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Schnappschuss vom tierischen Räuber

Waschbären machen sich in der Region immer mehr breit. Das zeigen auch die neuesten Abschusszahlen der Jäger.

© Manfred Sachse

Von Tobias Winzer

Freital. Na, wer schleicht denn da um den Sauerkirschbaum? Manfred Sachse aus Freital muss nicht lange überlegen, um auf diese Frage eine Antwort zu finden. Ein Waschbär ist ihm in diesem Sommer in die Fotofalle in seinem Garten in Hainsberg getappt – nicht zum ersten Mal. „Wenn sie kommen, kommen sie in Horden“, hat der Rentner beobachtet. Auf Obst, das sie direkt von den Bäumen holen, auf Essbares aus dem Komposthaufen oder auf Würmer, die im Boden stecken, haben es die Raubtiere abgesehen. Manfred Sachse hat dank seiner Überwachungskamera, die er zur Tierbeobachtung im Garten aufgestellt hat, auch schon gesehen, wie Waschbären den Pflaumenbaum schütteln, bis die Früchte praktisch in den Mund fallen. „Das sind halt clevere Tiere“, sagt Sachse.

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Unter anderem wegen ihrer Intelligenz vermehren sich die Tiere hierzulande immer weiter – auch in der Region rund um Freital. „Zum Thema Waschbären häufen sich die Anfragen aus der Presse, allein das spricht für eine zunehmende Ausbreitung dieser Kleinbären“, sagt die Sprecherin des Forstbezirkes Bärenfels, Kristina Funke. Einen Hinweis darauf, dass derzeit mehr Waschbären unterwegs sind als noch vor zehn Jahren, geben auch die Abschusszahlen der Jäger. Während im gesamten Landkreis im Jagdjahr 2008/2009 lediglich zwölf Waschbären getötet worden, waren es im Jagdjahr 2016/2017 schon 258 – 70 mehr als im Vorjahr. Die sachsenweiten Zahlen geben einen ähnlichen Trend wider. Das kann neben der zunehmenden Verbreitung auch daran liegen, dass der Waschbär vermehrt als Gefahr angesehen und so öfter gezielt gejagt wird.

Es gab aber auch Zeiten, da war der Waschbär besser gelitten. Ursprünglich in Nordamerika heimisch, gelangte der Kleinbär als wertvoller Pelzträger in den 20er- und 30er-Jahren nach Europa. Weil die Tiere immer wieder aus den Pelztierfarmen ausbrachen oder von Menschen ausgesetzt wurden, konnten sie eine eigene Population in Europa aufbauen. In Deutschland leben heute geschätzt 600 000 bis 800 000 Waschbären, die sich stetig ausbreiten, sagen Forstexperten. Schwerpunkte sind in Sachsen die Landkreise Bautzen, Nordsachsen, Meißen und Leipzig. Man kann davon ausgehen, dass der Waschbär mehr oder weniger flächendeckend in Sachsen vorkommt - er meidet aber offenbar Mittelgebirgslagen. Hauptverbreitungsgebiet des Waschbären in Deutschland ist die Region rund um Berlin und Nordhessen, weil dort vor Jahrzehnten viele Tiere ausgesetzt wurden.

Gefahr für Vogelarten

Für die Umwelt bringt das Probleme. Solche eingewanderten Tiere, wie der Waschbär, aber auch Mink und Marderhund, breiten sich in Sachsen immer mehr aus und besetzen die für ihre Art geeigneten Lebensräume. Das führt zu Konkurrenzsituationen mit den dort lebenden Tieren. Zudem erhöht sich der Druck auf mögliche Beutetiere. Besonders bodenbrütende Vogelarten sind dadurch gefährdet.

Für den Waldbestand in Freital und Umgebung hat der Staatsbetrieb Sachsenforst bislang keine Auswirkungen festgestellt. Spezielle Maßnahmen zur Eindämmung der Population von Waschbären unternimmt der Sachsenforst deswegen nicht. Theoretisch kann der Waschbär aber das ganze Jahr gejagt über werden. Nur auf Elterntiere während der Aufzucht der Jungtiere darf nicht geschossen werden. Eine Schonzeit, wie bei Rehen, gibt es nicht.

Auch Manfred Sachse hat sich schon Gedanken gemacht, wie er den anpassungsfähigen Allesfresser aus seinem Garten fernhalten könnte. In Dresden gibt es einen sogenannten City-Trapper, zu Deutsch: Stadtjäger, der sich auf den Fang unter anderem von Waschbären spezialisiert hat. „Aber der kostet natürlich Geld“, sagt Sachse. Auch an den Jagdverband habe er sich schon gewandt. Dort sei ihm ein Jäger, der ganz in der Nähe wohnt, empfohlen worden. Dieser könne aber auch bloß eine Falle aufstellen. Weil der Jäger beruflich aber viel unterwegs ist, müsste Sachse den Waschbär dann selbst töten. „Aber das kann ich nicht“, sagt der Freitaler. So hat sich der 68-Jährige mit dem regelmäßigen Verlust von Kirschen und Pflaumen abgefunden. Immerhin: Brokkoli und Bohnen lassen die Tiere unangetastet. „Gemüse mögen die Waschbären nicht.“