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Sächsische Technik gegen das Kükentöten

Auf der Grünen Woche zeigte der Landwirtschaftsminister eine Dresdner Erfindung, die noch nicht ganz fertig ist.

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© dpa

Von Georg Moeritz

Dresden/Berlin. Der Minister hat es eilig: Christian Schmidt möchte grüne Häkchen hinter Tierschutzprojekte setzen. Auf der Grünen Woche in Berlin ließ der Bundeslandwirtschaftsminister von der CSU seine Fortschritte ausstellen. Dazu gehörte eine Vitrine vom Dresdner Unternehmen Evonta-Technology GmbH. Dahinter ein Plakat mit der Aussage: „Geschafft: mehr Tierwohl.“ Abgehakt, mit grüner Farbe.

Schmidt hat nämlich mehrfach angekündigt, in diesem Jahr das Kükentöten zu beenden. Rund 48 Millionen Küken werden pro Jahr getötet, alleine in Deutschland. Der Grund: Es sind männliche Küken. Nur die weiblichen werden aufgezogen, um als Hennen Eier zu legen. Die männlichen gelten als unwirtschaftlich, weil sie nicht einmal zur Mast taugen – diese Rassen setzen kaum Fleisch an.

Der Sächsische Geflügelwirtschaftsverband betont allerdings, es gebe schon eine Verbesserung: In Deutschland würden die Küken nicht mehr geschreddert, sondern mit Kohlendioxid erstickt. Das teilte der Vorsitzende Christian Riedel aus Großenhain bei einem Anruf in der Redaktion mit. Vom Schreddern solle man nicht mehr schreiben, richtig sei „getötet oder begast“.

Schmidts Ministerium aber fördert eine sächsische Erfindung, die Kükentöten ganz überflüssig machen soll. Nach Angaben des Ministers steht sie „vor dem Sprung vom Labor zur Anwendung“. Beteiligt sind Leipziger Forscher und Dresdner Ingenieure. Ihr Ziel: Noch im Ei wollen sie das Geschlecht bestimmen. Dann können die männlichen Eier rechtzeitig aussortiert werden – als Futter oder als Rohstoff für die Kosmetik-Industrie. Es schlüpfen keine Küken, also werden auch keine mehr getötet.

Noch ist es aber nicht so weit. Schmidts Vitrine auf der Grünen Woche ist keine fertige Maschine, sondern lediglich ein Modell aus dem Dresdner Unternehmen Evonta-Technology. Geschäftsführer Sven Meissner berichtet, bis Mitte des Jahres solle ein Prototyp fertig sein, ein „Demonstrator“ für erste Tests in einer Brüterei in Cuxhaven. Die ersten drei Module davon seien fertig, der letzte Bestandteil werde gerade gebaut. Wie die Maschine einmal arbeiten soll, das steht am Ausstellungsstück geschrieben: Zunächst wird die Spitze der Eierschale mit einem Laser angeschnitten, dann wird sie abgehoben. Danach lässt sich dank berührungsfreier Durchleuchtung der Blutgefäße erkennen, wie groß die Geschlechtschromosomen sind – das soll für eine Unterscheidung genügen. Die weiblichen Eier werden mit einem Pflaster verschlossen und weiter bebrütet.

Das Berliner Ministerium listet dieses Verfahren auf seiner Internetseite unter der Überschrift „Geschafft: mehr Tierwohl“ auf. Dort heißt es, die Methode werde derzeit „unter Hochdruck in die Praxisreife überführt“. Trotzdem steht schon der grüne Haken daran, ebenso wie am neuen staatlichen Tierwohl-Label. Das hatte Minister Schmidt zum Beginn der Grünen Woche vorgestellt. Doch die Kriterien für die Vergabe dieses Abzeichens stehen noch nicht fest, dieses Jahr werden noch keine Produkte mit Tierwohl-Label in den Handel kommen. Prompt wurde Schmidt aus Reihen der Grünen als Ankündigungsminister kritisiert. Doch der spricht vom „Einstieg in den Ausstieg“ beim Kükentöten. „Ich werde Wort halten“, sagte Schmidt.

Daran arbeiten auch Sven Meissner und seine sieben Kollegen bei Evonta. Der Firmenchef erklärt allerdings, dass dieses Jahr noch kein „marktfähiges Produkt“ daraus werde. Wie viele Kunden die Maschine kaufen, hänge auch vom Preis ab. Von mehreren Hunderttausend Euro pro Gerät ist die Rede. Bei 30 000 Eiern pro Stunde sei das zu vernachlässigen. In der Branche gibt es Skepsis: Verbands-Chef Riedel sagt, es gebe „bloß 38 Brütereien in Deutschland“. Erst in größerer Serienproduktion würden die Geräte günstig. Minister Schmidt allerdings hat keine Billig-Geräte versprochen. Er ist Jurist und verweist aufs Tierschutzgesetz: Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schäden zufügen. Sobald die Maschine praxistauglich sei, sei das Kükentöten automatisch verboten.