Merken

Sachsens Unternehmen sind pünktlichste Schuldner

Rechnungen sind im Freistaat gut acht Tage überfällig. Speziell am Bau brummt das Geschäft auf Kosten der Lieferanten.

Teilen
Folgen
© dpa

Von Michael Rothe

In Sachsen sind offene Rechnungen im Schnitt eine gute Woche überfällig. Kein Ruhmesblatt, aber mit 8,5 Tagen Verzug herrscht im Freistaat noch die bundesweit beste Zahlungsmoral. Das ergab eine Analyse der Wirtschaftsauskunftei Creditreform für das zweite Quartal. Demnach lag der Freistaat zur Jahresmitte knapp vor Bayern mit etwa neun Tagen.

Deutschlandweit betrage der mittlere Verzug 9,6 Tage, heißt es. Schlusslicht bleibe Bremen mit im Mittel fast zwölf Tagen. Nach Ansicht der Experten hat sich das Zahlungsverhalten hierzulande in den vergangenen Jahren – mit wenigen Ausreißern – stetig verbessert. So habe der Verzug 2014 in Sachsen noch gut zwölf und in Deutschland über 13 Tage betragen.

Bei grundsätzlich gestiegener Bereitschaft, Rechnungen pünktlicher zu bezahlen, gibt es zwischen den Branchen große Unterschiede. Besonders viel Zeit lassen sich Baubetriebe mit im Schnitt 15 Tagen über Soll. Kaum besser sind Verkehr und Logistik. Ganz anders der Einzelhandel: Dort müssen Gläubiger keine fünf Tage länger als vereinbart auf ihr Geld warten. Und auch Chemie und Kunststoffe setzen ein positives Zeichen: Vor einem Jahr ließ man sich dort noch 14 Tage über das Zahlungsziel hinaus Zeit, jetzt sind es neun Tage.

Das Zahlungsverhalten ist ein wichtiger Parameter für die Liquidität der Unternehmen. Sie sind durch kontinuierlich steigende Eigenkapitalquoten, wachsende Erträge und Umsätze stabiler geworden. „Trotz der positiven Entwicklung bleiben viele Firmen auf Forderungen sitzen“, sagt Creditreform-Mann Schulz. Häuften sich nicht oder zu spät beglichene Rechnungen, kämen Lieferanten ohne ausreichende Rücklagen in Not. Aufträge könnten dann nicht vorfinanziert werden, die Substanz der Unternehmen werde angegriffen. Selbst starke Betriebe könnten so in Existenznot geraten. 2016 hatte es in Sachsen erstmals nach fünf Jahren wieder mehr Pleiten geben.

Noch vor ein paar Jahren war der Bau Hauptleidtragender verkommener Sitten. Nun wird die einst bemitleidete Branche selbst zum Buhmann. Thomas Schulz unterstellt weniger laxen Umgang mit Rechnungen als vielmehr Kalkül. „Aufgrund der guten Konjunktur und der niedrigen Zinsen legen viele ihr Geld in Betongold an“, sagt Schulz. Wegen voller Auftragsbücher hätten einzelne Baubetriebe einen sehr hohen Vorfinanzierungsaufwand für Baustoffe. Bei der Liquidität seien sie insbesondere von Lieferantenkrediten abhängig. Ein Drittel aller Baubetriebe hat laut der Auskunftei eine Eigenkapitalquote von weniger als zehn Prozent. Daher seien Banken sehr restriktiv bei der Kreditvergabe. „Auch in der Konjunktur gilt der egoistische Grundsatz: Der Lieferantenkredit ist noch immer der billigste“, kritisiert der Vertriebschef von Creditreform.

Im EU-Vergleich ein Luxusproblem

Die Auskunftei wurde 1879 gegründet, um Gläubiger vor „schädlichem Credit Geben“ zu schützen und so Forderungsausfälle zu vermeiden. Heute ist Creditreform mit bundesweit 129 Standorten Marktführer für Wirtschaftsinformationen und Inkasso in Deutschland und Europa. In Dresden betreuen 42 Mitarbeiter über 1 800 Firmenkunden im Postleitzahlgebiet 01. Grundlage ihrer quartalsweisen Erhebung sind 80 Millionen anonymisierte Zahlungserfahrungen von Unternehmen.

Nach Angaben des Hamburger Finanzdienstleisters EOS hatten Geschäftskunden in Europa im Schnitt 35 Tage Zeit, Rechnungen fristgerecht zu begleichen. Laut einer repräsentativen Studie der Gruppe, werden rund drei Viertel der Forderungen pünktlich beglichen. Mit 24 Tagen sei das Zahlungsziel in Deutschland am kürzesten, der Anteil der Säumigen dort mit 17 Prozent aber zugleich am geringsten, heißt es. EOS hatte gemeinsam mit dem unabhängigen Marktforschungsinstitut Kantar TNS (ehemals TNS Infratest) 3 200 Unternehmen in 16 europäischen Ländern zu Zahlungsgewohnheiten befragt.

Gemessen an der Zahlungsmoral anderswo hätte selbst das deutsche Schlusslicht Bremen ein Luxusproblem. Zum Vergleich: In Italien, Spanien oder Portugal sind 30, 40 Tage Verspätung nicht selten.