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Schnappauf – schnapp ab

Wetten, dass wir alle schon einmal Gammelfleisch gegessen haben ... und noch essen werden. Sei es, das Fleisch hatte schon einen grünlichen Schimmer oder es müffelte, sei es, Fleischer oder Fleischwarenindustrie...

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Von ErichBöhme

Wetten, dass wir alle schon einmal Gammelfleisch gegessen haben ... und noch essen werden. Sei es, das Fleisch hatte schon einen grünlichen Schimmer oder es müffelte, sei es, Fleischer oder Fleischwarenindustrie hatten es als Bulette getarnt, als Döner, als Mortadella, als Hackepeter oder als Weißwurst.

Und noch essen werden? Nach den bundesweit durchgeschlagenen bayerischen Fleischskandalen? Nach Zeitungsschlagzeilen und Politikerschwüren? Weiß Gott! Solange der bayerische Umweltminister noch Schnappauf heißt und von Stoibers Gnaden weiterregiert oder weiterschläft, immer. Dessen Ministerium hat nach eigenem Bekunden schon Wochen (gar Monate?) vor dem öffentlichen Skandal vom bayerischen Gammelfleisch gewusst und nicht sofort etwas unternommen. Leberkäs’-Esser Edmund Stoiber hat ihn nicht entlassen und will ihn nicht entlassen, denn der Schnappauf genießt sein volles politisches Vertrauen. Hat er doch das Stoibersche Spargebot übererfüllend seine Belegschaft so ausgedünnt, dass sie jetzt mit den Kontrollen nicht mehr nachkommt. Ja, isst denn der Stoiber Edmund noch immer Leberkäs’ und Weißwurst?

Fachleute haben uns erklärt, auch Gammelfleisch sei durchaus noch genießbar, denn gesundheitsgefährdend ist es ja nicht. Es ist halt nur zum Kotzen. Was mögen die Fachleute wohl auf ihr Vesperbrot streichen, schmieren oder kleckern?

Was Frischfleisch ist, weiß ja wohl jedes Kind. So wie es heute schon weiß, was in der Aspirin-Schachtel drinsteckt – Aspirin nämlich und nicht Strichnin. Ernsthaft: Jeder Pharma-Produzent stünde vor dem Kadi, jeder Apotheker, wenn er Arzneimittel, deren Verfallsdatum abgelaufen ist, über die Ladentheke gehen ließe. Und in welch anrüchigem Ruf stehen die Pillendreher? Als Umweltschädlinge, Gesundheitsgefährder, Anstifter zum Arzneimittelmissbrauch. Und das alles, während wir unser Wurstbrot seelenruhig verzehren.

Jetzt geht die Hatz los gegen die Schuldigen. Gegen einen 74-jährigen bayerischen Fleischfabrikanten, der in Verdacht stand, – kriminell selbstverständlich – vergammeltes Fleisch in bundes-, wenn nicht europaweiten Umlauf gebracht zu haben, und sich aufgehängt hat. Der Mann fühlte sich dem Gewinnmaximierungsprinzip auf Gedeih und Verderb verpflichtet. Nicht jeder kann sich argentinisches Steak-Fleisch leisten, und so gewinnt der Anbieter billigen Cornedbeefs, das übrigens inzwischen noch billiger ist als Gemüse, den Wettlauf um die Kundschaft.

Und weil nicht jeder mit dem Zahnstocher auf der Fleischtheke herumstochern kann, desto dringlicher ist geboten, diesen Wettbewerb um jeden Preis – den niedrigsten – zu überwachen. Billigeres Fleisch, billigere Buletten und preiswerte Döner ja, aber nicht um den Preis der Volksverdummung. Das allein ist der Grund, warum Schnappauf aufs politische Schafott gehört. Solange es dem nicht an den Hals geht, isst mit jedem Pfund Wurst, das wir verschlingen, der Verdacht mit, wir hätten uns mit Gammelfleisch vollgestopft. Schnapp ab!