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Sarrasani guckt Sarrasani

Die SZ begleitete den Magier in das Theaterstück über dessen Familiengeschichte. Sein Fazit ist eindeutig.

© Sven Ellger

Von Andreas Weller

Indianer starren gefühlt minutenlang ins Publikum, ein U-Boot und ein Flieger kommen zum Einsatz, Regisseur und Komiker Rainald Grebe wird samt Klavier von einem Statisten mit Zebra-Kopf auf die Bühne gezogen. Was Rainald Grebe gerade im Staatsschauspiel aufführt, ist schrill und bunt. Es geht wild hin und her in der bewegten Geschichte des Circus Sarrasani – von der Premiere am 30. März 1902 in Meißen bis heute am Elbepark.

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David Kosel schreit als André Sarrasani klar und deutlich, dass er nicht aufgeben werde. Optisch nicht perfekt getroffen, macht er als Magier aber eine gute Figur. Vor allem die ausladenden Gesten überzeugten den echten Sarrasani. © Sebastian Hoppe

Zur jüngsten Vorstellung von „Circus Sarrasani. The greatest Show on Earth“ kam André Sarrasani mit seiner Lebensgefährtin Edit Slavova ins Schauspielhaus. Sie wollten selber sehen, was Grebe aus der Familiengeschichte macht. Eine Liebeserklärung an den Zirkus.

Slavova und Sarrasani lachen teils herzlich, tuscheln immer mal miteinander und klatschen. David Kosel spielt André Sarrasani. Der wiederholt auf der Bühne immer wieder, wie glücklich er ist, dass sein Trocadero im Elbepark stehen darf. Dort werde es gut gesehen, es gebe eine gute Bahnanbindung und kostenlose Parkplätze. Als er zur Insolvenz befragt wird, antwortet er aggressiver, es müsse weitergehen, er werde nicht aufgeben. „Ja, ich erkenne mich wieder“, ist die Reaktion des richtigen Sarrasani, der lacht. „Das habe ich alles so gesagt.“

Der Blick von Grebe geht zurück bis zur Gründung des Zirkus und in die Zeit während der beiden Weltkriege. Auf der Bühne wird auch erwähnt, dass Hans Stosch-Sarrasani junior, der ab 1934 das Unternehmen leitete, ein Nazi gewesen sein soll. Kosel ruft mehrfach auf der Bühne „Heil Hitler“. Auf die Frage, ob sein Vorfahre ein Nationalsozialist war, antwortet der echte Sarrasani: „Die einen sagen so, die anderen so. Das ist nicht vollständig geklärt.“ Aber es sei in Ordnung, dies in dem Stück so darzustellen, da gesagt wurde, Stosch Sarrasani „soll“ ein Nazi gewesen sein.

Die Zirkusnummern der Schauspieler, die sich als Artisten probieren, sorgen bei Slavova für wenig Begeisterung. Sie ist selber Artistin und künstlerische Leiterin der Shows im Familienbetrieb. Dann schränkt sie ein: „Es ist okay, wenn man bedenkt, dass es ja keine richtigen Artisten sind.“

Auch den Zaubertrick von Kosel als Sarrasani, der einen Karton schweben lässt und dann eine Assistentin herauszaubert, durchschaut der echte Sarrasani sofort. „Die Nummer habe ich ja auch. Aber ich verrate natürlich nicht, wie sie gemacht wird.“ Von den ausladenden Bewegungen Kosels ist er angetan. „Zauberer machen immer große Gesten, das ist wichtig für die Show.“ Regelrecht begeistert ist das Paar aber, dass Grebe kritische Zirkus-Themen aufgreift. Etwa ein Tierverbot, das immer wieder gefordert wird. Grebe schreit auf der Bühne: „Was ist das dann? Ein veganes Turnfest?“ Außerdem erklärt er, dass die Zuschauer gar nicht ins Theater gehen müssten, und es würde trotzdem laufen. „Jeder Platz hier wird mit 182 Euro subventioniert. Weil es Kultur ist. Zirkus gehört in Deutschland aber nicht zur Kultur.“ Deshalb bekomme dieser nichts vom Staat. Sarrasani lacht und sagt: „Genau so ist es.“ Auch als die Zirkusleute auf der Bühne sich beschweren, sie würden zu viel Steuern zahlen, klatscht Sarrasani im Parkett. Er ist unter anderem wegen Steuernachforderungen in finanzielle Schieflage geraten, die bis zur Insolvenz seiner Firma und seiner Privatinsolvenz führte.

Grebe macht deutlich, dass Zirkus aus seiner Sicht die Welt verändern kann. Es gibt diffuse Gesellschaftskritik über das Sich-zur-Schau-Stellen in sozialen Medien, dass Menschen ständig auf dem Sofa sitzen und kaum noch herausgehen. Dann endet das Stück mit dem Satz: „Der Zirkus lebt!“

„Ich fand es klasse“, so Sarrasani. „Wenn der Name nicht bekannt wäre, würde ja keiner ein Theaterstück über Sarrasani machen“, so seine Lebensgefährtin. Auch Grebe sagt, das Stück sei so geworden, wie er es sich vorgestellt habe. Dass die Rezensionen zum Teil sehr negativ waren, nimmt er hin. „Ich habe die Kritik manchmal inhaltlich nicht verstanden, aber was soll es.“

Grebe hat bereits rund 20 unterschiedliche Stücke inszeniert. „Circus Sarrasani. The greatest Show on Earth“ läuft das nächste Mal am 4. Juni.