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Schluss mit dem Dornröschenschlaf

Der alte Kindergarten in Neugersdorf hat einen neuen Besitzer – der schon Gefallen an Stadt und Bewohnern gefunden hat.

Von Romy Altmann-Kühr

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Die Villa ist kaum wiederzuerkennen. Oder besser: Sie ist überhaupt zu erkennen. Wo bis vor wenigen Wochen außer Wildwuchs, Bäumen und Gestrüpp nicht viel zu sehen war, ist jetzt wieder der Blick frei auf das stattliche Klinker-Gebäude. Die historische Villa an der Neugersdorfer Hauptstraße stand lange leer, wucherte immer mehr zu. In den vergangenen Wochen nun ist hier gebaggert und gesägt worden, Arbeiter haben Bäume gefällt, Wildwuchs entfernt, das Gelände begradigt, eine neue Hecke gepflanzt. Das ist den Neugersdorfern nicht verborgen geblieben. Was mit der Villa passiert, interessiert viele. Schließlich war in der Fabrikantenvilla zu DDR-Zeiten ein Kindergarten untergebracht, viele kennen das Haus aus der Zeit.

Dass die Einwohner Anteil nehmen, hat auch der neue Besitzer schon festgestellt. Der Mann aus Bayern, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat selbst mit angepackt und das Grundstück beräumt – und dabei Bekanntschaft mit den Neugersdorfern gemacht. „Vom ersten Tag an sind Leute hier an den Zaun gekommen, haben uns angesprochen.“ Dabei dachte er zunächst, die Zaungäste wollten sich beschweren über Lärm oder Dreck. Doch Beschwerden hat er nicht gehört. Stattdessen Lob und ehrliche Freude darüber, dass endlich was passiert an dem Grundstück. Und viele Geschichten über das Haus. „Eine alte Frau, die öfter hier vorbeikommt, hat mir erzählt, dass sie in der Essensausgabe vom Kindergarten gearbeitet hat“, berichtet der Neu-Villenbesitzer. Einer der Baumfäller erzählt von einer Art Jugendklub, den es früher im Keller des Hauses gegeben hat. „Da haben wir uns getroffen und Musik gehört.“ Die Reaktionen auf seine Aktivitäten seien durchweg positiv gewesen, sagt der neue Eigentümer. „An diese Freundlichkeit hier habe ich mich immer noch nicht gewöhnt“, sagt der Bayer. „Ich bin immer wieder verblüfft.“ Überhaupt erlebe er fast jeden Tag, den er an seinem neuen Haus verbringt, einen kleinen Höhepunkt. Ein Nachbar hat ihn gleich zum Essen eingeladen. „Die Leute sind hier unglaublich entspannt, das gefällt mir.“

Insofern freut er sich schon auf den Einzug in die Villa. Denn das historische Gebäude soll das neue Zuhause von ihm und seiner Familie werden. Die Villa fand er im Internet, wo sie eine Immobilienfirma angeboten hatte, nachdem der Vorbesitzer verstorben war. Schon seit zwei Jahren hatte der Bayer nach einem neuen Haus in der Region gesucht. Zwischen Bautzen und Görlitz sollte es sein, denn seine Frau stammt aus der Gegend. „Wir sind insgesamt bestimmt 5 000 Kilometer gefahren für Besichtigungstermine“, schildert der neue Hausherr die langwierige Suche. Mehrere Objekte – etwas größeres sollte es sein – nahm das Ehepaar unter die Lupe. Meist scheiterte es am maroden Zustand der Häuser. Bei der Villa in Neugerdorf stimmte alles. Gleich beim ersten Besuch war der Mann beeindruckt – obwohl das 5 000 Quadratmeter große Grundstück da noch ziemlich verwildert war. Der Kaufentschluss stand schnell fest. Schon vor dem ersten Neugersdorf-Besuch hatte sich das Ehepaar per Internet informiert: „Die Infrastruktur ist klasse.“ In unmittelbarer Nachbarschaft gibt es den Edeka-Markt und eine Apotheke. Viele weitere Geschäfte sind in der Nähe. „Neugersdorf ist die perfekte Mischung aus Stadt- und Landleben“, sagt er. „Genau das, was wir gesucht haben.“

Auch das Haus erfüllte seine Anforderungen. Die Bausubstanz ist gut, sagt der Besitzer. Der vorherige Eigentümer hatte vor seinem Tod bereits Fenster und Dach erneuern lassen. Dennoch muss innen vollständig entkernt werden, vom Keller bis zum Dach. Dicke Schichten alter Farbe hängen teilweise abgeblättert von Wänden und Decke. Innen ist noch eine uralte Kücheneinrichtung verbaut, die alten Miniwaschbecken aus der Kindergartenzeit hängen im Bad. Strom- und Wasserleitungen sind marode.

Das schreckt den neuen Eigentümer nicht ab. „Ich habe schon mal so ein Objekt selbst saniert.“ Und auch die ersten Wochen am Neugersdorfer Objekt brachten viel Arbeit. Vor dem Baumverschnitt hat der Eigentümer einen Baumgutachter hinzugezogen. „Die Bäume hatten ja gar keinen Platz zum Wachsen.“ Außerdem musste der Bauherr eine Menge Bauschutt aus dem Grundstück wegschaffen lassen, der noch auf dem Areal lag. „Etwa 1000 Tonnen haben wir entsorgt.“ Die Arbeiten hat er mit der Hilfe von Firmen aus der Gegend erledigt. Auch bei allen weiteren Bauarbeiten will er auf regionale Betriebe setzen.

Mittlerweile hat der Eigentümer schon ganz genaue Vorstellungen, wie das neue Zuhause in Neugersdorf mal aussehen soll. Für alle Zimmer gibt es eine Idee. Da das Gebäude unter Denkmalschutz steht, wird zunächst die Denkmalschutzbehörde eine Bestandsaufnahme machen. „Baulich soll aber alles so bleiben.“ Das Gebäude sei optisch super, es habe viele Ornamente und eine verspielte Bauweise.

Nach den ersten Arbeiten an der Außenanlage soll nun über den Winter der Keller trockengelegt werden. Im Frühjahr kommt ein Gerüst und die Fassade wird gereinigt. Gleichzeitig folgt der Innenausbau. In zwei, drei Jahren will der Eigentümer mit der Sanierung fertig sein und mit seiner Familie einziehen.