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Sachsenpower für Dschingis Khans Erben

Eine Dresdner Firma will in der Mongolei drei Kraftwerke bauen – die Aufträge sollen der Auftakt sein für eine strategische Kooperation.

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© Reuters

Von Michael Rothe

Steppe, so weit das Auge reicht, Gebirge, Jurten in grünem Grasland, die Wüste Gobi. So kennen die Deutschen die Mongolei – in der Regel aus Schulbüchern und Bildbänden. Trotz der grandiosen Natur verirren sich nur wenige in das fernöstliche Binnenland, eingeschlossen von Russland und China. Gerade mal 400 000 Ausländer hatten den Staat, gut viermal so groß wie Deutschland, 2014 bereist – ebenso viele wie die Stadt Dresden.

Zwar will die mongolische Regierung 800 Jahre nach Dschingis Khans Feldzügen, dass ausländische Besucher ihr Land erobern und sich der Tourismus neben Landwirtschaft und Bergbau zum dritten Standbein entwickelt. Doch mehr noch sind Investoren gefragt, Leute wie Frank Kockisch aus Strehla bei Riesa. Der 54-Jährige hatte es vor drei Wochen sogar ins mongolische Fernsehen geschafft: als er mit dem mongolischen Industrieminister Dondogdorj Erdenebat in Berlin eine Grundsatzvereinbarung unterschrieb. Sie sieht den Bau eines 60-Megawatt-Kraftwerks und die Ausbildung von bis zu 5 000 mongolischen Facharbeitern in Kraftwerks- und Energietechnologie in Deutschland vor – namentlich im Lausitzer Kohlerevier.

Das 300 Millionen Euro teure Vorhaben ist das umfangreichste Projekt im Rahmen eines Regierungsabkommens beider Länder aus dem Jahr 2011 zur strategischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Das Hybrid-Kraftwerk mit modernster Technologie für Kohle, Solar und Windenergie soll 1 100 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Ulan-Bator entstehen: in Ulaangom, mit 26 000 Einwohnern „Metropole“ der Provinz Uvs Aimag.

„Wir nutzen jetzt die kalte Jahreszeit zur Planung“, sagt Kockisch der SZ. Im Winter könnten in knapp 1 000 Metern Höhe die Temperaturen schon mal auf minus 50 Grad Celsius sinken. Dann besser im Sommer bauen, wenn das Thermometer auf gut 35 Grad Celsius steigt.

Motor für beide Projekte ist ein mongolisch-deutsches Joint Venture, die SaxEnergy Mongolia GmbH (SEM) mit acht Mitarbeitern und Sitz in Dresden. Deren Chef Kockisch denkt schon weiter: Die Grundsatzvereinbarung sei „ein starker Anfang“, aber noch größere Projekte im Energiesektor seien auf bestem Wege. „Wir haben zwei Großprojekte von je 600 Megawatt in der Pipeline und noch einiges mehr – abhängig vom Verkauf der Vattenfall-Braunkohle-Sparte in der Lausitz“, sagt er.

Der Energiesektor der Mongolei ist in vier autonome Regionen gegliedert. Kohlekraftwerke aus dem vorigen Jahrhundert liefern gut drei Viertel des Stroms, 600 Dieselgeneratoren weitere fünf Prozent. Zugleich wächst der Bedarf an Energie, weil das Land vom reinen Rohstoff-Export zu eigener Wertschöpfung in Schlüsselbranchen übergehen will. Dazu gehören Aufbereitungs- und Verarbeitungszentren für Kupfer, Eisen, Stahl und Seltene Erden mit hohem Strombedarf. Das Land, mit durchschnittlich 257 wolkenfreien Tagen eines der sonnenreichsten der Erde, strebt einen Mix aus Kohle, Sonne, Wind und Wasser an. Bei Technik, Know-how und Ausbildung ist Deutschland der Partner der Wahl.

Die Asiaten als billige Resteverwerter eines Energieträgers, dem Deutschland aus ökologischen Gründen entsagt? Kockisch verneint. Es gehe um modernste Technologien. „Die Mongolei will bis 2020 nahezu ein Viertel ihres Strombedarfs mit Solar-, Wind- und Wasserkraftanlagen erzeugen.“ Derzeit liege der Anteil bei vier Prozent. Im Gegenzug sichere das Vorhaben über Jahre Jobs in der Lausitz – etwa von Ausbildern und Monteuren, sagt Kockisch. Und Deutschland gewinne strategische Rohstoffsicherheit, weil man in der Mongolei, wohin man auch tritt, auf irgendeinem Bodenschatz steht: von Uran über Gold und Kupfer bis hin zu Seltenen Erden.