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Schlag gegen die Automafia

Zwei junge Polen sollen Autos im Wert von 350 000 Euro gestohlen haben. Einer von ihnen sitzt bereits in Haft.

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© AP

Von Matthias Klaus

Görlitz. Zwei führende Köpfe der Automafia an der Neiße sind gefasst. Fast zeitgleich klickten bei einem 27-Jährigen in Görlitz und einem 24-Jährigen in der polnischen Grenzgemeinde Piensk die Handschellen. Es handelt sich bei den Festgenommenen um polnische Staatsbürger, so der Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz, Thomas Knaup.

Die beiden Beschuldigten waren offensichtlich technisch bestens ausgerüstet. Bei der Durchsuchung der Wohnungen und weiterer gemieteter Räume in Piensk und Bogatynia fanden die Polizisten unter anderem computergestützte Diagnosegeräte, die an die Fahrzeugelektronik angeschlossen werden können, außerdem digitale Funktechnik zum Öffnen schlüsselloser Autos. Experten schätzen den Wert auf mehrere 10 000 Euro. Mit der Technik konnten modernste Fahrzeuge binnen kürzester Zeit beinahe ohne erkennbare Schäden geöffnet werden.

Teure, schlüssellose Wagen

Der 27-Jährige soll seit Mai vergangenen Jahres mindestens 16 Autos in den Landkreisen Görlitz und Bautzen gestohlen haben, Wert insgesamt rund 350 000 Euro. Dabei handelte es sich vor allem um teure, schlüssellos zu bedienende Wagen von BMW und Audi. Die mutmaßlichen Täter nutzten offenbar eine Schwachstelle im sogenannten Keyless-Go-System aus. Dabei wird das Funksignal abgefangen, der Sicherheitscode ausgelesen. Am 24. Mai 2017 soll der 27-Jährige beispielsweise einen Volvo XC 90 und am 11. Juli einen Audi A6 im Löbauer Ortsteil Kittlitz gestohlen haben. Beide Autos waren mit dem Keyless-Go-System ausgestattet. Der 24-Jährige war wohl an zwölf Taten beteiligt.

Den Festnahmen waren umfangreiche Ermittlungen auf polnischer und deutscher Seite vorausgegangen. Seit etwa einem halben Jahr beschäftigte sich diesseits der Neiße das Kommissariat für Bandenkriminalität der Kriminalpolizei Görlitz im Auftrag der Staatsanwaltschaft mit dem Fall. Auf polnischer Seite war die Kriminalpolizei Zgorzelec eingebunden. Die beiden Männer wurden am vergangenen Donnerstag festgenommen. Der 27-Jährige wurde in Görlitz mit Unterstützung der deutsch-polnischen Fahndungsgruppe Neiße (GFG) und der gemeinsamen Fahndungsgruppe Bautzen der Kriminal- und Bundespolizei gestellt. Im polnischen Piensk waren zur gleichen Zeit die dortige Polizei und ebenfalls Fahnder der GFG im Einsatz.

Der 27-Jährige, der in Görlitz festgenommen wurde, kam noch am selben Tag vor den Haftrichter. Inzwischen sitzt der junge Pole im Gefängnis. Gegen den zweiten Beschuldigten liegt ebenfalls ein Haftbefehl vor. „Wir gehen davon aus, dass er demnächst nach Deutschland überstellt wird“, sagt Till Neumann, Sprecher der Staatsanwaltschaft Görlitz. Wann genau, war am Montag aber noch unklar

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Ermittlungen gehen weiter

Die beiden Männer erwartet im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren. Die Höhe wird wahrscheinlich auch davon abhängen, wie kooperativ sie sich zeigen. Derweil gehen die Ermittlungen der Kriminalpolizei weiter: Gibt es weitere Mittäter? Wer sind die Auftraggeber? Die Kriminalisten prüfen außerdem, ob andere Autodiebstähle an der Neiße und anderswo auf das Konto der beiden gehen. Mitglieder einer ähnlichen Gruppierung landeten im vergangenen Jahr bereits vor dem Landgericht in Görlitz. Insgesamt ging es hier um eine Schadenssumme von 417 000 Euro. Zunächst hatte sich die polnische Bande auf Wagen der Marke Mazda konzentriert, dann jedoch wie im jetzigen Fall auch auf BMW und Audi. Die Fahrzeuge wurden zwischen 2012 und 2013 vor allem im Raum Dresden entwendet, aber auch in Görlitz.

Generell registriert die Polizeidirektion einen Anstieg der Fälle von Autoklau in der Oberlausitz, Schwerpunkte Bautzener und Zittauer Raum. 2017 gab es ein Viertel mehr Pkw-Diebstähle als 2016. Ausnahme: Die Stadt Görlitz. Hier sanken die Fallzahlen. Erfolge in der Aufklärung gibt es vor allem auch, seit die deutsch-polnische Fahndungsgruppe arbeitet. Rund um Görlitz, meist an der Autobahn, werden von ihr jährlich rund 150 überall im Land gestohlene Autos sichergestellt. Allein die Bundespolizei Ludwigsdorf nimmt im Schnitt jährlich etwa 70 Autodiebe fest.