merken

Schmiede kann auch digital

Beim Neujahrstreffen gab der neue Chef Wolfgang Pradella einen Ausblick, wo die geschäftliche Reise hingeht.

© Klaus Dieter Brühl

Von Manfred Müller

Anzeige
Backen wie bei Muttern

Nur mit Stollen ist eine weihnachtliche Kaffeetafel wirklich komplett. Wie der hergestellt wird, erfahren Besucher am 23. November in der Bäckerei Erntebrot.

Großenhain. Normalerweise sind die Schmiedeteile, die in Großenhain gefertigt werden, nicht zu sehen. Sie gehören zum Innenleben von Lkw, Bussen und Zügen, die ohne sie nicht rollen würden. Oder in den Bauch von Schiffen. Oder in Bau-, Land- und Bergbaumaschinen. Manchmal wissen die Großenhainer gar nicht so genau, wo ein Zahnrad am Ende wirklich sitzt. Wie etwa beim chinesischen Hochgeschwindigkeitszug, für den die Gesenk- und Freiformschmiede als Zulieferer fungiert. Aber das ist auch nicht notwendig, die maßgefertigten Teile werden meist von großen Konzernen bestellt, die sie dann in die Fahrzeuge montieren. „Dadurch sind wir praktisch weltweit präsent“, erklärt Schmiede-Geschäftsführer Wolfgang Pradella.

Der neue Chef Wolfgang Pradella erklärt den interessierten Gästen während eines Rundgangs die Herstellung der Schmiedewerkzeuge.
Der neue Chef Wolfgang Pradella erklärt den interessierten Gästen während eines Rundgangs die Herstellung der Schmiedewerkzeuge. © Klaus Dieter Brühl

Der 51-Jährige ist seit vergangenem Herbst neuer Chef des 150 Mitarbeiter zählenden Großenhainer Metallurgiebetriebes. Er hatte das Unternehmen vom Vorbesitzer Attila Branczeisz erworben und will es nun fit für die digitale Zukunft machen. Geschmiedet, gefräst und poliert wird zwar auch künftig analog, aber viele Prozesse im Werk lassen sich mittels Computertechnik optimieren. „Wenn ich morgens den Einschaltknopf drücke, will ich sehen, wo sich welches Teil gerade befindet“, sagt Pradella. Auch die Qualitätskontrolle werde immer anspruchsvoller und sei ohne elektronische Dokumentation gar nicht mehr zu bewältigen.

Am Freitagvormittag hatte die Gesenk- und Freiformschmiede zum Neujahrsempfang geladen, und mehr als einhundert Gäste kamen vorbei, um sich ein Bild von Technologie made in Großenhain zu machen. Darunter Kunden aus ganz Deutschland, die Chefs der Großenhainer Metallbranche und anderen Betrieben aus Handwerk und Gewerbe. Auch Meißens Landrat Arndt Steinbach und Oberbürgermeister Sven Mißbach wurden gesichtet. Die meisten nahmen an spontan durchgeführten Werksführungen teil, bei denen man schon einen kleinen Einblick in die Zukunft bekam. Etwa die Fundamente für eine neue Halle, in der künftig die Gesenke gelagert und die Qualitätskontrolle stattfinden soll. Oder in modern ausgestattete neue Büroräume, in denen das digitale Herz der Schmiede schlagen soll. Auch in der Produktion sind zahlreiche Veränderungen geplant.

„Ich bin froh, dass ich jemanden gefunden habe, der den Betrieb weiterführt“, sagt Vorbesitzer Attila Branczeisz. „Der über das Geld verfügt, mich auszuzahlen, und der darüber hinaus noch versteht zu arbeiten“, fügt er scherzhaft hinzu. Der heute 67-Jährige hatte die Firma zu Beginn der 1990er Jahre übernommen und sie damit vor der Schließung bewahrt. Über etliche Höhen und Tiefen gelang es ihm, das Unternehmen am Leben zu erhalten und am Markt zu etablieren. „Diese ganzen Computergeschichten soll mal ein Jüngerer machen“, sagt Branczeisz, der sich komplett aus den Geschäften zurückgezogen hat. Als Berater steht der Ex-Chef der Großenhainer Schmiede aber weiter zur Verfügung, zumindest für die nächsten drei Jahre. Sein Wissen und sein exzellenter Kontakt zur Belegschaft sind immer noch gefragt. Hat Attila Branczeisz doch von der Lehre an sein gesamtes Arbeitsleben hier verbracht – insgesamt 52 Jahre.

Der neue Chef wiederum sammelte seine ersten beruflichen Erfahrungen im Riesaer Stahlwerk, wo er in der Hauptenergetik tätig war. Der Großbetrieb ging pleite, woraufhin Wolfgang Pradella in die Pharmabranche wechselte. Er studierte Betriebswirtschaft und machte in seinem Unternehmen Karriere – am Ende war er verantwortlich für 600 Mitarbeiter und eine knappe Milliarde Umsatz. „Aber so ein Konzern ist nichts für mich“, sagt er heute. „Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen.“ Pradella stieg aus und gründete in Berlin die Produktentwicklungsfirma Pharma Solutions. Mit dieser siedelte er 2012 in die alte Heimat um – nach Zeithain. Den Kontakt zwischen der Großenhainer Schmiede und dem investitionswilligen Unternehmer vermittelte eine Bankberaterin. „Ich kenne da jemanden, der ist genauso verrückt wie Sie“, hatte diese zum damaligen Chef Attila Branczeisz gesagt. Sie behielt recht. Die Großenhainer Schmiede wechselte den Besitzer. Und durch Pradellas Modernisierungspläne hat der 120 Jahre alte Betrieb nun gute Chancen, auch das 150-jährige Jubiläum zu erreichen.