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Klinsmann: Selbstkritik und offene Zukunft

32 Stunden nach seinem Rücktritt versucht der Trainer seinen ramponierten Ruf zu retten. Die Hertha-Bosse brechen auch ihr Schweigen. Eine Zerreißprobe droht.

Mit Selbstkritik versucht der bsiherige Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann seinen ramponierten Ruf zu glätten.
Mit Selbstkritik versucht der bsiherige Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann seinen ramponierten Ruf zu glätten. © dpa

Von Florian Lütticke

Berlin
. Mit ernstem Blick saß Jürgen Klinsmann an einem silbernen Laptop. In einem gut 13-minütigen Monolog entschuldigte sich der frühere Bundestrainer vor einer Internet-Kamera erst bei den Fans von Hertha BSC für die Umstände seines Hauruck-Abgangs und versuchte dann mit emotionalen Worten, seinen schwer beschädigten Ruf zu retten. "Die Art und Weise ist natürlich fragwürdig", sagte Klinsmann im Videochat über den Rücktritt als Chefcoach nach nur elf Wochen. Aufgrund seiner Klage über viele "Nebenkriegsschauplätze" im Verein und der weiter offenen Zukunft als Aufsichtsrat könnten die Schockwellen des Rücktritts beim Hauptstadtclub aber zu einer Zerreißprobe führen.

"Das ist allen überlassen bei der Hertha, da habe ich gar kein Problem damit", sagte Klinsmann über eine mögliche Rückkehr ins Aufsichtsgremium. "Da sollen die Leute sagen, wie sie es wünschen." In einem Krisen-Telefonat hatten zuvor Club-Präsident Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur den Weg aus der Notlage besprochen. Dem Vernehmen nach ist auch der Geldgeber nicht begeistert über den emotionalen Abschied Klinsmanns, den er selbst als engen Vertrauten in den Aufsichtsrat berufen hatte.

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Jürgen Klinsmann lässt mit seinem unerwarteten Abgang die Hertha im Regen stehen.
Jürgen Klinsmann lässt mit seinem unerwarteten Abgang die Hertha im Regen stehen. © Britta Pedersen/dpa

Sein Abschied habe nichts mit Geld-Forderungen zu tun gehabt, betonte Klinsmann, sondern lediglich mit seinem Wunsch nach mehr Kompetenzen. "Es kann nur einer sein, der entscheidet und das ist der Trainer", sagte der 55-Jährige und meinte mit Bezug auf Manager Michael Preetz: "Da haben wir uns aufgerieben in vielen, vielen Nebenkriegsschauplätzen." Vor dem Videochat hatte Klinsmann angekündigt, Fragen beantworten zu wollen, ging aber anders als in seiner Zeit als Hertha-Coach nicht konkret auf einzelne Nutzer im Netz ein.

Es droht eine öffentliche Schlammschlacht. Der Club demonstrierte zumindest mit der Einladung für eine gemeinsame Pressekonferenz von Windhorst, Vereinspräsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz am Donnerstag (11.30 Uhr) Geschlossenheit. Viele Fragen sind für das angekündigte Ende des Schweigens von den Vereinsverantwortlichen offen: Wer folgt dauerhaft auf Klinsmann als Chefcoach der Berliner, die sich in prekärer Lage weiter mitten im Abstiegskampf befinden? Ähnlich wie schon bei vergangenen Trainersuchen werden unter anderem Bruno Labbadia und Roger Schmidt als mögliche Kandidaten gehandelt. Nachdem der frühere Wunschkandidat Niko Kovac bereits abgewunken hatte, wollte sich Schmidt auf Anfrage nicht äußern.

Will und kann er jetzt noch in den Aufsichtsrat?

Wie verschiebt sich das Machtgefüge im Club durch den Rücktritt von Klinsmann mit Blick auf Investor Windhorst? Klinsmann hatte in einem "Bild"-Interview und wiederholt im Videochat seinen Wunsch nach deutlich mehr Kompetenzen offenbart und beklagt, dass diese Situation sich zuletzt "noch verschlechtert" habe. Der damit angesprochene Manager Preetz wird dem alten Lager im Verein mit Clubchef Gegenbauer zugerechnet. Preetz wurde auch für die Medienrunde am Freitag vor der Partie beim SC Paderborn an der Seite von Klinsmanns früherem Assistenten Alexander Nouri angekündigt.

Und ist es überhaupt vorstellbar, dass Klinsmann nach seinem vielfach kritisierten Abschied noch wie von ihm selbst angekündigt zurück in den Aufsichtsrat rückt? Diese Frage war zunächst ungeklärt und soll entschieden werden, wenn sich die Wogen geglättet haben, erfuhr die dpa aus dem Umfeld von Investor Windhorst am Mittwoch. Klinsmann hatte sein Amt in dem Gremium Ende November ruhen lassen, als er den Cheftrainerposten übernahm. Der Aufsichtsrat der KGaA hat vergleichsweise geringe Befugnisse und ist beispielsweise nicht dafür zuständig, Transfers abzusegnen oder über die Geschäftsführung um Manager Michael Preetz zu entscheiden.

Die Kritik an Klinsmann reißt unterdessen nicht ab. Dass der frühere Bundestrainer "charakterlich so daneben liegt, einfach die Flinte ins Korn schmeißt und sagt "Ich geh jetzt mal nach Kalifornien, das war's jetzt für mich"", habe Preetz nicht wissen können, sagte Hertha-Legende Axel Kruse beim rbb. "Er hat auf dem Transfermarkt zugeschlagen wie kein anderer in ganz Deutschland und hat dann zwei Wochen später gesagt "ich spüre das Vertrauen nicht"", sagte Ex-Hertha-Trainer Peter Neururer bei RTL/ntv. "Unglaubwürdiger in der Auftrittsweise eines Trainers kann man nicht sein."

Klinsmanns Änderungen zurückgenommen

Stefan Effenberg schlug sich hingegen auf die Seite Klinsmanns. "Wenn sich einige im Verein über den zunehmenden Druck beschweren oder damit nicht umgehen können, dann kann ich das schwer nachvollziehen", sagte der frühere Nationalspieler bei "t-online.de"

Schon am Mittwoch wurden die ersten Änderungen aus elf Wochen Klinsmann bei Hertha wieder zurückgedreht. Der vom Ex-Bundestrainer geschasste Torwarttrainer Zsolt Petry stand wieder auf dem Übungsplatz. "Es war keine Katerstimmung, aber auch keine Euphorie", sagte der Ungar über die Atmosphäre im Team der Berliner. "Sie wissen, dass sie selber die Arbeit leisten müssen - unabhängig davon, wer da vorne steht." Petry, der Klinsmanns Sohn Jonathan 2018 unter anderem für mangelnde Körpersprache als Torhüter kritisiert hatte, war vom Weltmeister 1990 aus dem Trainerteam gestrichen worden.

Bei anderen Vereinen sorgten die Ereignisse in Berlin ebenfalls für Überraschung. "Ich habe das mit etwas Verwunderung aufgenommen, weil man das nicht voraussehen konnte", sagte Sportdirektor Michael Zorc von Borussia Dortmund. Die Aufarbeitung des Klinsmann-Bebens wird auch bei der Konkurrenz genau beobachtet werden. 

So geht es mit Klinsmann und Hertha weiter

Die Schockwellen des plötzlichen Rücktritts von Jürgen Klinsmann werden Hertha BSC noch lange beschäftigen. Im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga müssen die Berliner die Auswirkungen des Abschieds ihres Chefcoaches schnell verkraften. Der frühere Bundestrainer kündigte an, die Hauptstadt vorerst zu verlassen - er will die Zukunft des Vereins aber weiter gestalten. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten:

  • Wie geht es bei Hertha jetzt weiter? Am Dienstagvormittag leitete Klinsmanns Assistent Alexander Nouri gemeinsam mit dem weiteren Co-Trainer Markus Feldhoff die Übungseinheit auf dem Platz. Es wird erwartet, dass die beiden auch beim Abstiegskampf-Duell beim SC Paderborn am Samstag in der Verantwortung sein werden. Die Spieler zeigten sich sichtlich überrascht vom Aus Klinsmanns, das dieser seinem Team bei einer Besprechung kurz vor dem Training mitgeteilt hatte.
  • Warum kam es zum Bruch? Eigentlich war Klinsmann Ende November zunächst nur als Nothelfer für diese Saison von seinem Aufsichtsratsposten zurück auf die Trainerbank gewechselt. Der Ex-Bundestrainer wollte diesen Job aber langfristig - und mehr Macht. Im Club gab es einen Streit, wer die Hoheit über Transferentscheidungen besitzt, offenbarte Klinsmann. "Wir haben mal über eine mittelfristige Zusammenarbeit gesprochen und über die Kompetenzen diskutiert", sagte der 55-Jährige der Bild. "Nach meinem Verständnis sollte ein Trainer – nach dem englischen Modell – die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers. Das gibt der Position wesentlich mehr Power." Bei Hertha ist Geschäftsführer Michael Preetz für Transfers verantwortlich.
  • Wie ist Klinsmanns sportliche Bilanz? Als Klinsmann nach dem 12. Spieltag auf Ante Covic folgte, war Hertha Tabellen-15. und punktgleich mit Fortuna Düsseldorf auf dem Relegationsrang. Nun stecken die Berliner immer noch tief im Abstiegskampf, haben aber zumindest sechs Punkte Vorsprung auf die gefährdete Zone. Fußballerisch hatte Hertha zwar defensiv in einigen Partien seine Sicherheit wieder gewonnen, war aber mit sieben Toren aus den vergangenen acht Partien erschreckend angriffsschwach.
  • Welchen Posten hat Klinsmann im Aufsichtsrats inne? Durch die Aufstockung der Anteile an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA auf nun insgesamt 49,9 Prozent für 224 Millionen Euro erhielt Investor Lars Windhorst im November 2019 zwei weitere Sitze im neunköpfigen Aufsichtsrat. Für einen dieser Plätze berief der Geldgeber seinen Vertrauten Klinsmann. Dieses Amt ließ der einstige Nationalspieler während der Zeit als Chefcoach ruhen. Nun kündigte er an, sich auf seine "ursprüngliche langfristig angelegte Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückzuziehen". Vorerst geht es für ihn aber zurück in die USA.
  • Welche Befugnisse hat Klinsmann als Aufpasser? Die Kompetenzen des Aufsichtsrats der KGaA sind vergleichsweise gering. Er ist unter anderem dafür zuständig, die Prüfung wirtschaftlicher Zahlen zu veranlassen. Als Aufsichtsrat segnet Klinsmann keine Transfers ab, dafür ist der Beirat zuständig - in diesem sitzen die Präsidiumsmitglieder sowie Investor Windhorst. Auch über den Posten von Manager Michael Preetz bestimmt Klinsmann nicht mit, die Geschäftsführung wird vom Präsidium berufen. In der Öffentlichkeit präsenter ist der Aufsichtsrat des eingetragenen Vereins, dieser wird von der Mitgliederversammlung gewählt.

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  • Wer wird neuer Hertha-Trainer? Der Rücktritt traf auch den Club völlig unvorbereitet, sodass sich die Verantwortlichen sortieren müssen. Eine weitere öffentliche Stellungnahme von Preetz wurde zunächst nicht erwartet. Bei der Suche nach einem neuen Trainer hatte sich der Club schon in der Vergangenheit beispielsweise mit Bruno Labbadia und Roger Schmidt beschäftigt, war aber aufgrund der Strahlkraft dann bei Klinsmann gelandet. (dpa)