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„Wir können nicht auf die Wessis warten“

Die sächsischen Schriftsteller Marcel Beyer und Lukas Rietzschel über Aggressivität, Depression – und Grund zur Freude.

Marcel Beyer (l) und Lukas Rietzschel
Marcel Beyer (l) und Lukas Rietzschel © Christian Juppe / Carmen Schumann

Diese arme Sau. Das ist der Nachruf auf Uwe. Er hat sich ertränkt in dem See, der ein Steinbruch war. Es gab Gerüchte. Er soll seine Frau geschlagen haben, er soll für die Stasi gespitzelt haben, und gesoffen hat er auf jeden Fall. Nun treten vier Leute an Uwes Grab. Mehr sind es nicht. Der Pfarrer hat gut geredet, sagen sie später an den Stehtischen beim Bäcker. Die alten D-Mark-Preise sind überklebt. Der Teppichboden ist abgelaufen und fleckig. Ein solches Stimmungsbild aus der ostdeutschen Provinz liefert der Schriftsteller Lukas Rietzschel in seinem Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“. Er könne nicht versprechen, dass das nächste Buch optimistischer wird. „Ich sehe mich nicht fröhliche Entwürfe schreiben.“

Mit der Lesung beginnt der Abend unter dem Titel „Spurensammler“ in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek in Dresden. Neben Rietzschel sitzt der Schriftsteller Marcel Beyer auf dem Podium. Auf den ersten Blick haben beide nicht viel gemeinsam. Als Beyer 1996 aus Köln nach Dresden kam, war er Anfang dreißig und schon erfolgreich im Literaturbetrieb unterwegs. Da rannte Rietzschel noch als Zweijähriger durch Räckelwitz in der Lausitz. Und doch eint beide einiges: ein freundliches Naturell und ein Blick auf die Welt, für den das Wort Freundlichkeit nicht zuerst zutrifft. Da ist viel mehr Skepsis. In ihren Texten ist eine Angespanntheit spürbar und die Lust auf bohrende Fragen. Beyer entdeckt in Rietzschels Roman „eine latente Aggressivität, von der man nicht weiß, wann sie ausbricht“ – und findet das Echo darauf in seinen eigenen Gedichten. Er liest Beispiele aus dem druckfrischen Band „Dämonenräumdienst“. Absagesätze haken sich fest: Alle Fluchtwege sind verbaut. Du wirst nicht vermisst. Ich habe meine Feinde satt. Und wenn sich die Blutkirschen in der Wutnische türmen, ist es mit der Gemütlichkeit in der Geisterbahn vollends vorbei. In einer solchen Gegensätzlichkeit liegt der Reiz der Gedichte. Beyer kann das steigern. Er erfindet die wildesten Bilder und bindet sie in die strengste Form: Fast jedes Gedicht hat zehn Strophen zu je vier Zeilen.

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In einem der Texte geht es auch um den Riss, der die Geschichte teilt in ein Davor und Danach. Ist in den letzten dreißig Jahren etwas zusammengewachsen? Das wollen die Veranstalter beantworten, und sie mühen sich darin im gemischten West-Ost-Doppel: Holk Freytag als Präsident der Sächsischen Akademie der Künste und Joachim Klose als Landesbeauftragter der Adenauer-Stiftung. Zu scharfen Zuspitzungen kommt es nicht. Doch gelegentlich knirscht es prima. Marcel Beyer fragt: Woraus bestanden denn die Träume der Ostdeutschen im Herbst ´89? Was war das Zukunftsversprechen, um das sie sich betrogen fühlen? Glaubte wirklich jemand an blühende Landschaften? Klose vermutet: „Wir sind in einer kollektiven Depression. Viele Menschen fühlen sich um ihr Lebenswerk betrogen.“ Das macht Lukas Rietzschel ein wenig wütend. Es sei bloß eine Worthülse, wenn von „Anerkennung der Lebensleistung“ geredet wird. „Das klingt, als müssten sich DDR-Leute irgendwo einen Stempel abholen.“ Marcel Beyer pflichtet ihm bei: „Es hat keinen Zweck, zu warten, bis die Mehrheit der Deutschen – und das sind nun mal die Westdeutschen – bereit ist, zuzuhören.“ Und dann kommt der Satz des Abends von ihm, dem gebürtigen Baden-Württemberger: „Wir können nicht auf die Wessis warten.“

Die Alternative sehen beide Autoren ähnlich: Die Ostdeutschen sollten lieber souverän miteinander ihre eigene Geschichte verhandeln, auch das Nichtgesagte, auch die Tabus. Die Elternfamilie in Rietzschels Roman hat nach dem Mauerfall gar keine Zeit zum Nachdenken, sie hat mit Hausbau und Autokauf hinreichend zu tun, mit der „Geschmacksüberforderung“ im Baumarkt und der Nachahmung der alten westdeutschen Mittelschicht. „Aber die gab es schon gar nicht mehr“, sagt Lukas Rietzschel, „sie war längst mit der Transformation in die Dienstleistungsgesellschaft befasst.“ Für ihn ist diese Enttäuschung ein Grund, dass auch gestandene Handwerksmeister bei Pegida mitlaufen. Joachim Klose spricht vom „Abschwung durch Globalisierung“.

Dieses düstere Bild will Akademiepräsident Freytag so nicht stehen lassen. Er rühmt die restaurierten Dörfer und Kleinstädte im Osten. Das sei doch ein Grund zur Freude. Rietzschel widerspricht auch hier. Er erinnert daran, dass mit der Stilllegung von Betrieben zugleich ganze Dörfer stillgelegt wurden samt Kulturhaus, Chor und Sportvereinen. Diese Alltagsnormalität ging verloren, sagt er, und wurde durch nichts ersetzt. „Es wurde in Beton investiert und nicht in die Menschen. Alles, was gebaut wurde, waren Umgehungsstraßen und Gewerbegebiete. Dadurch entsteht aber kein Gemeinwesen.“ Marcel Beyer runzelt die Stirn. „Müsste das nicht aus den Leuten selbst wachsen?“, fragt er. „Man kann doch den Menschen nicht schon wieder was vor die Nase setzen mit EU-Mitteln für die Braunkohleablösung.“

Die Diskussion mit dem Publikum läuft spärlich, weil das Publikum nur sparsam verteilt im Raum sitzen darf. Wie schade. Dabei startet die Bibliothek mit einem anspruchsvollen Programm in den Herbst, mit Kino, Musik, Lesungen und einem anregenden Auftakt.

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