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Schlesier wollen Anerkennung

Mehr als 800.000 Polen bezeichnen sich als Schlesier. Sie wollen die offizielle Anerkennung als eigenständige Volksgruppe. Das Oberste Gericht des Landes sieht das anders.

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© dpa

Eva Krafczyk

Warschau/Oppeln. Für viele Menschen zwischen Oppeln und Kattowitz war es Ende 2011 ein Stück Genugtuung nach Jahren gefühlten Misstrauens: Das Bezirksgericht Oppeln (Opole) ließ die Gesellschaft der Menschen Schlesischer Nationalität (SONS) als eingetragene Gemeinschaft zu. Zwei Jahre später allerdings gab das Oberste Gericht Polens jetzt dem Einspruch der Staatsanwaltschaft statt: Es gebe keine schlesische Nationalität in Polen - und damit auch keinen Grund, eine Organisation dieser Volksgruppe zuzulassen.

Für diejenigen, die sich weder als Deutsche noch als Polen sehen wollen, sondern als Bevölkerungsgruppe mit eigenen Traditionen, Mundart und Kultur, ist das „Nein“ des Gerichts eine juristische Ohrfeige. Der nationalkonservative Flügel der polnischen Parteienlandschaft, wo die Schlesier als „verkleidete Deutsche“ argwöhnisch beäugt werden, fühlt sich bestätigt. Jedes Streben nach schlesischer Autonomie berge die Gefahr der Schwächung der Stabilität des polnischen Staates, hieß es schließlich in der Gerichtsentscheidung.

Der renommierte polnische Regisseur Kazimierz Kutz, der als Senator in der zweiten Kammer des polnischen Parlaments sitzt, nannte die Stellungnahme des Obersten Gerichts in der „Gazeta Wyborcza“ einen Skandal. „Das verletzt die Würde der Schlesier“, zürnte er. Zugleich sah er neue Chancen zur Stärkung des regionalen Identitätsgefühls: „Schon jetzt sehen wir, dass dies ein Moment ist, wo sich die Schlesier zusammenschließen und um ihren Platz im Land kümmern sollten.“

Sein Parlamentskollege Marek Plura regte in einem Apell an mehrere schlesische Organisationen an, jetzt ein Bürgerbegehren zur Anerkennung als ethnische Minderheit zu starten: „Lasst uns 100.000 Unterschriften sammeln. Der schlesische Völkerfrühling soll kommen - geben wir ihm eine Stimme.“ Die notwendigen Unterschriften sollten eigentlich zusammen kommen: Immerhin gaben 2011 bei der Volkszählung mehr als 800.000 Menschen an, ihre Nationalität sei schlesisch.

SONS-Leiter Pejter Dlugosz jedenfalls verweist darauf, dass die Gesellschaft innerhalb von zwölf Stunden nach Bekanntgabe der Warschauer Gerichtsentscheidung 50 neue Mitgliedsanträge erhielt - so viele wie in den vorangegangenen drei Monaten. Derzeit gebe es rund 1400 Mitglieder. „Das Gericht hat nicht zu entscheiden, als was ich mich fühlen soll, sondern ob unsere Gesellschaft im Einklang mit dem Recht funktioniert“, sagte er in einer Stellungnahme auf das Urteil.

Der polnische Regierungschef Donald Tusk und bekennende Kaschube betont dagegen zwar das Recht der Schlesier auf ihre kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit. „Aber ich würde nie sagen, dass die Kaschuben ein (eigenes) Volk sind“, sagte er. „Und ich würde auch nicht von einer schlesischen Nationalität sprechen.“

Wenn von Schlesiern die Rede ist, ist in diesem Zusammenhang nicht die gesamte historische Region Schlesien gemeint, sondern Oberschlesien, das über viele Generationen ein ethnischer Schmelztiegel vor allem von Polen und Deutschen, aber auch Tschechen war. Als nach dem Ersten Weltkrieg ein unabhängiger polnischer Staat wieder entstand, wurde erbittert um die Zugehörigkeit des oberschlesischen Industriegebiets mit seinen Stahlhütten und Kohlezechen zu Deutschland oder Polen gestritten.

Eine Volksabstimmung, die von beiden Seiten als manipuliert bezeichnet wurde und drei Aufstände später war die Region zwischen beiden Ländern geteilt - und in vielen schlesischen Familien führte der Zwang, sich zu einer der beiden Volksgruppen entscheiden zu müssen, zu bitteren Zerwürfnissen.

Vor allem in den vergangenen 20 Jahren regte sich unter den Schlesiern zunehmend Selbstbewusstsein über ihre Besonderheiten von der Malochermentalität, in der harte Arbeit und ordentliches Zupacken geschätzt werden über die Pflege der eigenen Mundart bis hin zu kulinarischen Besonderheiten wie den „Mohnklößen“ zu Weihnachten. (dpa)