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Schläge an der roten Ampel

Ein Autofahrer telefoniert und baut dadurch fast einen Unfall. Als ihn ein anderer zur Rede stellt, tickt er völlig aus.

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Von Jürgen Müller

„Ihnen möchte ich im Straßenverkehr nicht begegnen“, sagt der Meißner Richter Andreas Poth dem Angeklagten. Wegen Körperverletzung hat er ihn gerade zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 20 Euro, also 2400 Euro, verurteilt. Damit gilt der 52-jährige Coswiger als vorbestraft. Die Fahrerlaubnis wird ihm entzogen, den Führerschein muss er gleich im Gerichtssaal abgeben. Frühestens in neun Monaten kann er eine neue Fahrerlaubnis beantragen.

Der Angeklagte und sein Verteidiger sind baff. Damit hatten sie wohl am allerwenigsten gerechnet. Der Anwalt hatte wohl auf eine Verfahrenseinstellung gegen eine Geldauflage gehofft. Noch vor der Verhandlung bringt er seinen Mandanten dazu, sich bei dem Geschädigten zu entschuldigen. Außerdem bietet er diesem von sich aus ein Schmerzensgeld von 300 Euro an. Doch den Richter beeindruckt das nicht. Zu schwer ist die Tat, die dem Angeklagten vorgeworfen und auch nachgewiesen wird.

Sofort zugeschlagen

Es ist früher Abend an jenem Julitag dieses Jahres, als der Angeklagte in Radebeul mit seinem Passat Variant fährt und dabei telefoniert. Dadurch kommt er von der Fahrbahn ab, fährt auf die linke Seite, gerät in den Gegenverkehr. Der hinter ihm fahrende spätere Geschädigte hupt, daraufhin lenkt der Angeklagte sein Auto zurück. Das wiederholt sich noch einmal. An einer roten Ampel steigt der Geschädigte aus, geht zum Fahrzeug des Angeklagten und will ihn zur Rede stellen. Doch er kommt nicht dazu, seinen Satz zu beenden. Der Coswiger steigt aus und schlägt dem 60-Jährigen sofort dreimal mit der Faust kräftig ins Gesicht. Der stolpert, fällt ihn. Auch jetzt bearbeitet der Angeklagte den am Boden Liegenden mit den Fäusten. Mehrfach fragt er ihn, ob er jetzt genug habe. Dann lässt er schließlich von ihm ab. „Es waren wuchtige Schläge mit der Faust. Selbst als ich am Boden lag, hat er noch viermal auf mich eingeschlagen“, sagt der Geschädigte, der eine Gesichtsprellung und eine Kiefergelenksstauchung erleidet. Einen solchen Gewaltausbruch habe er noch nie erlebt. Die Situation wirke noch heute nach. Besonders tragisch. Der Mann war auf dem Weg nach Dresden, wo seine Frau einen schweren Arbeitsunfall hatte.

Warum der Angeklagte so austickte, bleibt ein Rätsel. Möglicherweise war der Geschädigte gar nicht der Anlass für den Wutausbruch, sondern der Inhalt des Telefongespräches.

Der Angeklagte ist wahrlich kein Engel. Wegen Steuerhinterziehung, Unterschlagung und unerlaubten Waffenbesitzes wurde er schon zu Geldstrafen verurteilt. Auch seine Verkehrssünden sind lang. Zweimal verlor er schon den Führerschein, weil er betrunken oder zu schnell fuhr. Auch wegen Telefonierens am Steuer wurde er schon dreimal verurteilt. Das alles interessiert ihn nicht. Er schwafelt munter weiter.

Der Schein ist erstmal weg

Der Angeklagte habe sich als charakterlich ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeuges erwiesen, begründet der Richter den Fahrerlaubnisentzug. Dies sei immer der Fall, wenn eine Körperverletzung in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Straßenverkehr verübt werde. Es gebe keine Erklärung für sein aggressives Verhalten, er sei nicht gewillt, sich an Mindestvorschriften zu halten. Die neun Monate Fahrerlaubnisentzug seien noch am unteren Rand, so der Richter. Er geht deutlich über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus, die 90 Tagessätze und drei Monate Fahrerlaubnissperre gefordert hatte. Der Verteidiger kündigte sofort Berufung gegen das Urteil an und will Beschwerde gegen den Fahrerlaubnisentzug einlegen. Aufschiebende Wirkung hat das nicht. Den Heimweg muss sein Mandant mit öffentlichen Verkehrsmitteln antreten, ansonsten macht er sich erneut strafbar, belehrt ihn der Richter. Und für die 2400 Euro hätte er locker ein paar Freisprechanlagen kaufen können.