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Schäuble will Schulz-Zug ausbremsen

Der Schulz-Hype wird der Union zu bunt. Jetzt unterstellt Wolfgang Schäuble dem SPD-Kandidaten, eine populistische Kampagne wie US-Präsident Trump aufziehen zu wollen. Kein gutes Omen für den Wahlkampf.

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© Reuters

Tim Braune

Berlin. Wolfgang Schäuble ist ein Mann, der seine Worte bewusst wählt. Dann reichen dem Finanzminister, CDU-Strippenzieher und Reservekanzler oft kleine, sarkastische Hiebe, um den politischen Gegner oder auch mal die eigene Kanzlerin zu treiben. Bei Martin Schulz ist es anders. Für den SPD-Kanzlerkandidaten und Unions-Schreck in den aktuellen Umfragen greift Schäuble gleich zum großen Kaliber.

Unter der Woche machte CDU-Vize Julia Klöckner einen ersten Aufschlag. Ein Mann wie Schulz, der in Brüssel einst Eurobonds, also eine europäische Schuldengemeinschaft auf Deutschlands Kosten, unterstützt habe, sei gefährlich und rede letztlich die AfD stark. Es folgte Schäubles Vertrauter vom rechten CDU-Flügel, Jens Spahn, der Schulz als gut gepämperten EU-Bürokraten hinstellte: „27 000 Euro Verdienst im Monat, davon der größte Teil steuerfrei. Da passt vieles nicht zusammen. Seine persönliche Erzählung ist nicht glaubwürdig und seine politische erst recht nicht.“

Und nun also CDU-Großmeister Schäuble persönlich. Im „Spiegel“ unterstellt er Schulz, auf den Spuren des Populisten und neuen US-Präsidenten Donald Trump die Republik aufwiegeln zu wollen. Die Art, wie Schulz mit „Dampfplauderei“ eine vermeintliche Spaltung der Gesellschaft beschwöre, folge der postfaktischen Methode des US-Wahlkampfs. Heißt übersetzt: Schulz wolle im Kampf ums Kanzleramt wie Trump auf Gefühle und Vorurteile statt auf harte Fakten setzen. Schulz rede Deutschland in einer Art und Weise schlecht, wie es niemand tun dürfe, der Kanzler werden wolle. Dabei gehe es dem Land und den Deutschen so gut wie lange nicht. „Wenn er den Populismus bekämpfen will, wie er behauptet, dann sollte er diese Fakten zur Kenntnis nehmen.“

Erbost zeigt sich Schäuble, dass Schulz als Kleine-Leute-Versteher durchs Land zieht und von der SPD-Basis wie ein Heilsbringer gefeiert wird. „Herr Schulz ist doch kein Underdog, der irgendwo aus dem Wald kommt“, giftet Schäuble. „Der Mann saß jahrzehntelang im Europäischen Parlament, zuletzt als Präsident. Wenn das kein Establishment ist, was denn dann?“ Folgt man Schäubles Logik, der selbst seit 1972 im Bundestag sitzt, müsste man allen Spitzenpolitikern die Fähigkeit absprechen, sich um die Alltagssorgen der Bürger zu bemühen.

In der Union sind sie alarmiert, dass da einer, der mehr als zwanzig Jahre in Brüssel und Straßburg EU-Karriere machte, sich nun fürs Erste erfolgreich dem Wahlvolk als bodenständiger Ex-Bürgermeister der Kleinstadt Würselen bei Aachen andient. Und als Gegenentwurf zur ewigen Kanzlerin Angela Merkel mit der SPD in den Umfragen und im Netz („Schulzzug ohne Bremsen“) von Erfolg zu Erfolg eilt.

Sehr zu denken geben dürfte Merkel und der Union eine am Freitag veröffentlichte YouGov-Befragung für die „Huffington Post“, dass zwei Drittel der Deutschen sich nach zwölf Jahren Merkel im Kanzleramt ein neues Gesicht wünschen. Fast die Hälfte (47 Prozent) glaubt zudem, dass der große Zuspruch für Schulz bis zur Bundestagswahl am 24. September anhalten wird.

Kaum ist Schäubles Rundumschlag auf dem Markt, bildet die SPD eine Wagenburg um ihren neuen Anführer Schulz. „Schäuble sinkt auf Trump-Niveau: unsachlich und hysterisch. Peinlich!“, schimpft Fraktionschef Thomas Oppermann. Parteivize Ralf Stegner attestiert Schäuble „Angstbeißen“: „Es muss nackte Panik sein, wenn jetzt schon die Führungsriege der Union gegen Martin Schulz losholzt.“ Der Chef des konservativen SPD-Flügels Seeheimer Kreis, Johannes Kahrs, findet, dass Schäuble maßlos übertreibt: „Er muss sich bei Martin Schulz entschuldigen.“

Überrascht ist in der SPD niemand, dass die Union versucht, die Glaubwürdigkeit von Schulz zu erschüttern. Der frühe Zeitpunkt gut sieben Monate vor der Wahl und die Wucht des Angriffs lässt die Genossen aber dann doch nicht kalt. Bislang hieß es unisono in der Koalition, es werde der härteste Wahlkampf aller Zeiten - gemeint war damit jedoch der Gegner AfD oder ausländische Hacker-Attacken mit Fake News. Nun rückt früher als erwartet und mit aller Härte das Duell Merkel gegen Schulz in den Fokus.

„Die Schmutzkampagne geht wohl los“, glaubt SPD-Generalsekretärin Katarina Barley. Sie habe davon gehört, dass ein neunseitiges Dossier mit Gerüchten gegen Schulz von CDU-Leuten in Umlauf gebracht worden sei. Antwort eines Schulz-Fans bei Twitter darauf: „When they go Schmutz, we go Schulz!“ Schäubles Attacke könnte für die Union durchaus nach hinten losgehen, Schulz noch mehr Auftrieb bringen - wie es der frühere CSU-Stratege Michael Glos einst auf den Punkt brachte: „Drachen steigen nur gegen den Wind.“ (dpa)