merken
PLUS Leben und Stil

Zu wenige Hebammen in Sachsen

Gebärende erwarten eine Eins-zu-eins-Betreuung. Doch die ist im Freistaat die Ausnahme, wie eine aktuelle Analyse zeigt.

Eins-zu-eins Betreuung von Gebärenden in Sachsen ist eher die Ausnahme.
Eins-zu-eins Betreuung von Gebärenden in Sachsen ist eher die Ausnahme. © kairospress

Als Paula M.* im Städtischen Krankenhaus Dresden-Neustadt ihren Sohn zur Welt brachte, lief das etwas anders ab, als sie erwartet hatte. Wie die meisten Frauen nahm sie an, dass ihr eine Hebamme während des gesamten Geburtsprozesses zur Seite steht, ungeachtet von Schichtwechseln oder parallel verlaufenden Geburten in Nachbarkreißsälen. Vier der fünf Stunden von der Aufnahme in die Klinik bis zur Entbindung hat sie mit ihrem Mann allein im Kreißsaal verbracht, erinnert sie sich. Die diensthabende Hebamme musste sich zeitgleich noch um zwei andere Gebärende kümmern. „Das hat mich überrascht“, sagt die junge Mutter. Als die Wehen dann sehr stark wurden und sie sich hilflos fühlte, bat sie die Hebamme, jetzt bitte nicht mehr wegzugehen. Sie blieb.

„Eine Geburt ist kein planbares Ereignis. Notfälle oder übermäßig hohe Geburtenzahlen an einem Tag sind jederzeit möglich und können unseren Personaleinsatz punktuell beeinflussen“, erklärt Kliniksprecherin Viviane Piffczyk. Doch Paula M.s Fall ist in Sachsen eher die Norm als die Ausnahme.

Anzeige
Nicht verpassen: Die SZ-Frühjahrsauktion
Nicht verpassen: Die SZ-Frühjahrsauktion

Ab 14. Mai bei der großen SZ-Frühjahrsauktion mitbieten, tolle Schnäppchen entdecken und gleichzeitig den regionalen Handel unterstützen.

Eins-zu-eins-Betreuung der Frauen ist selten

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe empfiehlt, dass eine Hebamme die werdende Mutter während der gesamten Geburt betreut – bei ihr bleibt, sie ermutigt, ihr hilft und das Kind im Blick behält. Studien zeigen, dass bei einer Eins-zu-eins-Betreuung weniger Wehenmittel gespritzt, weniger Schmerzmittel verabreicht und weniger Kaiserschnitte gemacht werden. Außerdem kommt es seltener zu Komplikationen und Eingriffen wie Dammschnitten, Saugglocken- oder Zangengeburten, unter denen Mütter und Babys zum Teil auch noch lange nach der Geburt leiden.

Wie Wissenschaftsjournalisten des Science Media Center gemeinsam mit der SZ und zehn weiteren Medienpartnern in einer umfangreichen Datenanalyse herausgefunden haben, ist eine solche Eins-zu-eins-Betreuung in deutschen Geburtskliniken jedoch äußerst selten.

Werdende Eltern erfahren das meist erst während der Geburt. „Ihnen werden die wichtigsten Informationen schlicht nicht zur Verfügung gestellt“, sagt Dr. Patricia Van de Vondel, Chefärztin der Frauenklinik am Klinikum Porz in Köln, die bei der bundesweiten Analyse fachlich beraten hat. Zum einen existieren keine gesetzlichen Vorgaben, wie viele Hebammen eine Klinik haben muss. Zum anderen gibt es zur personellen Ausstattung der Kreißsäle keinerlei öffentliche Informationen.

Deshalb wurden deutschlandweit 351 geburtshilfliche Abteilungen zur Qualität ihrer Versorgung befragt. 261 von ihnen waren bereit, sich zu ihrem Hebammenschlüssel zu äußern. Von den insgesamt 38 Kliniken in Sachsen gaben 20 an, wie viele fest und in Vollzeit angestellte Hebammen 2019 in ihren Kreißsälen gearbeitet haben (siehe Tabelle). 16 dieser Kliniken waren personell mindestens so ausgestattet wie von Fachmedizinern in einer Leitlinie empfohlen. Vier schafften das nicht: die Klinik Eilenburg, die Muldentalklinik Grimma, das Helios Vogtland Klinikum Plauen und die Pleißental-Klinik Werdau.

1.020 Hebammen in Sachsen

Die Leitlinie sieht vor, dass eine Klinik mit bis zu 600 Geburten im Jahr mindestens 5,65 Hebammen in Vollzeit anstellen müsste, damit rund um die Uhr eine Hebammenbetreuung gewährleistet werden kann. Je weitere 100 Geburten sollten Kliniken zusätzlich 0,93 Stellen schaffen. So könnte bei 95 Prozent der Geburten eine Eins-zu-eins-Betreuung ermöglicht werden, heißt es.

In der Realität sieht das aber anders aus. Selbst wenn der empfohlene Personalschlüssel eingehalten werde, könne man die Arbeit im Kreißsaal nur gerade so schaffen, sagt Stephanie Hahn-Schaffarczyk. Als Vorsitzende des Hebammenverbandes Sachsens vertritt sie die Interessen von 874 Hebammen. Insgesamt gibt es etwa 1.020 Hebammen im Freistaat. Wie viele es genau sind, kann keiner sagen. Denn neben den fest angestellten Klinikhebammen gibt es auch Freiberuflerinnen. Viele sind neben ihrer selbstständigen Tätigkeit in Teilzeit fest an Krankenhäusern angestellt, andere betreuen die Frauen nur vor oder nach der Geburt.

„Ganz oft ist eine Hebamme während der Geburt für drei Frauen gleichzeitig zuständig“, sagt Hahn-Schaffarczyk. Und zwar auch in der aktiven Phase, also dann, wenn die Wehen sehr stark sind und sich der Muttermund mindestens sechs Zentimeter geöffnet hat. „Die Frau braucht dann Hilfe und Zuspruch“, sagt sie. Als es bei Paula M. soweit war, war auch die Hebamme da. „In dieser Phase betreuen wir alle Frauen eins zu eins“, so Kliniksprecherin Viviane Piffczyk. In 70 Prozent der Geburten schaffe die Klinik das sogar während der ganzen Geburt.

Die Betreuungssituation in den Kreißsälen sei bundesweit seit Jahren ein großes Problem, sagt die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, Ulrike Geppert-Orthofer. Immer wieder müssten Geburtskliniken deshalb vorübergehend geschlossen werden. Trotzdem fordert sie eine Eins-zu-eins-Betreuung, wie sie in anderen europäischen Ländern Usus ist. „In Deutschland findet sie im normalen Dienst nur in 16 Prozent der Geburten statt.“

Die Auswertung des Science Media Center ergab, dass das Betreuungsverhältnis in kleinen Kliniken mit weniger als 500 Geburten pro Jahr oft besser ist als in großen. So lag es etwa im DRK Krankenhaus in Lichtenstein, in den Muldentalkliniken Wurzen oder den Helios Weißeritztal-Kliniken Freital den Klinikangaben zufolge 2019 zum Teil weit über den empfohlenen 5,65 Vollzeitstellen. Die Kliniken Erlabrunn in Breitenbrunn beschäftigten sogar sieben Hebammen voll, die 290 Kindern auf die Welt halfen. Von den größeren Kliniken bis 999 Geburten jährlich halten bundesweit 64 Prozent die Empfehlung ein. Bei den großen Häusern ab 1.500 Geburten schaffen das nur 43 Prozent.

Wie selten eine Hebamme nur eine Gebärende betreut, zeigte schon die Hebammenstudie Sachsen, die das Berliner IGES-Institut im Auftrag des sächsischen Sozialministeriums im April 2019 veröffentlicht hatte. Als von 2017 bis 2018 dafür die Daten erhoben wurden, stand nur in 17,5 Prozent der Geburten eine Hebamme ausschließlich für eine Frau zur Verfügung, nicht einmal bei jeder fünften. In 52,5 Prozent kümmerte sich eine Geburtshelferin um zwei Frauen gleichzeitig, in 22,5 Prozent der Geburten um drei Gebärende. In 6,3 Prozent der Geburten war eine Hebamme sogar für vier Frauen gleichzeitig zuständig.

Manche sächsische Klinikhebamme betreut pro Jahr bis zu 160 Geburten. „Normal sind um die 90 Geburten. Wünschenswert wären 60“, sagt Hahn-Schaffarczyk. Die Personalnot bedinge sich selbst, kritisiert sie. „Viele Kolleginnen sind so gefrustet, dass sie die Kliniken verlassen.“

„Wir kriegen das schon immer irgendwie hin“

Das war absehbar, wie die sächsische Hebammen-Studie zeigt: 56 Prozent der befragten fest angestellten Hebammen waren schon vor vier Jahren der Meinung, die Frauen nicht so betreuen zu können, wie sie es für richtig hielten. Und das, obwohl sie durchschnittlich 16 Überstunden pro Monat erbrachten.

Wegen der hohen Arbeitsbelastung durch gestiegene Geburtenzahlen und Vertretungsdienste für erkrankte Kolleginnen dachten 40 Prozent der fest angestellten Hebammen oft oder sehr oft darüber nach, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Fast ein Viertel erwog schon damals, den Beruf aufzugeben. Andere Gründe für solche Gedanken waren das als zu niedrig empfundene Einkommen (60 Prozent), mangelnde Anerkennung (58 Prozent) und zu viele fachfremde Tätigkeiten (47 Prozent).

„Wir putzen die Gebärsäle, füllen Schränke auf, erledigen den Papierkram, gehen an die Tür, wenn es klingelt, bringen den Frauen Essen und Getränke“, beschreibt Hahn-Schaffarczyk, was damit gemeint ist. Hinzu kommt, dass auch Hebammen Kinder haben – und deren Betreuung für manche im Schichtdienst mit manchmal unklarem Ende nicht immer leicht zu organisieren ist.

Ein Säugling liegt in einem Bett auf der Wochenstation im Universitätsklinikum in Dresden.
Ein Säugling liegt in einem Bett auf der Wochenstation im Universitätsklinikum in Dresden. © Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa

Aber es gehe auch anders, zum Beispiel im St. Elisabeth-Krankenhaus Leipzig oder im DRK Krankenhaus Chemnitz-Rabenstein. „Sie schaffen in den meisten Fällen eine Eins-zu-eins-Betreuung“, so Hahn-Schaffarczyk. „Wir bekommen das hin, weil wir zum einen selbst Hebammen ausbilden und zum anderen hebammenunspezifische Arbeiten anderem Personal übertragen haben“, sagt Oberarzt Dr. Gunter Leichsenring. Pro Schicht reinigt eine Putzkraft die Kreißsäle, eine Krankenschwester entnimmt Blut, bringt es zum Labor und bedient den Wehenschreiber. „Unsere Hebammen kümmern sich ausschließlich um die Betreuung der Frauen vor, unter und nach der Geburt“, so Leichsenring. Das macht sich in den stetig steigenden Geburtenzahlen bemerkbar. 1.840 Kinder haben die Chemnitzer 2019 entbunden, Platz vier im Freistaat.

Von der angespannten Personalsituation vieler Häuser bekommen die Mütter nur wenig mit. 79 Prozent gaben in der Befragung des Sozialministeriums an, dass die Hebamme während der Geburt genug Zeit für sie hatte, 81 Prozent meinten, dass sie immer gleich da war, wenn sie Hilfe brauchten.

So auch Paula M. „Ich habe mich trotzdem gut betreut gefühlt.“ Wenn es ganz knapp werde, müsse eben der ärztliche Dienst mit eingebunden werden, sagt Hebamme Hahn-Schaffarczyk. „Wir kriegen das schon immer irgendwie hin.“

Zur Wahrheit gehört auch, dass die erhobenen Daten die Situation von 2019 abbilden. Inzwischen ist es einigen Häusern gelungen, mehr Hebammen einzustellen. So hat zum Beispiel das Malteser Krankenhaus St. Johannes in Kamenz derzeit 8,15 Vollzeitstellen geschaffen, im Herbst kommen noch 1,5 hinzu, verteilt auf zwei Hebammen.

Werdende Eltern sollten deshalb bei der Kliniksuche immer nachfragen, wie häufig eine Hebamme mehr als eine Frau unter der Geburt betreuen muss, rät Rainhild Schäfers, Professorin für Hebammenwissenschaften und Mitglied der Bundesfachgruppe für Perinatalmedizin. Denn die Hebamme kann der Frau nur dann zum Beispiel bei einem drohenden Dammriss helfen, wenn sie nicht erst kurz vor den Presswehen in den Kreißsaal eilt.

*Name geändert

Weiterführende Artikel

Andrang auf Hebammenkunde in Leipzig

Andrang auf Hebammenkunde in Leipzig

Den Studiengang gibt es schon seit einem Jahr. Immer mehr bewerben sich. Doch wegen der Corona-Pandemie sind die Studienplätze knapp.

Weniger Kaiserschnitte – gute Klinik?

Weniger Kaiserschnitte – gute Klinik?

Ein Kaiserschnitt kann Folgen für Mutter und Kind haben. In Kliniken mit hohen Raten gibt es oft Qualitätsprobleme.

Die Ergebnisse der Analyse sind in die bislang umfangreichste, öffentlich zugängliche Datenübersicht zu Geburtskliniken eingeflossen: www.kreisssaal-navi.de

Unsere Serie zeigt, wo werdende Eltern auch in Corona-Zeiten eine Geburtsklinik finden, die zu ihnen passt. Hier geht es zur Übersicht: So finden Eltern eine gute Geburtsklinik in Sachsen.

Mehr zum Thema Leben und Stil