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Schlammpackung inklusive

Tausend Läufer machten am Sonntag beim Extrem-Lauf Crossdeluxe in Freital mit. SZ-Redakteur Tobias Winzer war dabei.

© Andreas Weihs

Von Tobias Winzer

Freital. Am Ende fühle ich mich wie ein Hippie in einer Menge von Gleichgesinnten. Die jubelt gerade, als die Bannewitzer Feuerwehr eintrifft. Sehnsüchtig steht der Pulk in der Schlange zu den drei nicht alltäglichen Duschen. Als die Kameraden auf dem Dach des Feuerwehrautos Wasser Marsch geben und ein feiner, kalter Wasserstrahl auf die schlammverschmierten Läufer trifft, ist die Erleichterung groß. Die verkrusteten Oberteile werden ausgezogen, Hosen fallen. Halbnackte und irgendwie von Glück beseelte Menschen reiben sich eng aneinandergedrängt die Erde von der Haut. Love, Peace and Harmony. Und ich bin mittendrin.

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Bilder vom Extrem-Lauf Crossdeluxe in Freital

SZ-Redakteur Tobias Winzer vor der Acht-Kilometer Runde.
SZ-Redakteur Tobias Winzer vor der Acht-Kilometer Runde.
Rund tausend Läufer, aufgeteilt in drei Startgruppen, machten beim ersten Crossdeluxe in Freital mit.
Rund tausend Läufer, aufgeteilt in drei Startgruppen, machten beim ersten Crossdeluxe in Freital mit.
Bei vielen Hindernissen musste man im wahrsten Sinn des Wortes Dreck fressen. Keiner der Läufer blieb verschont.
Bei vielen Hindernissen musste man im wahrsten Sinn des Wortes Dreck fressen. Keiner der Läufer blieb verschont.
In der Nähe des Hains wartete diese Reifen-Wand auf die Läufer. Wer völlig kaputt war, hatte hier schlechte Karten.
In der Nähe des Hains wartete diese Reifen-Wand auf die Läufer. Wer völlig kaputt war, hatte hier schlechte Karten.
Dafür, dass auch wirklich niemand sauber ins Ziel kam, sorgte dieser Hänger – gefüllt mit Schlammwasser.
Dafür, dass auch wirklich niemand sauber ins Ziel kam, sorgte dieser Hänger – gefüllt mit Schlammwasser.

Etwa eine Viertelstunde vorher sieht es in meinem Kopf weniger harmonisch aus. Ich habe mich gerade eine fünf Meter hohe Wand aus Reifen nach oben gequält. Wenn man diese Wand aus etwas Entfernung betrachtet, erinnert sie an ein Koordinatensystem, in das jemand schön symmetrisch ganz vielen Nullen hineingeschrieben hat. Das Problem ist nur, dass die Reifen nicht starr aufgehängt sind, sondern wie bei einer Strickleiter nachgeben, sobald ich sie betrete. Das geht in die Arme. Oben angekommen muss ich einen Balken überwinden und über mehrere stufenartig angelegte weitere dünne Balken hinabsteigen.

„Wenn man da abrutscht, dann fällt man tief. Da gibt es kein Netz, nichts“, sagt ein Mitläufer zu seiner Freundin, als wir es geschafft haben. Und ich denke mir: Wenn man hier einfach mal nicht mitmacht, dann muss man so einen Unsinn auch gar nicht durchstehen. Denn eines ist Fakt: Wir sind freiwillig hier. Niemand hat uns dazu gezwungen. Die Teilnehmer haben sogar viel Geld bezahlt: 62 Euro.

Sie alle stellen sich einer Challenge, wie es Neudeutsch heißt – einer Herausforderung. Die heißt Crossdeluxe und wird in diesem Jahr zum ersten Mal in Freital ausgetragen. Am Markkleeberger See bei Leipzig ist die Veranstaltung schon seit Längerem etabliert. 4 000 Läufer machen dort jährlich mit. Der Organisator suchte eine Möglichkeit, seine aufwendig hergestellten Hindernisse mehrmals pro Jahr zu nutzen und fand sie in Freital. Hier stehen am Sonntag, aufgeteilt in drei Startgruppen, rund tausend Läufer am Start. Wie in Markkleeberg geht es auch in Freital darum, einen Parcours zu meistern. Der ist in Freital acht Kilometer lang, gespickt mit 19 Hindernissen und kann, je nach Wunsch, ein- oder zweimal absolviert werden.

Als ich am Start stehe, kann ich meine Skepsis nicht ganz unterdrücken. Der Sprecher spornt die Wartenden zur La Ola an. Der Countdown wird zurückgezählt. Um mich herum stehen Menschen mit T-Shirts, auf denen Sprüche stehen, wie: „Wenn ich im Schlamm liege, dann ruft Lisa“. Das ist mir zu viel Bohei. Am liebsten laufe ich zwei-, dreimal pro Woche meine Sechs-Kilometer-Runde. Ganz still, ganz monoton. Laufen hat für mich etwas Andächtiges. Das hier ist das Gegenteil davon. Trotzdem bin ich dabei – weil mich im Frühjahr irgendjemand dazu überredet hat, nun aber frecherweise selbst gar nicht am Start steht, und weil es ein tolles Ereignis für Freital ist.

Das merke ich schnell. Als ich den noch fast barrierefreien Streckenteil im Rabenauer Grund hinter mir gelassen und mich auch den steilen Wanderweg zur Rabenauer Straße hochgemüht habe, warten nicht nur die ersten fiesen Hindernisse, sondern auch jede Menge Publikum. 30 Zentimeter über dem Boden ist Stacheldraht gespannt. Das bedeutet, dass ich mich flach auf dem Bauch liegend nach vorn robben muss. Ich fresse Dreck. Fast bin ich dankbar, dass die Erde schlammig ist. Das schont meine Knie, die von den letzten Hindernissen schon ordentlich aufgescheuert sind. Als ich das Hindernis geschafft habe, kommt aufmunternder Applaus. Das motiviert.

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Noch mehr Menschen haben sich am letzten Hindernis versammelt – allerdings eher weniger, um eine sportliche Leistung zu würdigen, sondern wohl eher aus Schadenfreude. Denn wer gedacht hatte, er kommt einigermaßen sauber ins Ziel, wird hier eines Besseren belehrt. Ein etwa zwei mal fünf Meter großer Hänger ist knietief mit braunem Wasser gefüllt. Da müssen wir durch. Netterweise liegt 20 Zentimeter über der braunen Brühe ein Bauzaun auf. Ich tauche ab, schwimme auf dem Rücken, steige wieder aus dem Becken. Nur mein Haaransatz, meine Augen und mein Mund sind jetzt noch einigermaßen sauber.

Wie gut, dass es die Feuerwehr gibt.