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Schere, Kamm und Konkurrenz

In der Neustadt hat ein Friseur eröffnet – wieder. Wieso das Handwerk so beliebt ist und wie der Neue sich halten will.

© Christian Juppe

Von Sarah Herrmann

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Michaela Königsmann ist eine von den Frauen, denen man ihren Beruf ansehen kann. Eine dicke braune Blocksträhne durchzieht die blondierten Haare, die aufwendig in Locken gelegt sind. Die 39-Jährige lächelt unter dem wilden Kurzhaarschnitt hervor. Der einen oder anderen Dresdnerin wird sie in ihrem ersten eigenen Friseursalon auf der Louisenstraße sicherlich auch einen Bubi verpassen.

Um den Salon zu eröffnen, musste zunächst der Meistertitel her. Den machte Königsmann Anfang vergangenen Jahres in Köln. Eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung in Dresden kam für die gelernte Friseurin nicht infrage – zu langwierig. Also ging es drei Monate montags bis sonnabends rund zehn Stunden auf die Schulbank. Im Juni 2017 gab es zur Belohnung den Meisterbrief. Sich damit wieder in eine Filiale der Figaro-Dresden eG zu stellen, stand allerdings nicht zur Debatte.

Zwar hat Königsmann dort nicht nur zwischen 1996 und 1999 ihre Ausbildung absolviert, sondern seitdem auch gerne für die Friseur-Genossenschaft gearbeitet. „Aber mit einem Meistertitel als Angestellte zu arbeiten, lohnt sich finanziell nicht“, sagt Königsmann. „Schließlich habe ich dafür einige Tausender investiert.“ Auf das Geschäft in der Äußeren Neustadt ist sie durch Zufall gestoßen.

Weil die Friseurin im Hechtviertel wohnt, kommt der neue Arbeitsplatz besonders gelegen. Vor allem, da sie den Salon zunächst allein betreibt. Einziger freier Tag ist der Sonntag. Am Montagvormittag bleiben die Türen zur Louisenstraße ebenfalls geschlossen. „Das ist dann meine Zeit, um Termine wahrzunehmen“, sagt die Mutter eines Sohnes. Vor zu viel Stress hat sie dennoch keine Angst. Auch Sorgen wegen der Konkurrenz kennt die Neu-Unternehmerin nicht. Obwohl die in der Neustadt besonders groß ist.

„Ohne Mut geht es nicht“, sagt die gebürtige Freitalerin. Einige Kunden habe sie mitnehmen können. Außerdem versucht sie, sich zu spezialisieren und so von der Konkurrenz abzuheben. „Mein Ziel ist es, Anlaufstelle für Dresdens Bräute zu werden“, sagt Königsmann. Festfrisur, Make-up, Nägel – das Rund-um-Programm soll es auf der Louisenstraße geben. „Die Bräute können dann gerne auch ihr Kleid mitbringen, sich bei mir umziehen und direkt ins Standesamt starten.“ Ganz uneigennützig ist dieser Plan nicht. „Es ist schön, wenn man an dem großen Tag der anderen teilhaben kann.“ Zudem gibt es eine große Zielgruppe. Die Zahl der Eheschließungen in Dresden steigt stetig. Erst jüngst vermeldete das Standesamt, dass 2017 mit 2 493 Vermählungen die höchste Zahl seit einem Vierteljahrhundert erreicht wurde.

Eine Spezialisierung empfiehlt auch die Dresdner Handwerkskammer. „Das Starter-Center der Handwerkskammer Dresden berät Existenzgründer unter anderem bei der Erstellung des Businessplans, in dem es sowohl um ein konkurrenzfähiges Geschäftsmodell als auch um eine Marktanalyse geht“, sagt Sprecherin Carolin Schneider. Wie in jedem Gewerbe gelte es, Weiterbildungen zu besuchen und sich nicht den aktuellen Trends zu verwehren. „So ist seit einiger Zeit der Bart wieder ein Thema für Friseure“, sagt Schneider. Der erste Barbier hat 2014 in Dresden eröffnet, zahlreiche weitere folgten in den vergangenen Jahren. „Spezialisierungsmöglichkeiten gibt es aber auch als mobiler Friseur oder in der Altenpflege“, sagt Schneider.

Eine Statistik der Handwerkskammer nach Postleitzahlen zeigt: 01099 steht mit derzeit 48 Salons an der Spitze. Dieser Postleitzahl-Bereich umfasst allerdings nicht nur die Äußere Neustadt und ist der flächenmäßig größte in der Stadt. Dennoch sei nicht von der Hand zu weisen, dass die Neustadt ein attraktives Pflaster für Friseure ist. Grund sei die dichte Besiedlung sowie die Mischung von Wohn- und Geschäftskomplexen. „Begünstigt wird das noch durch das danach beginnende Industriegelände, in dem es wiederum keine Salons, aber zahlreiche Arbeitnehmer als potenzielle Kunden gibt“, erklärt die Sprecherin der Handwerkskammer.

Insgesamt gibt es in Dresden derzeit 511 Friseure. Die Zahl ist in den letzten sechs Jahren gestiegen, 2011 zählte die Handwerkskammer nur 457 Salons. Auch in Sachen Nachwuchs sieht es beim Friseurberuf besser aus, als in vielen anderen Branchen des Handwerks. „Der Friseurberuf gehört seit Langem zu den Top Fünf der Ausbildungsberufe im Kammerbezirk Dresden, zu dem neben der Landeshauptstadt die Landkreise Bautzen, Görlitz, Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gehören“, sagt Carolin Schneider. Allein in der Landeshauptstadt haben im vergangenen Jahr 80 junge Menschen eine Ausbildung zum Friseur begonnen. „Nichtsdestotrotz gilt auch für das Friseurhandwerk, dass nicht alle freien Ausbildungsplätze besetzt werden können.“ Für Königsmann ist es der Traumberuf – und das sieht man.