundesländern zeigt. Seit November 2020 berichten 80 Prozent der Therapeuten, dass der Bedarf an Gesprächen und Therapien angestiegen oder sogar deutlich angestiegen sei. „Die Gründe, warum Kinder und Jugendliche zu uns kommen, sind vor allem in der veränderten Schul- und Lernstruktur zu sehen“, sagt Cornelia Metge, niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Zschopau im Erzgebirge. „Viele Kinder und Jugendliche können sich zu Hause schwer motivieren, ihre schulischen Pflichten wahrzunehmen und ihr Lernpensum zu bewältigen.

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Damit steigt die Angst, den Anforderungen nicht gerecht zu werden und das Schuljahr nicht zu schaffen“, sagt sie. Dazu fehle vielen ein geregelter Tagesablauf. Isolation, Einsamkeit und familiäre Probleme verstärkten das noch. Die Folge seien depressive Entwicklungen, Ängste und Essstörungen. „Bei Kindern, die vor Corona schon an psychischen Erkrankungen litten, spüren wir eine Verstärkung ihrer Symptome. Große Sorgen macht uns aber die Zunahme von jungen Menschen mit Suizidgedanken. Hier muss schnell geholfen werden.“

Das sei heute auch besser möglich als noch vor einigen Jahren, so Fabian Magerl. Die Reform der psychotherapeutischen Behandlung 2017 habe den Zugang zur Beratung und Behandlung erleichtert. Angebote wie Telefonsprechstunden, psychotherapeutische Sprechstunden oder Akuttherapien dienen einer frühzeitigen Abklärung, ob und welche psychotherapeutische Behandlung notwendig ist. Dafür braucht es keine Überweisung – gesetzlich Versicherte könnten direkt mit einem Behandler Kontakt aufnehmen. Doch obwohl die Zahl der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten im Freistaat seit 2013 um knapp die Hälfte auf insgesamt 211 gestiegen ist, sagten 80 Prozent der nach dem zweiten Lockdown befragten Therapeuten, dass sie völlig ausgelastet seien. „Erst- und Krisengespräche werden aber dennoch zeitnah ermöglicht“, sagt Cornelia Metge.

Alarmsignale unbedingt ernst nehmen

Auf eine sehr kritische Entwicklung weist Metge im Ergebnis der Befragung ihrer Kollegen hin: „Die Mehrzahl der Therapeuten hat seit dem zweiten Lockdown eine Zunahme der Kindeswohlgefährdung festgestellt. Psychische Vernachlässigung, häusliche Gewalt und Misshandlung sind verstärkt beobachtet worden.“ Solche Probleme könnten nur in Zusammenarbeit mit Jugendämtern, Familienhelfern, Schule und Kita gelöst werden. Doch die sogenannten Helferkonferenzen, wo diese Gremien zusammenkommen, sind durch Corona deutlich erschwert bis unmöglich. „Wir nutzen dazu zum Beispiel Theater, die ja jetzt oft leer stehen, um bei den Gesprächen die nötigen Abstände einhalten zu können“, so Metge. Die Zahl solcher Zusammenkünfte sei damit aber limitiert.

„Wir müssen noch stärker aufeinander achtgeben. Wenn man das Gefühl hat, dass eine Familie Hilfe braucht, ist es wichtig, das Gespräch zu suchen“, sagt sie. Eltern, Bezugspersonen, Kinder- und Jugendärzte sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeuten müssten im Sinne der Betroffenen hier eng zusammenarbeiten. Es sei wichtig, dass die Alarmsignale der Kinder und Jugendlichen ernst genommen werden. Signale seelischer Überforderung seien zum Beispiel: verstärktes Rückzugsverhalten, Schlafstörungen, plötzlich auftretendes trotziges und aggressives Verhalten sowie fehlender oder übertriebener Antrieb. Das sollte Eltern oder Bezugspersonen hellhörig werden lassen. Doch auch Eltern könnten in Situationen von Überforderung den Rat von Psychotherapeuten oder Beratungsstellen in Anspruch nehmen, bevor Probleme eskalieren.

„Es ist wichtig, dass Hilfsangebote von den Betroffenen, ihren Freunden und Angehörigen unkompliziert nutzbar sind“, sagt Professorin Susanne Knappe vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden. Sie leitet das Netzwerk für Suizidprävention in Dresden (NeSuD) für Schüler von 12 bis 18 Jahren. Es vermittelt wichtige Kenntnisse über Stress, psychische Beschwerden und Suizidalität, zeigt aber auch Hilfsmöglichkeiten auf, wenn der Jugendliche selbst oder ein Freund belastet sind. Je früher, desto besser“, fordert Magerl. Die Corona-Pandemie stellt eine Ausnahmesituation dar. Eine enge Kooperation sei jetzt wichtiger denn je.

Hier finden Jugendliche und ihre Eltern Hilfe

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