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Sächsische Chefs sind sicher: Jetzt ist der Fachkräftemangel da

Die Arbeitsagenturen sehen Mangel in wenigen Berufen – aber die Unternehmer in vielen.

© Symbolfoto: Hendrik Schmidt/dpa

Von Georg Moeritz

Noch vor drei Jahren sagte Dresdens Handwerks-kammerpräsident Jörg Dittrich diesen Satz in viele Mikrofone: „Es gibt keinen flächendeckenden Fachkräftemangel.“ Doch nun haben die sächsischen Kammern von Handwerk (HWK) und Industrie (IHK) erneut rund 1 200 Unternehmer repräsentativ befragt. Ergebnis: „Der Fachkräftemangel ist natürlich da“, sagte am Mittwoch der amtierende Chemnitzer IHK-Präsident Gunnar Bertram. Jede zweite offene Stelle in den befragten Betrieben bleibe länger als sechs Monate unbesetzt. Kleinen Betrieben falle es schwerer als großen, Fachkräfte zu bekommen.

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Bertram erlebt in seiner eigenen Branche allerdings als Chemnitzer Volksbank-Vorstand derzeit Stellenabbau: Zur Digitalisierung gehöre es, Sachbearbeitung zunehmend von Maschinen erledigen zu lassen. Doch in der sächsischen Umfrage bewerten 54 Prozent der Firmenchefs die Digitalisierung als positiv für ihre eigenen Betriebe. Fünf Prozent befürchten negative Folgen. „Digitalisierung verschärft Fachkräfte-Engpass“, das haben die Kammern über ihre Pressemitteilung geschrieben.

Sächsische Händler bekommen laut Bertram die Online-Konkurrenz zu spüren. Bei ihnen ist der Fachkräftebedarf laut Umfrage allerdings nicht so stark wie in anderen Wirtschaftszweigen: Das Handwerk steht an der Spitze mit 132 offenen Stellen je 1 000 Beschäftigten, gefolgt vom Bau mit 94. Wenn die Hochrechnung der Kammern stimmt, sind 83 000 Arbeitsplätze in Sachsen frei. Noch vor drei Jahren zeigte die Umfrage insgesamt 36 offene Stellen auf 1 000 Beschäftigte, nun sind es 52.

Dennoch werden die Arbeitsagenturen an diesem Donnerstag wieder berichten, dass Sachsen von Vollbeschäftigung weit entfernt ist. Laut Bundesagentur gibt es weiterhin „keinen flächendeckenden Fachkräftemangel“, sondern Engpässe in einzelnen technischen und Gesundheitsberufen sowie auf dem Bau. In der Altenpflege dauere es am längsten, freie Stellen zu besetzen. In einigen Berufen war der Mangel dagegen voriges Jahr nicht mehr festzustellen: etwa bei Schweißfachingenieuren und Experten für Automatisierungstechnik.

Der Bauunternehmer Frank Wagner aus Wechselburg ist Präsident der HWK Chemnitz und erlebt es als „fast aussichtslos“, wenn er kurzfristig Fachkräfte brauche. Allerdings habe er seine Belegschaft von 30 auf fünf Mitarbeiter reduziert, um Zeit für das Kammer-Amt zu haben. Doch Wagner betonte, der „Kampf“ um Fachkräfte werde stärker: Das Handwerk brauche duale Ausbildung, zu viele junge Leute wollten aber lieber studieren, und die Gesellschaft verlange mehr Polizisten und Lehrer. Dass es im Konkurrenzkampf auch ums Geld geht, zeigt die Umfrage: 42 Prozent der Chefs sahen Neueinstellungen auch an der Bezahlung scheitern.

Der Fachkräftemangel wird laut Bertram das Wirtschaftswachstum einschränken. Schon voriges Jahr fiel es schwächer aus als erwartet: Sachsen schaffte nur 1,4 Prozent Wachstum, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Deutschlandweit lag das Wirtschaftswachstum bei 2,2 Prozent.