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„Schneeberg kann überall sein“

Deutsche ermordeten 1944 die Eltern von Henriette Kretz. Jetzt spricht die Jüdin in der Stadt der „Lichtelläufe“ über Asyl.

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© Kretschel

Von Thilo Alexe

Die Mappe mit den Schwarz-Weiß-Fotos ist lehrreicher als ein Schulbuch. Henriette Kretz legt sie sorgsam auf ein Pult. „Das ist meine Familie. Sie sind alle umgebracht worden.“ Deutsche Soldaten erschossen das jüdische Ehepaar Mauricy und Elsa Kretz im Sommer 1944. Ihre zehnjährige Tochter Henriette konnte fliehen, weil sich die Eltern den Schützen entgegenwarfen. Das Kind entkam –  und war vollkommen allein.

© Hille-Verlag

Henriette Kretz spricht ruhig, in ihrem Deutsch mischt sich ein polnischer und ein französischer Akzent. Die mittlerweile in Belgien lebende 79-Jährige hat schon oft erzählt, wie sie den Holocaust überlebte und ihre Eltern sterben sah. Das ist auch gestern so, als sie vor Schülern des Schneeberger Herder-Gymnasiums steht. „Ich habe keinen Hass“, sagt sie. Und rät den Zehntklässlern: „Bleiben Sie ohne Hass.“

Es ist kein Zufall, dass Frau Kretz in der Erzgebirgsstadt den Kontakt zu Jugendlichen sucht. Durch Proteste gegen die Aufnahme von Asylsuchenden in einer ehemaligen Kaserne hat Schneeberg ungute Berühmtheit erlangt. Drei sogenannte Lichtelläufe zogen je rund 1.000 Demonstranten an. Etliche kamen von außerhalb. Neben bekennenden Neonazis marschierten auch bislang unauffällige Bürger.

Henriette Kretz fragt nach der Einwohnerzahl Schneebergs. 15.000. Sie fragt, wie viele Flüchtlinge gerade in der Kaserne leben. 33, heißt es, es waren aber auch schon mehr. Die alte Dame lässt keinen Zweifel daran, dass schon allein angesichts dieses Zahlenverhältnisses Angst vor Überfremdung absurd erscheint: „Ausgrenzung ist eine sehr, sehr schlimme Sache.“

Kuba im Visier

Henriette hat nur überleben können, weil andere ihr geholfen haben. Nach der Ermordung der Eltern kann sie sich bei katholischen Nonnen verstecken. Nach Kriegsende findet das Mädchen einen Onkel in Krakau, der die Verfolgung ebenfalls überstanden hatte. Er will mit seiner Nichte über den Antwerpener Hafen nach Kuba auswandern. Doch weil es in Belgien bereits wieder intakte jüdische Gemeinden gibt, entschließen sie sich zu bleiben.

„Das sind die Kinder des Holocaust, so wie ich“, sagt Henriette Kretz. Sie meint die Tausenden, die deshalb nicht ermordet wurden, weil andere sie unterstützten – Christen und Juden, Deutsche und Polen, Russen und Ukrainer.

Die Schneeberger Zehntklässler folgen der Erzählung gebannt. „Es ist unglaublich spannend“, sagt die 15-jährige Annemarie. Nebensitzerin Pauline pflichtet ihr bei. „Wir haben viel gelernt.“

Die Gymnasiasten stellen Kretz kluge Fragen. Warum hat sie ihr Leben aufgeschrieben? „Das war eine Selbsttherapie.“ Wieso wird die bewegende Geschichte von Leid, Vertreibung, aber eben auch Hoffnung anhand des Kindes Musia und nicht in der Ich-Form erzählt? Henriette Kretz antwortet nach einem leichten Zögern. „Es war sehr schwer weiterzuleben.“ In Musia habe sie ein literarisches Alter-Ego geschaffen, was gleichermaßen Distanz und Verarbeitung ermöglichte.

Im mit Klavier bestückten Kursraum des Herder-Gymnasiums herrscht kein fremdenfeindliches Klima. Die Zehntklässler bitten um Autogramme. Sie stehen sozusagen für die Schneeberger, die Friedensgebete veranstalten und für die Asylbewerber Spenden sammeln. Doch es gibt eben auch andere, und Henriette Kretz will sich vor Ort über die Lage der Flüchtlinge informieren. Begleitet wird sie dabei von Frank Richter. Der Leiter der Landeszentrale für politische Bildung vermittelt im Streit um die Erstaufnahmeeinrichtung. „Wir konnten gute Gespräche führen“, sagt er nach dem nicht-öffentlichen Rundgang durch die Exkaserne. „So entstehen Kontakte und Transparenz.“

„Jeder Mensch hat eine Würde“

Henriette Kretz kann sich auf Russisch mit zwei tschetschenischen Familien unterhalten. Sie berichtet im Anschluss von Angst und Ungewissheit. Die Tschetschenen seien in großer Sorge, unvermittelt abgeschoben zu werden.

Die Proteste in Schneeberg treiben Kretz um, sie hat in Belgien davon erfahren. „Das ist aber nicht nur in Schneeberg, das kann überall auf der Welt sein“, sagt sie. Bevor Henriette Kretz die Asylbewerber besucht, gibt sie den 21 Schülern noch eine Art Hausaufgabe auf. „Machen Sie sich die Mühe, die Menschen kennenzulernen. Jeder Mensch hat eine Würde.“

„Willst du meine Mutter sein? Eine Kindheit im Schatten der Schoah“ ist 2013 im Dresdner Hille-Verlag erschienen. Es kostet zehn Euro und hat 161 Seiten.