merken

Schluss nach dem ersten Pint?

Britanniens Männer sollen weniger trinken. Neue Richtlinien besagen: Nur ein Bier oder ein Glas Wein täglich.

© Reuters

Von Jochen Wittmann

Das kam als Schock für britische Männer: Die offizielle Richtlinie zum Alkoholkonsum wurde geändert. Sally Davies, die Regierungsberaterin für Gesundheitsfragen, gab neue Grenzwerte für verantwortungsvolles Trinken bekannt. Künftig gilt, dass Männer, wie es bisher auch für die Frauen empfohlen wurde, nicht mehr als 14 Alkoholeinheiten pro Woche trinken sollen, also lediglich etwa ein großes Bier oder ein Glas Wein täglich. Das bedeutet für Britanniens Kerle eine Reduzierung von 50 Prozent verglichen mit den bisher geltenden Grenzwerten. Kein Wunder, dass der Aufschrei im Königreich groß war.

Familienkompass 2020
Familienkompass 2020
Familienkompass 2020

Welche Ergebnisse bringt der Familienkompass 2020 für die sächsischen Gemeinden und unsere Region hervor? Auf sächsische.de bekommen Sie alle Infos!

Sally Davies begründete die neuen Empfehlungen mit dem größeren Gesundheitsrisiko, das der Alkoholkonsum hervorruft, besonders bei Krebserkrankungen. „Was wir mit diesen Richtlinien versuchen“, sagte sie, „ist, den Leuten die aktuellsten wissenschaftlichen Informationen zu geben, damit sie informierte Entscheidungen über ihr Trinkverhalten und die Höhe des Gesundheitsrisikos treffen können.“ Hält man sich an die 14 Einheiten pro Woche, läge das Risiko, durch Alkohol sein Leben zu verlieren, nur bei etwa einem Prozent. Die Wochenration sollte über mindestens drei Tage verteilt und nicht in einer Sitzung konsumiert werden, um die mit dem Komasaufen verbundenen Folgeschäden zu vermeiden.

Die erste Änderung der Richtlinien seit 21 Jahren kam bei den Briten gar nicht gut an. Verständlich, dass der Verband der Alkoholindustrie aufschrie und kritisierte, dass die bisher übliche Unterscheidung von unterschiedlichen Maximalwerten für Frauen und Männer aufgegeben wurde und britischen Männern jetzt „empfohlen wird, deutlich weniger zu trinken als ihre europäischen Geschlechtgenossen“.

Aber auch unter Wissenschaftlern sind die neuen Grenzwerte umstritten, insbesondere was die Begründung angeht. Der Risikoforscher Professor David Spiegelhalter von der Universität Cambridge sagte: „Risikoarmes Trinken wird definiert als eine unter einprozentige Chance, an Alkohol zu sterben. Aber es wäre gefährlicher für die Gesundheit, jeden Tag eine Stunde fernzusehen oder zweimal die Woche ein Baconsandwich zu essen.“ Auch Christoph Snowdon vom „Institute of Economic Affairs“ hält die Richtlinien für überzogen: „Es wird auf einen Streich Hunderttausende Bürger zu ’Risikotrinkern‘ machen und wieder eine moralische Panik auslösen.“

Tatsächlich scheinen die amtlichen Empfehlungen ein Stück weit entfernt von der gesellschaftlichen Realität. Kaum vorstellbar, dass in einem britischen Pub nach dem ersten Pint Bier schon Schluss sein soll. „Der Fehler ist“, donnerte ein Leitartikel im Daily Telegraph, „solche rigorosen Kindermädchenstandards auf die gesamte Bevölkerung anzuwenden, wenn stattdessen der Fokus auf jenen liegen sollte, die ein wirkliches körperliches oder mentales Leiden haben.“ Die Behauptung, dass es kein sicheres Limit gebe, „beleidigt den gesunden Menschenverstand“. Sally Davies dagegen hält fest an ihren rigorosen Empfehlungen. „Wenn ich abends nach Hause komme“, sagte sie im Frühstücksfernsehen, „dann trinke ich lieber eine Tasse Tee als ein Glas Wein. Das hebe ich mir für besondere Gelegenheiten auf.“ „Genug“, so kommentierte Matt Chorley von der Times, „um einen zum Suff zu treiben“.