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Sängerwettstreit ohne Noten

Seit 30 Jahren kämpfen Kruzianer und Thomaner auf dem Fußballplatz gegeneinander – nicht nur um einen Pokal.

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© Norbert Neumann

Von Kathrin Kupka-Hahn

Die Stimmung im Dynamo-Stadion ist gestern Nachmittag ausgesprochen gut. Jubelrufe ertönen. Applaus fegt durch die Reihen. Aber nicht Schwarz-Gelb ist angesagt, sondern Blau. Hausherren am Sonntagnachmittag sind die Kruzianer, die Sänger vom Dresdner Kreuzchor. Blaue und weiße Fahnen werden von den über 1 000 angereisten Fans geschwenkt. „Die haben wir selbst angefertigt“, erzählt Fünftklässler Friedrich Schöne, der seine Kruzianer lautstark als Zuschauer anfeuert. Von den Leipziger Fans hingegen, die sich mit rot-weißen Fahnen präsentieren, ist wenig zu hören. Denn auch auf dem Rasen ist Blau die angesagte Farbe – zumindest im ersten Spiel. Das entscheiden die Kruzianer für sich – durch ein Tor von Jannis Philipp.

Den begehrten Pokal bekommen diesmal die Kruzianer im Dynamo-Stadion überreicht.
Den begehrten Pokal bekommen diesmal die Kruzianer im Dynamo-Stadion überreicht. © Norbert Neumann

Der Elfjährige geht in die fünfte Klasse, singt im Sopran und ist eigentlich ein recht ruhiger Typ. Gestern ist davon nur wenig zu spüren. Als Kapitän seiner Mannschaft zeigt er sich als Spielmacher, Passgeber, Verteidiger, Spieleröffner und schließlich auch als Torschütze. Dabei ist Fußball bisher nicht sein Metier bei den Kruzianern. „Letztes Jahr habe ich bei den Spielen noch zugeschaut“, erzählt Jannis. Nun wurde er von den Trainern der Fußball-AG Andreas Taubert, Julian Bandelow und Roger Lotze nominiert. Seit den 1980er-Jahren tragen Kruzianer und Thomaner Fußballspiele gegeneinander aus.

Pokal ging dreimal nach Leipzig

Wer die meisten davon gewonnen hat, ist nicht bekannt. „Darüber haben wir leider keine Statistik geführt“, erklärt der Pressesprecher des Kreuzchores, Christian Schmidt. Gespielt wird in drei Altersstufen: vierte und fünfte Klasse, sechste und siebte Klasse sowie achte bis zwölfte Klasse. Während bei den beiden jüngeren Jahrgängen acht Feldspieler und ein Tormann auf dem Fußballplatz antreten, sind es bei den „Männern“, wie sich die Älteren nennen, elf Spieler. Sie tragen auch den Wettstreit um den Pokal aus. Der thront während der Spiele auf einem Tisch bei Dynamo-Stadionsprecher Peter Hauskeller, der den Nachmittag souverän moderiert. „In den vergangenen drei Jahren ging der Pokal immer nach Leipzig“, sagt Pressemann Schmidt. Doch das soll sich ändern. Somit geht es diesmal auch um die Ehre.

Doch die Kruzianer in ihren blauen Trikots zeigen sich vor den Spielen zuversichtlich, dass sie diesmal gewinnen werden. „Wir müssen über außen kommen“, erklärt Jannis, welche Taktik er und seine Mannschaft sich für das Auftaktspiel überlegt haben. In der ersten Halbzeit gelingt ihnen das noch nicht so gut. Schon nach zehn Minuten haben die Thomaner ihre erste große Chance, die schließlich an der Latte abprallt. Die Dresdner fangen den Ball ab und kontern, bleiben jedoch im Abschluss erfolglos. Bereits wenige Minuten später bietet sich den Kruzianern eine weitere Chance: Der Schiedsrichter gibt einen Freistoß, den jedoch der Thomaer-Tormann pariert.

Kurz vor der Halbzeitpause wird es noch einmal brenzlig vor dem Leipziger Kasten. Jannis’ jüngerer Bruder Joris kommt ins Spiel und steht urplötzlich mit dem Ball vor dem Tor. Doch der Leipziger Tormann ist auf Zack und sichert den Halbzeitstand von 0:0. „Wir müssen unsere Chancen nutzen“, kommentiert Jannis die erste Spielhälfte. Leichter gesagt als getan.

In der zweiten Halbzeit drücken die Dresdner auf das Leipziger Tor. Im Minutentakt erarbeiten sich die Kruzianer Chancen, bleiben aber erfolglos – bis zur 27. Minute. Da trifft Jannis ins Netz und es steht 1:0 für die Kruzianer. Der Jubel ist riesig. Die Zuschauer auf den Rängen toben. „Selbst bei der Frauenfußball-WM war die Stimmung nicht so gut“, sagt Kruzianer-Fan Friedrich Schöne dazu. Torschütze Jannis ist nach dem Spiel erleichtert, aber auch wortkarg. „Ich bin zufrieden“, sagt er bloß und zieht sich mit seinen Mitstreitern in die Kabine zurück. Denn draußen auf dem Platz muss nun die nächste Truppe, die der Sechst- und Siebtklässler, bestehen. Mythos Mettwurst ist ihr Schlachtruf – einfach so, ohne Grund, erklären sie.

Auch diese Kruzianer kämpfen hart, verlieren gegen die Thomaner aber mit 2:3. Dann liegt die Last auf den „Männern“. Und die reißen es im letzten Wettstreit des Tages heraus. Sie gewinnen das Pokalspiel nach einem spannenden Kampf 6:2 und verteidigen so die Ehre der Kruzianer. „Der Pokal bleibt diesmal in Dresden. Unglaublich“, beschreibt Pressesprecher Schmidt seine Gefühle und die Freude der Kruzianer. Im Stadion versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Die Fans jubeln ohne Ende. Auch Friedrich Schöne. Morgen muss er vermutlich wie etliche andere Kruzianer viel warmen Tee trinken – für die Stimme. Aber einmal geht das schon.