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AfD-Erfolg in Dorfchemnitz: Ein Dorf sieht Blau

Dorfchemnitz hatte schon 2017 das höchste AfD-Ergebnis in Sachsen. Kaum ein Ort erhielt seither so viel Aufmerksamkeit durch die Politik. Mit welchem Erfolg?

Carolin Bachmann stammt aus Dorfchemnitz und gilt als „eine von hier“. Manche glauben, dass sie deshalb so ein hohes Ergebnis einfuhr und die langjährige CDU-Abgeordnete Veronika Bellmann entthronte. Aber die AfD-Wahlerfolge haben tiefere Ursachen.
Carolin Bachmann stammt aus Dorfchemnitz und gilt als „eine von hier“. Manche glauben, dass sie deshalb so ein hohes Ergebnis einfuhr und die langjährige CDU-Abgeordnete Veronika Bellmann entthronte. Aber die AfD-Wahlerfolge haben tiefere Ursachen. © Jürgen Lösel

Von Tobias Wolf und Oliver Hach

Graue Wolken hängen am Tag nach der Bundestagswahl über Dorfchemnitz. Aufräumen steht an. Zwei Männer im dunklen Mercedes fahren die Hauptstraße entlang und pflücken blaue Plakate von Straßenlaternen. „Die Carolin hat’s geschafft“, sagt einer der beiden und deutet auf das Bild der AfD-Direktkandidatin Carolin Bachmann. Sie stammt aus Dorfchemnitz, lebt im Nachbarort Mulda und holte 52,3 Prozent der Erststimmen. Im Weggehen sagt der Schnauzbärtige, wie er den AfD-Sieg hier erklärt: Drei Jahre sei er Bauleiter auf der arabischen Halbinsel gewesen – „da brauchst du hier keine Moslems“.

Wieder einmal steht der Erzgebirgsort mit einem sachsenweiten Rekord im Fokus. 47,9 Prozent der Zweitstimmen gingen an die AfD, so viel wie in keiner anderen Gemeinde Sachsens – und ein halbes Prozent mehr gegenüber der Bundestagswahl 2017. Damals war Dorfchemnitz bundesweit „spitze“ bei den AfD-Zweitstimmen. Die einst dominierende CDU kommt heute gerade noch auf 18,4 Prozent.

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Am anderen Ende des Ortes im Unterdorf spricht eine Seniorin vom anderen Ende des politischen Spektrums. Sie sei erschüttert und frustriert über das Wahlergebnis, sagt sie. Vor vier Jahren sei das Flüchtlingsthema hier noch der Hauptgrund für den Zulauf zur AfD gewesen, sagt sie, „obwohl es hier im Ort nie einen einzigen Flüchtling gegeben hat“. Heute mobilisiere Corona. „Alle AfD-Wähler, die ich kenne, sind konsequente Impfgegner.“ Im Grunde ginge es nur um Protest: „Da ist der Mainstream, und wir sind dagegen.“ In Berlin, wo ihre Tochter lebt, sei man bei einem Besuch bedauert worden: „Ihr kommt aus Dorfchemnitz – aus dem Dorfchemnitz? Wie könnt ihr es dort aushalten?“ Solche Fragen fühlten sich nicht gut an.

Wahlplakat der AfD in Dorfchemnitz für die Landtagswahl 2019.
Wahlplakat der AfD in Dorfchemnitz für die Landtagswahl 2019. © Jürgen Lösel

Aus der Praxis der örtlichen Allgemeinärztin kommt ein Mittsechziger mit grauem Kinnbart. Bundestagswahl? Er winkt ab. „Jeder Zweite wählt hier AfD. Ich habe nicht gewählt.“ Sprichts, springt in sein Auto und ist weg. Eine ältere Dame erklärt, sie gehe als Zeugin Jehovas nie wählen.

Bürgermeister Thomas Schurig von den Freien Wählern ist weder im schmucklosen DDR-Zweckbau der Gemeindeverwaltung noch in seiner Baufirma zu erreichen. Dann meldet er sich telefonisch von einer Reha. Er ist ehrenamtlicher Ortschef des 1.536-Einwohner-Ortes im Süden des Landkreises Mittelsachsen, in dem der Statistikstelle des Freistaats zufolge etwas mehr Männer als Frauen und keine Ausländer leben. Die Bäckerei ist einer der wenigen Treffpunkte im Dorf. Die Gaststätte ist seit Jahrzehnten zu. Der letzte Fleischer schloss vor gut zwei Jahren. 2017 war Schurig gerade zwei Jahre im Amt, als sein Dorf das erste Mal bei einer Bundestagswahl über Nacht „berühmt“ wurde.

Damals erklärten er und andere den Erfolg der AfD damit, dass sich Landespolitiker nicht sehen lassen, dass Dorfchemnitz eine Art „Tal der Vergessenen“ sei, dass die Straßen schlecht und die Gemeindekassen leer sind. Schurig gab sich Mühe, das Ergebnis als Abweichung von der Normalität darzustellen. Stimmen für die AfD? Eine Trotzreaktion. Man sei nicht rechts.

Bürgermeister von Dorfchemnitz ist Thomas Schurig.
Bürgermeister von Dorfchemnitz ist Thomas Schurig. © Jürgen Lösel (Archiv)

Daraufhin ließ sich die nun abgewählte CDU-Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann öfter sehen. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kam zum internationalen Kettensägen-Schnitzwettbewerb und zum Unternehmerstammtisch. Und der Freistaat machte Geld locker. Plötzlich klingelte es auch in Schurigs Gemeindekasse. 70.000 Euro Investitionspauschale pro Jahr. Mit der Pauschale vom Freistaat und Fördermitteln konnte die alte Turnhalle für 130.000 Euro renoviert werden, die Vereine der Gegend nutzen. Der historische Eisenhammer wurde für weitere 130.000 Euro saniert. Dazu gab es ein bisschen Straßenbau. Gerade wird in der Gemeindeverwaltung Fußboden verlegt.

An der Wahlpräferenz im Ort hat all das wenig geändert. Die Europawahl 2019 brachte ähnliche Ergebnisse wie 2017: 43,5 Prozent AfD, 26 Prozent CDU. Bei der Landtagswahl 2019 wählten 45,4 Prozent die AfD und 34,2 die CDU. Und nun wieder.

Ein Haus an der Hauptstraße. Das Obergeschoss ist mit braunen Holzbrettern verkleidet. „Kopf einziehen“, ruft Friedmar Gernegroß und läuft in einen der geduckten Räume. Alles hier riecht nach Holz. Es ist die Männelmacher-Werkstatt von Gernegroß. Der 71-Jährige drechselt in dritter Generation Räuchermänner und Holzreifenfiguren und baut Miniaturen in die Schalen von Walnüssen ein. Bis 2019 stand er damit auf dem Dresdner Striezelmarkt.

„Mit dem Wahlergebnis kann ich leben, die AfD-Kandidatin ist ja aus der Gegend“, sagt Gernegroß, der die AfD nicht gewählt hat. Bei der Wahl sei es um Tempolimit und Klima gegangen, aber nicht um „die Heimat“, sagt er. „Der große Krebsschaden war die Sache mit der Schule.“ Seine Frau nickt. Als die Grundschule geschlossen und gleich der ganze Schulbezirk abgeschafft wurde. Durch die eigene CDU-Bürgermeisterin – gegen die Stimmung im Dorf. Inzwischen gibt es wieder einen Hort. Die Spaltung in ein AfD- und ein Nicht-AfD-Dorf bereitet dem Paar Sorgen. „Der Zusammenhalt im Dorf ist gut, und uns liegt daran, dass kein Zwiespalt entsteht.“

Der Zwiespalt, die Teilung, ist auch an schwarz-rot-goldenen Fahnen in Vorgärten zu erkennen. Wie als Trotz gegen die Übermacht der AfD im Ort, haben Bewohner eines Hauses an der Hauptstraße eine Europaflagge gehisst. Die Besitzerin will keine Kommentare zur jüngsten Wahl abgeben. Ein Stück Richtung Oberdorf, sagt eine Frau: „Als Gauland 2017 ‚Und wir werden sie jagen‘ verkündete, hat mir das Angst gemacht. Noch heute läuft es mir beim Gedanken daran kalt den Rücken hinunter.“

Claus Müller ist AfD-Wähler. Der 64-jährige Ruheständler mag RTL2-Dokus, die Junkies auf deutschen Großstadtbahnhöfen begleiten. „Die Sendung gucke ich manchmal, um so richtig einen Hals zu kriegen.“ Müller klagt über eine niedrige Rente nach 47 Berufsjahren. Früher saß er im Gemeinderat, habe aber nach der Grundschulsache aufgegeben. Er sei „gegen den zügellosen Zuzug von Ausländern“. Zuwanderung solle es möglichst nur „aus den gleichen Kulturkreisen“ geben, etwa aus Ungarn, Tschechien, Polen oder Russland. „Das funktioniert nicht mit Arabern.“ Nicht alles im AfD-Programm teile er, so Müller. Wie die Frage des Klimaschutzes, den die AfD für unnötig hält. Und die Rechtsextremisten der Partei wie Björn Höcke und Jens Maier und ihre Reden? „Das Niveau der Ansprache müsste sich verbessern, das kommt manchmal etwas rüde rüber.“ Warum in seinem Dorf so viele die AfD wählen? „Wir sind nicht rechts, aber wir denken noch ein bisschen selbstständig nach.“

Frust herrscht auf dem Hof einer Autowerkstatt. Der Meister steht mit einem Kunden an einem Geländewagen, schimpft: „Ich hab einen Sack voll Arbeit. Die Industrie hat mir meinen Mitarbeiter abgeworben.“ Deren Löhne könne er nicht zahlen, junge Leute seien nur aufs schnelle Geld aus. Dass die AfD die Partei ist, die trotz Fachkräftemangels Zuwanderung in den Arbeitsmarkt ablehnt, quittiert er mit den Worten: „Ich kenne eine Werkstatt, die haben Tschechen eingestellt. Wenn die was verbockt hatten, konnten sie plötzlich kein Deutsch mehr.“

Bürgermeister Schurig versucht zu erklären, warum all die Investitionen und die Zuwendung durch Politiker nichts gebracht haben und die AfD noch besser abschnitt als 2017. „Die CDU-Abgeordnete Bellmann hat dem Ort viel geholfen. Ich kann mir das Wahlergebnis nicht erklären.“ Dann aber sagt er, im Grunde habe sich nach 2017 an der Gesamtsituation doch nicht so viel verbessert. Das Handynetz funktioniere nur teilweise. Hinzu käme die Unzufriedenheit mit der Corona-Politik. Fremdenfeindlich seien die Leute hier nicht, so der Bürgermeister. Es gebe ja kaum Ausländer. „Und der kleine Iraker, der beim Bäcker war, der ist integriert.“

Der Aufstieg der Rechten vor Ort ist schon länger erkennbar. 1999 kam die CDU bei der Landtagswahl noch auf 75 Prozent der Stimmen in der Gemeinde, die NPD erreichte 1,2 Prozent. 2004 fiel die CDU auf 57,6 Prozent, die NPD stieg auf 12,1 Prozent. Es blieb der höchste Wert für die Extremisten, dann kam die AfD und erreichte bei der Wahl 2014 aus dem Stand 12,8 Prozent, während die CDU bei 55 landete. Nun ist die AfD das zweite Mal stärkste Kraft bei einer Bundestagswahl in der Gemeinde.

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Beim einzigen Bäcker herrscht montags Ruhetag. Kaffee gibt's trotzdem. Ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin, nur ohne Namen. Es habe sich einiges im Ort verbessert seit 2017, sagt die Frau. „Ich fühle mich hier nicht vergessen.“ Man müsse sich aber auch selbst bewegen, um etwas zu erreichen. Die Wahlergebnisse will sie nicht kommentieren. „Was die hier eben so wählen.“ Es klingt ratlos.

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