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Schiller an der Giebelwand

Ein Wohnquartier im Pirnaer Ortsteil Copitz-West wird nach dem Dichter benannt. Der Literat bringt den Mietern nun eine Reihe von Vorzügen.

© Andreas Weihs

Von Thomas Möckel

Pirna. Matthias Staude zieht ein Stück schwarzen Stoff beiseite, darunter kommt ein verrostetes Schild zum Vorschein, es ist absichtlich auf alt gemacht. An der korrodierten Oberfläche haftet eine Tafel, das Porträt eines Mannes ist darauf zu sehen, ein paar Kraniche, daneben einige Zeilen eines Gedichtes, weiter oben wird ein silberner Schriftzug sichtbar. Für den Namen griff die Wohnungsgenossenschaft Sächsische Schweiz (WGS), bei der Staude Vorstandschef ist, tief in die Literaturkiste – wohlgemerkt in die klassische.

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Motive aus dem Werk des Dichters – hier aus Wilhelm Tell – finden sich auf den Giebelwänden.
Motive aus dem Werk des Dichters – hier aus Wilhelm Tell – finden sich auf den Giebelwänden. © SZ/Thomas Möckel

Die Lettern ergeben den Schriftzug „Schillerquartier“, ein ganzes Wohnviertel in Copitz-West ist nun nach dem Dichterkünstler benannt, das Schild steht vor dem Haus Walter-Richter-Straße 46, direkt an der Einflugschneise ins Wohnviertel. Die WGS hat hier zwischen Robert-Klett-Ring und Walter-Richter-Straße ihren größten zusammenhängenden Wohnungsbestand in Copitz-West, insgesamt 660 Quartiere.

Den Namen fürs Quartier entlieh das Ingenieurbüro aus Cossebaude, dass das gesamte Ensemble gestaltet, der nahe gelegenen Schillerstraße, sie fanden das sehr passend. Und der Wortakrobat bereichert das Viertel nicht nur mit seinem Namen, sondern auch mit seiner Dichtkunst. Dafür unterteilten die Planer das Quartier in vier Bereiche und unterschieden es farbig. Der gelbe Komplex widmet sich der Ballade „Der Taucher“, die orange Häuserzeile dem Drama „Wilhelm Tell“, die rote Zeile der Ballade „Die Kraniche des Ibykus“, der grün-gelbe Komplex der Ballade „Der Handschuh“. Im Riesenformat sind Szenen aus den Stücken an Hausgiebel gemalt, jeweils in der passenden Farbe, andere Hauswände dienen demgegenüber als Buchseiten: Auf ihnen sind Passagen aus besagten Schillers Werken zu lesen. All das dient einem ganz bestimmen Zweck.

Die WGS, sagt Staude, will aus dem aus ihrem Bestand in Copitz-West ein ganzheitliches Wohngebiet schaffen, mit einem einheitlichen Gestaltungskonzept, Name und Optik sollen identitätsstiftend wirken. „Wir wollen, dass sich unsere Mieter hier wohlfühlen“, sagt der WGS-Vorstand. Alle Rückmeldungen der Bewohner seien bisher positiv gewesen – zumal Schiller nicht nur mit seinem Namen daherkommt.

Der Künstler bringt einige Vorzüge für die Mieter mit, Dichtkunst mischt sich mit Putz und Farbe. Die WGS hat in diesem Jahr damit begonnen, ihre Häuser schrittweise generalzuüberholen. Die ersten Gebäude, sagt Staude, sind inzwischen fertig. Handwerker sanierten die Balkone, strichen die Fassaden mit frischer Farbe und renovierten die Treppenhäuser. Etwa eine halbe Million Euro investierte Pirnas zweitgrößter Vermieter, insgesamt 2 000 Wohnungen im Bestand, in das Vorhaben. Und das war noch nicht alles.

An einigen Häusern am Robert-Klett-Ring vergrößern Handwerker in Kürze die Balkone, damit gleichen sie auch einen Höhenunterschied am Austritt aus. Zudem werden sie komplett verglast. Darüber hinaus will die WGS Grundrisse jener Wohnungen verändern, bei denen derzeit Wohn- und Schlafzimmer ungünstig ausgerichtet sind. Und die Idee, an einigen Häusern Aufzüge zu installieren, ist trotz hoher Kosten noch nicht vom Tisch. Bis 2020, schätzt Staude, werden die Arbeiten am Schillerquartier noch dauern.