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Sarrasanis Stunde der Wahrheit

Der Illusionist lächelt beim Kreuzchor-Umzug zum Dresdner Stadfest. Die Fakten zu seiner Pleite-Firma soll ein Gutachten liefern.

© Christian Juppe

Von Tobias Wolf

André Sarrasanis Lachen wirkt angestrengt an diesem Sonntag. Die Gesichtszüge scheinen eingefroren. Es ist der letzte Tag des Stadtfestes, und Dresdens berühmtester Magier versucht in seinem schwarz-weiß gemusterten Kostüm, gute Laune zu verbreiten. Mit einem eigenen Festwagen ist der Illusionist beim Kreuzchor-Jubiläumsumzug dabei. Die Anspannung der letzten Monate ist dem 43-Jährigen anzusehen. Schatten unter den Augen verraten den Druck, der nach der Pleite Anfang Juli auf ihm lastet.

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Dem Frühling entgegenlaufen

Nach dem Motto nicht länger warten, sondern starten - treffen sich am 5. Mai wieder Laufsportfreunde zum Lauf-in-den-Frühling in Freital.

Am Sommeranfang muss André Sarrasani Insolvenz anmelden. 1,2 Millionen Euro Schulden drücken seine Sarrasani GmbH. Steuerforderungen der Finanzbehörden, Kosten für eine Leichen-Ausstellung mit zu wenigen Besuchern und das Problem mit der Miete für die Fläche am Wiener Platz sind seine größten Baustellen. Zudem haben ehemalige Geschäftspartner schwere Vorwürfe gegen den Illusionskünstler erhoben – von Betrug und Insolvenzverschleppung ist die Rede. Sarrasani wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Ungewiss ist derzeit jedoch vor allem, ob und zu welchen Konditionen Sarrasani sein Trocadero-Zelt neben dem Hauptbahnhof weiterbetreiben darf. Ab November soll die neue Spielzeit der Dinner-Show dort laufen. Pro Saison sind offenbar rund 30 000 Euro Sondernutzungsgebühren an das Rathaus fällig, eine Art Miete für das Areal. Nach SZ-Recherchen ist ein Teil noch offen. Zunächst hieß es aus dem Rathaus, der Vertrag für den Wiener Platz laufe noch bis Ende August.

Seit Dienstag ist nun klar, dass die Vereinbarung zwischen Sarrasani und der Stadt schon am 12. August endete. „Die neuen Vertragsverhandlungen sind noch nicht abgeschlossen“, so Rathaussprecher Kai Schulz. Derzeit laufen Gespräche. Das bestätigt auch Ingo Schorlemmer, Sprecher von Sarrasanis Insolvenzverwalter Dirk Herzig. „Wir stehen im Kontakt mit der Stadt.“

Ob das Rathaus mit der pleitegegangenen Sarrasani GmbH noch verhandeln will, ist jedoch fraglich. „Einen neuen Vertrag zu vereinbaren, wird schwierig, wenn man Schuldner bei der Stadt ist“, hatte Straßenbauamtschef Reinhard Koettnitz vor Kurzem gesagt. André Sarrasani selbst will sich dazu auf Anfrage nicht äußern.

Er hatte wenige Tage vor der Pleite ein neues Unternehmen gegründet: die Sarrasani Event GmbH. Diese Firma dürfte zumindest vorerst als wirtschaftlich unbelastet gelten. Die Stadt nimmt keine Stellung dazu, mit welcher der beiden Firmen die Verhandlungen geführt werden.

Rat will keine Wildtiere im Zirkus

Fakt ist: Mindestens einen wichtigen Vertrag hat Sarrasanis neues Unternehmen schon in der Tasche. So wird der Magier mit dem Segen des Insolvenzverwalters im September den Betrieb der Radebeuler Theaterkneipe „Goldne Weintraube“ übernehmen. Das hat Landesbühnen-Geschäftsführer Till Wanschura bereits bestätigt. Die Zusammenarbeit war schon im Frühjahr vereinbart worden. Drei feste Mitarbeiter sollen dort beschäftigt werden.

Wie es indes um die insolvente Sarrasani GmbH steht, ist unklar. Bis Anfang nächster Woche will Insolvenzverwalter Herzig ein Gutachten zur wirtschaftlichen Situation der Pleitefirma fertigstellen und beim Amtsgericht Dresden einreichen, sagt Sprecher Schorlemmer. Erst dieses Papier wird über die Zukunft entscheiden, ob es angesichts der hohen Schulden noch eine Chance für das vor 17 Jahren in Wiesbaden gegründete Unternehmen geben wird.

Sarrasanis weißen Tigern droht derzeit noch kein Besitzerwechsel. „Die Tiere sind da“, sagt Schorlemmer. „Natürlich geht es darum, den Geschäftsbetrieb und die Shows aufrechtzuerhalten, und dafür werden die Tiger benötigt.“ Derzeit leben die Tiger auf einer alten Industriebrache in Ottendorf-Okrilla.

Als hätte Sarrasani nicht schon genug Probleme, droht nun auch noch Ärger aus der Politik. Am Freitag veranstalten Linke, Grüne und SPD um 18 Uhr eine Podiumsdiskussion im Ortsamt Altstadt darüber, ob Wildtiere in Zirkussen und Tierschauen zumindest auf städtischen Flächen verboten werden sollten. Verschiedene Tierschutzverbände hatten darauf gedrängt. Ob Sarrasanis Tiger davon ausgenommen wären, ist unsicher. „Es kommt drauf an, wie wir so ein Verbot ausgestalten“, sagt Linken-Stadträtin Manuela Sägner. „Wir wollen uns erst eine Meinung bilden und dann eine gemeinsame Linie festlegen.“

Osterüberraschung