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Sachsens Unternehmen müssen mehr für Familien tun

Sachsen ist familienfreundlicher geworden. Aber die Unternehmen könnten noch viele Zukunfts-potenziale erschließen – mit der Politik. Vor der Wende war es in Ostdeutschland selbstverständlich, dass Frauen gearbeitet haben.

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Von Gunnar Grosse

Sachsen ist familienfreundlicher geworden. Aber die Unternehmen könnten noch viele Zukunfts-potenziale erschließen – mit der Politik.

Vor der Wende war es in Ostdeutschland selbstverständlich, dass Frauen gearbeitet haben. Man löste auch die damit einhergehenden Probleme. Mit Betriebskindergärten, Hortbetreuung und anderem. Man hatte diese gesellschaftliche Gegebenheit einfach sozial organisiert. Dann kam die Westwelt–und man hatte für diese Dinge keine Lösungen parat. Ich habe diese schwierige Zeit erlebt, als ich vor 20 Jahren aus Schweden nach Sachsen kam.

Als ich mein Unternehmen aufbaute, wurde die schwedische soziale Kultur miteingepflanzt. Denn für mich steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Heute ist Komsa ein mitarbeiterfreundliches Unternehmen mit flachen Hierarchien, das sehr viel Verantwortung an die Mitarbeiter delegiert.

Für einen Mitarbeiter ist das Unternehmen nicht nur eine Funktion, die ihn mit Arbeit zufriedenstellt. Das Leben besteht doch aus so viel mehr: Familie, Freizeit, Gesundheit, Freunde. Hier gibt es Riesenpotenziale, aus denen das Unternehmen schöpfen kann, um Dinge zu finden, die den Mitarbeiter zufriedener machen, die ihm helfen und die gleichzeitig ein gutes Gewissen geben.

Es war aber gar nicht so einfach, dieses soziale Umfeld zu schaffen. Beispielsweise einen betriebseigenen Kindergarten aufzubauen. Das war bis über die Jahrtausendschwelle hinweg ein schwieriges Unterfangen. Es forderte sehr viel Überzeugung, Ressourcen und langen Atem, um sich bei Behörden und Verwaltung für diese Idee stark zu machen. Auch heute noch klagen Firmen, die ein solches Vorhaben planen, über zu viel Bürokratie. Diesen Eisendeckel müssen wir gemeinsam heben, der auf uns Ameisen drückt.

Bei Komsa, mit einem Durchschnittsalter von 34 Jahren und einem Frauenanteil von 60 Prozent, hat der betriebliche Kindergarten die Mitarbeiter zusammengeführt, Zufriedenheit gegeben, Loyalität und Stolz geschaffen. Um neue Mitarbeiter zu rekrutieren, muss ein Unternehmen attraktiv sein. Um gut arbeiten zu können, muss ein Mensch sich wohl fühlen.

Dazu braucht es keine Riesen-maßnahmen, der Schlüssel liegt eher in der Summe von kleinen Dingen. Dem Mitarbeiter Zeit einsparen, sich für den Menschen ehrlich interessieren und sich um ihn zu sorgen, ihn mit Befugnissen ausstatten, ihm eine Perspektive zu geben, ihn zu entwickeln – all das gehört dazu.

Das Kinderhaus ist nur ein kleiner Teil der Mitarbeiterpolitik. Alle Bestrebungen in dieser Richtung –dass der Mitarbeiter mit Freude zur Arbeit geht und von der Arbeit geht – müssen richtig sein, und sie müssen auch von der Politik unterstützt werden. Es ist gut, dass der Fokus der öffentlichen Debatte langsam mehr und mehr in Richtung „Social Entrepreneurship“ (soziales Unternehmertum) geht. Das ist sehr wichtig, weil es keinen anderen Weg gibt. Übernahme sozialer Verantwortung wird ein Teil von Unternehmertum.

Der Unternehmer hat eine weitaus größere Verantwortung als nur die Schuldigkeit von maximalem Gewinn. Der Unternehmer soll mehr machen, als er muss. Es wird höchste Zeit, dass Ethik – also Gewissen, Moral und Anstand – wieder einen höheren Stellenwert bekommen. Da ist der Unternehmer gefragt, solche Wert zu bilden, zu fördern und vorzuleben, auch bei der Familienfreundlichkeit oder bei der Einstellung von Frauen in den Unternehmen.

Weibliche Intelligenz ist für jede Firma von Vorteil. Frauen leisten sehr viel und haben enormes Talent zum Organisieren. Firmen sollten sich nicht vor werktätigen Frauen fürchten. Es gibt zunehmend Unternehmen, in denen Frauen wichtige Positionen ausfüllen.

Wichtig ist vor allem, das notwendige Umfeld zu schaffen, damit sie arbeiten können. Ein richtiger Schritt in diese Richtung war und ist die Schaffung und Förderung von ausreichend und gut betreuten Plätzen für Kinder, sodass Mütter oder Väter sich in Ruhe der Arbeit widmen können. Staatliche Förderung sollte deshalb für eine noch bessere Qualität der Kinderbetreuung ausgegeben werden.

Gleichzeitig dürfen wir nie vergessen, dass es immer die Entrepreneure sind, die den Wohlstand in der Gesellschaft aufgebaut haben und aufbauen – ob mit oder ohne ausgesprochenen sozialen Ambitionen. Wohlstand entsteht ausschließlich durch die Wirtschaft. Die Politiker verteilen. Leider verlässt sich die Politik zu wenig auf die Unternehmen und möchte alles verklausulieren und regeln wie die rigide Steuergesetzgebung. Das hemmt die Motivation, Kraft und Lust der Unternehmen, mitarbeiterfreundliche Maßnahmen umzusetzen, zu unterstützen und zu helfen.

Die Verantwortung, sozial zu denken, ein Gewissen zu haben, Werte zu leben, wird aber immer wichtiger, um gutes Personal zu bekommen und wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Es gibt eine Menge Möglichkeiten. Im Alltag werden Komsa-Mitarbeiter unterstützt bei Wohnungssuche und Umzug, durch finanzielle Zuschüsse zu Betreuungskosten, Firmenrabatte, betriebliche Altersvorsorge, Fahrtkostenzuschüsse, subventioniertes Essen und kostenfreie Getränke. Dazu kommen gesundheitsfördernde Angebote wie Rückenschule, Yoga, Fitness, Walking, hauseigene Sauna, Schutzimpfungen. Junge Mütter und Väter erhalten Angebote zum Wiedereinstieg durch Kontakthaltemöglichkeiten oder Teilzeit während der Elternzeit.

Hinzu kommen unter anderem Flexibilisierung der Arbeitszeit zur Berücksichtigung familiärer Belange, Rücksichtnahme auf familiäre Verpflichtungen bei der Aufgabenzuteilung, bei Vertretungsregelungen oder familiengerechte Besprechungs- und Übergabezeiten, Absprachen bei Dienstreisen und Versetzungen unter dem Aspekt der Vereinbarkeit mit der Familie.

Wenn mehr Unternehmen einen solchen Weg gingen, würden mehr junge Familien lieber in der Heimat bleiben und nicht einen Arbeitsplatz in anderen Regionen suchen. Familienfreundlichkeit geht viel weiter als staatliche Geld-Zuschüsse. Die Region muss attraktiv sein, um hier Unternehmen zu gründen und nicht nur, um „den Saft aus dem Boden“ zu ziehen.

Wir brauchen mehr Headquarters hier und nicht nur Ableger von Firmen, die woanders angesiedelt sind. Deshalb brauchen wir Leute mit Wissen und Bildung. Bei uns im Kindergarten werden die Kinder von einem Englisch-Muttersprachler betreut. Sie lernen spielend eine zweite Sprache.

Bildung ist sehr wichtig, um einen guten Start ins Leben zu haben und das Leben auch meistern zu können. Gebraucht werden die besten Fachleute, deshalb ist Ausbildung ein absolutes Muss. Dazu zwingt die demografische Entwicklung.

Unternehmen, die nicht ausreichend mitarbeiter- und sozial orientiert sind, werden sich langsam vom Markt verabschieden.