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Salat aus Buchstaben

Immer noch gibt es viele Analphabeten. Warum ist das so, trotz aller Förderung? Forscher ergründen, wie wir das Lesen und Schreiben lernen – und manche Menschen nicht.

Allein in Sachsen gibt es etwa 300.000 Analphabeten. © Jens Büttner / dpa (Symbolbild)

Von Adina Rieckmann

Eine ganze Weile braucht Jochen Hofmann, um diesen einen Satz zu lesen: „In Deutschland gibt es 7,5 Millionen Analphabeten, sechzig Prozent davon sind Männer.“ Die Sekunden ziehen sich, die Zeit dehnt sich scheinbar endlos. Man möchte einschreiten, selber vorlesen.

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Ein Blick auf die Uhr: 47 Sekunden sind vergangen. Noch länger aber dauert das Aufschreiben – ohne Fehler wie diese: Deudschlant, Analfabet, seschzik, Mäner. Der Dresdner kann weder lesen noch schreiben. Er ist ein sogenannter funktionaler Analphabet, einer von über 300.000 allein in Sachsen. 

Deshalb besucht er mit 56 Jahren wieder eine Schule, den Alphabetisierungskurs an der DPFA-Schule in Dresden. Er habe als Kind Startschwierigkeiten gehabt, erzählt Jochen Hofmann. In der Schule habe er oft nur Bahnhof verstanden, obwohl es eine Sonderschule gewesen sei: „Die Buchstaben schwirrten nur so in meinem Kopf herum. Wenn es mir zu viel wurde, habe ich das Buch einfach in die Ecke geschmissen. Ich hatte keine Geduld damals, die Lehrer wahrscheinlich mit mir auch nicht.“

Es gibt verschiedene Arten von Analphabetismus. Manche Menschen haben niemals Schreiben und Lesen gelernt, vor allem in Entwicklungsländern ist diese Art verbreitet. Beim Semi-Analphabetismus können Menschen zwar lesen, aber nicht schreiben. 

Funktionale Analphabeten wie Jochen Hofmann kennen die Buchstaben. Aber sie sind unfähig, selbst kurze Texte zu verstehen oder gar zu schreiben. Sie haben bereits Schwierigkeiten mit einfachen schriftlichen Arbeitsanweisungen. Für Menschen wie Jochen hat die Bundesregierung 2016 ein zehnjähriges Programm aufgelegt: die Alphadekade.

Steven hat Lese- Rechtschreibschwäche. In einer Klasse für LRS-Kinder an der Grundschule am Forst in Kamenz wird er besonders gefördert.  © MDR

180 Millionen Euro lässt sich der Bund diese Alphadekade kosten. Das Sächsische Kultusministerium schießt auch dank der Fördertöpfe der Europäischen Union noch weitere 21 Millionen zu, für einen Zeitraum von sieben Jahren. Das Geld wird an viele Anbieter in Sachsen verteilt. Wie eben an die DPFA, einem privaten Bildungsträger. Grundkurse in Lesen, Schreiben und Rechnen werden so finanziert.

Doch es gehe nur stockend vorwärts, sagt Nils Geißler, der Verantwortliche der Alphadekade im Kultusministerium. „Es steht den Menschen ja nicht ins Gesicht geschrieben. Aus Scham redet ja auch keiner darüber. Das ist das Hauptproblem. Bei 300 000 Analphabeten in Sachsen nehmen nur knapp 2 000 an Fortbildungen teil“, erklärt er. Das seien viel zu wenige.

Ein Akteur in Sachsen ist die Koordinierungsstelle Alphabetisierung, kurz „koalpha“ genannt. Die Mitarbeiter schulen angehende Erzieherinnen und Lehrer, kümmern sich um die regionalen Beratungsstellen. Iris Nußbaum weiß, wie schwer es ist, Betroffene überhaupt zu finden. Die meisten seien sehr clever und hätten für sich gute Überlebensstrategien entwickelt, erzählt sie. „Wir reden hier nicht von Menschen, die nichts können, sondern viele können ausgesprochen viel. Sie sind Meister im Merken, im Auswendiglernen. Aber letztendlich verstecken sie damit nur ihr Manko, ihre Unfähigkeit.“ 

So wie Jochen Hofmann: „Wenn ich mal zu einer Behörde muss, dann trickse ich einfach. Ich sage dann immer, dass ich meine Brille vergessen habe, und bitte freundlich um Hilfe.“

Warum aber kann er nicht lesen und schreiben? Niemand wird als Analphabet geboren. Was also ist in seinem Leben schiefgelaufen? Der Dresdner verbrachte seit seinem fünften Lebensjahr seine Kindheit im Heim. „Ich bin früher oft abgehauen aus dem Heim. Ich war ja nicht nur in einem. Sie haben mich überall hin und her geschubst.“ Nach der sechsten Klasse sei er dann von der Schule abgegangen. Herumgereicht worden, von einem Betrieb zum anderen. „Ich wollte arbeiten, ich kann schließlich zupacken. Aber niemand wollte mich. Ich blieb überall nur für kurze Zeit. Und jetzt will mich gar keiner mehr“, sagt er.

Es gibt auch erwachsene ABC-Schützen: Rudolf Gottwald vom Dresdner Verein ABCD, eine Selbsthilfegruppe für Analphabeten. © Adina Rieckmann

Jochen Hofmann ist, wie viele Analphabeten, ein Einzelgänger. Hier in der Gruppe in seiner Dresdner Schule erlebt er zum ersten Mal im Leben Gemeinschaft. Marietta Schöps ist eine der vier Lehrer, die sich gemeinsam mit einer Sozialpädagogin um ihn und um die Klasse kümmern. Die sozialen Defizite seien bei allen acht Schülern groß. Die Dozentin für Alphabetisierung führt das auf Faktoren wie eine schwere Kindheit zurück, auf Krankheiten und Alkohol. „Viele hatten einfach sehr schlechte Bedingungen, um auch zu Hause lernen zu können. Wenn sechs Kinder in einem Zimmer spielen, dann gibt es einfach keine Ruhe. Dann können sie auch keine Hausaufgaben schaffen oder später in der Lehre einen Beruf.“

Kerstin Lemke sieht die Ursachen differenzierter. Die Radebeuler Diplompädagogin für Hörgeschädigte bringt nicht nur hörgeschädigten Kindern und Erwachsenen das Lesen bei, sondern seit 15 Jahren auch Analphabeten. Die schwere Kindheit alleine sei es nicht, ist sie sich sicher. Das Beispiel mit den vielen Kindern sieht sie kritisch. „Warum können dann die anderen Geschwister alle lesen und schreiben?“, gibt sie zu bedenken. „Daran ist nicht nur die familiäre Situation schuld, ein schlechtes Klima, keine Bücher, keine Zeit. Das Problem fängt in der Schule an. Die Kinder werden alleingelassen in der Schule. Niemand schaut hin, keiner hilft ihnen. Stattdessen werden sie nach hinten gesetzt, damit sie nicht den Unterricht stören.“ Wer ein Kind aber nach hinten setze, der habe es bereits aufgegeben, der überlasse es seinem Schicksal.

Doch warum gibt es so viele Analphabeten? Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir Lesen und Schreiben lernen? Welche Prozesse laufen dann ab? Im Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig geht man diesen Fragen nach – auch mit Hilfe der kleinen Leonie. Die Forscherin Gesa Schaadt untersucht die Hirnströme des Kindes. Mit Hilfe einer EEG-Untersuchung kann man in Ansätzen erkennen, ob es dem Mädchen später einmal leicht fallen wird, Lesen und Schreiben zu lernen.

Es geht hierbei um die sogenannte auditive Diskriminationsleistung, das heißt, Gesa Schaadt will wissen, wie sicher das 14 Monate alte Kind zwei verschiedene Sprachreize unterscheiden kann, in dem konkreten Fall Ba und Ga. Die Wissenschaftlerin ist davon überzeugt, dass diese Fähigkeit für den Erwerb der Sprache enorm wichtig ist: „Leonie muss die verschiedenen Sprachlaute voneinander unterscheiden können, um auch Wörter erkennen zu können. Wäre sie dazu nicht in der Lage, würde sie Schwierigkeiten haben, zu erkennen, wann ein neues Wort anfängt, wie die einzelnen Wörter sich unterscheiden. Dann würde ihr auch das Lesen und Schreiben schwerfallen.“

Das menschliche Gehirn muss das Lesen erst erlernen, betont die Leipziger Entwicklungspsychologin. Diese Fähigkeit ist dem Menschen nicht direkt gegeben, im Gencode nicht wirklich verankert. „In unserer Evolutionsgeschichte spielen Lesen und Schreiben gar keine Rolle. Die Erfindung der Schrift hat erst vor wenigen Tausend Jahren stattgefunden. Vorher mussten Informationen im Gedächtnis festgehalten, also auswendig gelernt und mündlich überliefert werden.“ Erst die Erfindung der Schrift aber machte es möglich, Informationen außerhalb des Körpers zu speichern. Deshalb gibt es kein eigens für das Lesen oder Schreiben vorgesehenes spezifisches Hirnareal.

In Leipzig wird erforscht, wie man Lesen und Schreiben lernt. Dafür werden die Hirnströme von Leonie gemessen. © MDR

„Beim Lesen- und Schreibenlernen müssen wir im Prinzip in der Lage sein, die Funktionsweise von Hirnarealen zu verändern, sodass andere, zusätzliche Funktionen durch diese Hirnareale vertreten werden können“, sagt Gesa Schaadt. Besonders wichtige Areale in unserem Gehirn seien in diesem Zusammenhang die sprachrelevanten Teile. Das heißt für die Forscherin auch, dass es von immenser Bedeutung ist, mit Kindern viel zu reden, und zwar von früh an. Denn je besser Schulanfänger sprechen würden, umso sicherer können sie schreiben und lesen lernen, also die Sprachlaute mit Buchstabenkombinationen miteinander verbinden.

Die Leipziger führen seit 2014 systematische Untersuchungen von Kindern durch, auch um all denen zu helfen, die eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben. LRS ist eine Entwicklungsstörung und oftmals genetisch bedingt. Sie kann aber unter Umständen zu Analphabetismus führen. 41 948 Kinder in Sachsen leiden an Legasthenie. In jeder sächsischen Schulklasse also gibt es im Durchschnitt mindestens ein betroffenes Kind.

Steven ist genau solch ein Kind. Er ist Schüler der Klasse 3/1a, eine besondere Klasse für LRS-Kinder an der Grundschule am Forst in Kamenz. Die ersten zwei Schuljahre waren für ihn ein Albtraum – zu viel Druck, Überforderung, Ausgrenzung und Resignation. Anja Krause, die Mutter von Steven, erzählt, sie habe schon in der ersten Klasse vermutet, dass ihr Sohn Legastheniker sei. Die Lehrerin damals meinte, sie solle zu Hause einfach mehr mit Steven üben. Es brachte dennoch nichts.

Anja Krause sagt: „Wir hatten schon das Gefühl, dass er nicht mehr in dem normalen Schulalltag integriert war. Andere Kinder wurden zum Vorlesen oder an die Tafel schreiben aufgefordert, Steven nicht. Er weinte oft, wollte nicht mehr in die Schule gehen.“ Erst hier in der LRS-Klasse sei ihm geholfen worden. Sonja Anskat, die Lehrerin, kennt das Rezept. Es klingt eigentlich ganz einfach. Die Grundschullehrerin mit zusätzlicher Ausbildung spricht von Schatzsuche: „Wir fangen bei den Stärken an, bauen die Kinder wieder auf. Erst wenn allen die Schule wieder Spaß macht, können wir wieder anfangen mit Regelwissen.“

Legasthenie habe nichts mit der allgemeinen Intelligenz zu tun, betont Sonja Anskat. Auch Hochbegabte können an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden. In Sachsen werden die diagnostizierten Kinder zwei Jahre lang in kleinen Klassen intensiv betreut. Und sie lernen genau das, was die Wissenschaftler in Leipzig für extrem wichtig halten – sie üben die einzelnen Laute und Silben zu unterscheiden, um sie dann den entsprechenden Schriftbildern zuordnen zu können,

Anja Krause hat sechs Kinder. Alle sind von Legasthenie betroffen. Sie und ihr Mann unterstützen jedes Einzelne. Die Eltern sind aber dankbar, dass der Freistaat Sachsen das einzige Bundesland ist, das LRS-Klassen ermöglicht und finanziert. Denn Legastheniker sind besonders gefährdet, später in Analphabetismus abzurutschen. „Das glaube ich sofort“, meint die Mutter. „Als ich mit Steven hier zur Diagnostik war, sagte mir Frau Anskat geradezu ins Gesicht, dass er wie ein Analphabet ist. Also waren die zwei Jahre Schule auch umsonst. Im Prinzip ist er da schon runtergefallen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wenn das in der dritten Klasse regulär weitergegangen wäre.“ Auch Stevens Lehrerin hält dies für möglich. „Diejenigen, die eine ausgeprägte Lese- und Rechtschreib-Störung haben und nach den zwei Jahren hier zu Hause nicht weiter gefördert werden, die fallen zurück in den Analphabetismus“, sagt Sonja Anskat. Das jedenfalls seien ihre Erfahrungen.

Jochen Hofmann (links) und seine Mitschüler sind Analphabeten. Sie besuchen eine spezielle Schule in Dresden.  © MDR

Zurück zum Dresdner Alphakurs. Dort bereiten sich Jochen Hofmann und seine Mitschüler auf einen kleinen Lesewettbewerb vor. Sie wollen eine Geschichte über den Reformator Martin Luther vorstellen, die sie sogar selbst geschrieben haben. Der eigene Text liest sich dennoch schwer. Deshalb spornen sich alle immer und immer wieder an. Fast scheint es, dass das Auftanken von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl mindestens genauso wichtig ist wie das Lesen- und Schreibenlernen selbst. Lehrerin Marietta Schöps erklärt dies so: „Lob ist für alle die größte Motivation. So etwas haben sie weder in der Schule geschweige denn zu Hause erfahren. Hier werden sie stark dadurch.“ Der Alphakurs wird vom Europäischen Sozialfonds gefördert. Ein ganzes Jahr lang sechs Stunden Unterricht von Montag bis Freitag. Im Bedarfsfall kann der Kurs auf drei Jahre verlängert werden. Ziel ist es, dass alle Teilnehmer fit gemacht werden fürs Berufsleben.

Ob der Kurs allein aber reicht? Kerstin Lemke, die Diplompädagogin für Hörgeschädigte aus Radebeul, hat dazu eine klare Meinung. „Sie glauben doch nicht im Ernst daran, dass die Betroffenen durch die Kurse für den Arbeitsmarkt wieder fit gemacht werden? Das werden nur Einzelne schaffen. Und auch diese werden kaum zu fröhlichen Leseratten.“ Kerstin Lemke weist noch auf einen anderen Aspekt hin: „Wirklich Angst macht mir, dass immer mehr Analphabeten nachwachsen. Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule als Analphabeten. Was sollen die in unserer Gesellschaft tun? Die nehmen garantiert kein Buch mehr in die Hand, geschweige denn ein Fachbuch.“

Die Zahlen könnten der Lehrerin recht geben. Acht Prozent aller Schulabgänger in Sachsen verlassen die Schule ohne Abschluss. Das ist immerhin jeder zwölfte Schüler. Die Statistik hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Genauso wenig wie die Zahl der funktionalen Analphabeten. Trotzdem ist man im Kultusministerium überzeugt, genug getan zu haben. „Die Schule allein wäre auf jedem Fall überfordert. Wir können nicht alle Defizite reparieren, die im sozialen Alltag, im familiären Umfeld entstehen“, sagt Mitarbeiter Nils Geißler.

Außerdem beginne das Problem erst im Erwachsenenalter, meint er. „Hier findet sozusagen ein Entlernen statt, man vergisst, man verlernt Dinge, die man vorher schon konnte. Analphabetismus ist ein schleichender Prozess, dauert über Jahre. Wir können uns als Kultusbehörde aber nicht um jeden Einzelfall kümmern.“

Kerstin Lemke versteht, dass sich der Freistaat nicht um jeden einzelnen Jochen Hofmann kümmern kann. Die Pädagogin ist aber davon überzeugt, dass, wer einmal lesen gelernt habe, dies auch nicht wieder verlerne. Fahrradfahren verlerne man schließlich auch nicht mehr. „Analphabetismus ist meiner Meinung nach schon am Ende der Grundschule festzustellen. Wer dann nicht mühelos lesen und den Text nicht verstehen kann, wird in der fünften Klasse dem Unterricht nicht mehr folgen können. Dann habe ich ein Bildungsproblem.“

Jochen Hofmann ist bereits solch ein Problem, trotz der Millionen-Förderung der Bundesregierung, trotz aller Bemühungen der Alphadekade. Experten wie Iris Nußbaum, Marietta Schöps und Kerstin Lemke gehen davon aus, dass es im Jahr 2026 genauso viele Analphabeten in Deutschland geben wird wie zu Beginn der Dekade – nämlich 7, 5 Millionen.

Unsere Autorin Adina Rieckmann hat auch einen Film zum Thema gemacht, der am 20. Februar um 20.45 Uhr im MDR zu sehen sein wird.

Genial Sächsisch