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Drei Tage Krawalle in Leipzig

Auf die Räumung eines besetzten Hauses am Donnerstag folgten Ausschreitungen bis zum Sonntagmorgen.

Polizisten laufen von der Stelle weg, an der zuvor bei einer Demonstration im Stadtteil Connewitz eine rote Pyro-Fackel explodiert war.
Polizisten laufen von der Stelle weg, an der zuvor bei einer Demonstration im Stadtteil Connewitz eine rote Pyro-Fackel explodiert war. © Hendrik Schmidt/dpa

Von Sven Heitkamp

Leipzig. Brennende Bengalische Feuer auf Neubau-Balkonen, Steinwürfe auf Polizisten, stundenlanges Hubschrauberdröhnen über Connewitz und Polizeieinheiten an jeder Ecke der Südvorstadt: In der Nacht zum Sonntag hat Leipzig einmal mehr Krawalle der linksextremen Szene und deren Auseinandersetzungen mit der Polizei erlebt. Seit drei Tagen gab es immer wieder Unruhen und Ausschreitungen aus Protest gegen steigende Mieten, Wohnungsnot und soziale Verdrängung.

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Polizisten in Schutzausrüstung mit Schutzschilden laufen am Rande einer Demonstration im Stadtteil Connewitz.
Polizisten in Schutzausrüstung mit Schutzschilden laufen am Rande einer Demonstration im Stadtteil Connewitz. © Hendrik Schmidt/dpa

Auslöser der Unruhen war die Räumung eines besetzten Hauses im Leipziger Osten am Donnerstag. Die vorläufige Bilanz der Polizei am Sonntagmorgen: zwei verletzte Polizisten, 15 Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruch, Sachbeschädigungen und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Weil der Pilot eines Polizeihubschraubers mit einem Laser geblendet worden sei, werde zudem wegen gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr ermittelt, berichtete ein Polizeisprecher. Bis Sonntagmittag wurden indes alle Beschuldigten wieder auf freien Fuß gelassen, sagte eine Sprecherin der SZ.

Den Auftakt des Samstagabends machte kurz nach 20 Uhr eine Kundgebung in Connewitz unter dem angriffslustigen Titel „Kämpfe verbinden – Für eine solidarische Nachbar*innenschaft“. Gegen 20.45 Uhr zogen etwa 500 Menschen los. Allerdings lief die Demo schon nach kurzer Zeit aus dem Ruder. „Wenige Minuten später kam es zu Würfen von Steinen und Pyrotechnik auf Einsatzkräfte und Gebäude“, berichtete die Polizei. Fenster von Neubauten wurden eingeschlagen. Zudem flogen rot leuchtende Bengalische Feuer auf Balkons von gerade fertiggestellten, hochwertigen Wohnungen. Während dieser Angriffe habe die Versammlungsbehörde den Aufzug aufgelöst, hieß es. Beobachter berichten, danach habe es „Jagdszenen“ zwischen Polizisten und Vermummten gegeben.

Teilnehmer einer Demonstration ziehen mit roten Pyro-Fackeln durch den Stadtteil Connewitz.
Teilnehmer einer Demonstration ziehen mit roten Pyro-Fackeln durch den Stadtteil Connewitz. © Hendrik Schmidt/dpa

Gegen 23.35 Uhr zogen rund 30 dunkel gekleidete Aktivisten als Spontandemo Richtung Polizeidirektion in der Innenstadt und forderten die Freilassung von Festgenommenen. Zugleich wurde vermeldet, dass auf dem Gelände des Polizeiverwaltungsamts in Leipzig-Lindenau ein Streifenwagen brannte, der von der Feuerwehr gelöscht werde. Gegen 1.30 Uhr hielten mehrere Menschen eine Straßenbahn in der Bornaischen Straße an und besprühten sie mit Graffiti. Auch Barrikaden wurden errichtet und Mülltonnen angezündet. Als die Polizei eintraf, hätten sich rund 150 Menschen in Seitenstraßen zurückzogen, hieß es. Mehrere Hundertschaften der Bereitschaftspolizei, der Bundespolizei sowie Kräfte aus Thüringen waren im Einsatz.

Bereits Donnerstag und Freitag hatte es Gewaltausbrüche gegeben. Freitagabend attackierten Vermummte einen Polizeiposten und warfen Steine auf Einsatzkräfte. Mülltonnen und Barrikaden wurden angezündet. Dabei fuhren zwei Mannschaftswagen der Polizei aufeinander. Donnerstag hatte die Polizei eine Hausbesetzung in einer Seitenstraße der Eisenbahnstraße im Leipziger Osten beendet. „Die Häuser denen, die sie brauchen!“, stand auf einem Transparent der selbsternannten „Besetzer*Innen-Initiative für selbstverwaltete Freiräume und die Rückeroberung des Lebens in der Stadt“. Der Eigentümer des unsanierten, leerstehenden Hauses sagte der Bild-Zeitung, er habe viele Jahre in einem Orchester gespielt und investiere nun als Freiberufler in zwei Häuser, um für sein Alter vorzusorgen. Nach der Räumung wurde ein Haus in Connewitz besetzt, aber wenige später von der Polizei ebenfalls geräumt.

Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) betonte, die Debatte um bezahlbaren Wohnraum habe mit den Besetzungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen einen schweren Rückschlag erlitten. „Man schafft keinen Wohnraum, indem man Polizisten angreift und Barrikaden anzündet“, so Jung. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) spricht den Randalierern politische Ziele ab: „Es geht ihnen darum, gegen unsere Rechtsordnung vorzugehen.“ Es seien Linksextreme, „die sich mit übler Gewalt vergehen an Sachen und an Polizistinnen und Polizisten“. Innenminister Roland Wöller (CDU) kündigte erneut an, sich für schärfere Strafen bei Gewalt gegen Polizisten einzusetzen. Auf Twitter kommentierte ein Beobachter die Vorgänge: „Seit Jahren machen Menschen in Connewitz auf Entmietung und Gentrifizierung aufmerksam und formulieren soziale Forderungen, aber werden kaum gehört. In die Tagesschau schafft es das Thema erst nach Besetzungen und drei Tagen Pyro-Sachbeschädigungs-Show.“

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