Merken

Schöne Europäer

Europas Stier ist tot, Beefsteak Tatar. Alle haben sich ihre Brocken aus den Lenden der einst großen Idee der Schuman, de Gaspari und Adenauer herausgebissen. Jetzt, wo es um die Vollendung der Europa-Idee geht, verziehen sich die Hyänen.

Teilen
Folgen

Von ErichBöhme

Europas Stier ist tot, Beefsteak Tatar. Alle haben sich ihre Brocken aus den Lenden der einst großen Idee der Schuman, de Gaspari und Adenauer herausgebissen. Jetzt, wo es um die Vollendung der Europa-Idee geht, verziehen sich die Hyänen.

Zu beißen gab es genug, solange die EU noch was zu verteilen hatte. Frankreich ließ sich seine Bauern subventionieren, Englands eiserne Lady ließ sich den Beitritt der Insel mit einem großzügigen Rabatt vergolden, selbst die zuzahlende Bundesrepublik ließ sich die Wiedervereinigung honorieren. Alle profitierten vom Euro. Aber jetzt, an der Schwelle zum Übergang zur politischen Union, bleiben die Taschen der Europäer zugenietet. Selbst das aufopferungsvolle Anerbieten der Neuen, angeführt von Polen, auf EU-Geld zu Gunsten der Lebensfähigkeit des politischen Organismus zu verzichten, blieb ohne Echo. Fröhlich vor sich hin pfeifend entschwand Englands Tony Blair auf seine Insel, Frankreichs Chirac verschloss seine Ohren vor dem Werben des kontinentalen Freundes Schröder. Europa ist pleite. Und ausgerechnet Blair, dem der EU-Vorsitz in der zweiten Hälfte dieses Jahres zufällt, soll den Insolvenzverwalter spielen.

Aber nicht nur das, die stolzen Pläne, dem alten Kontinent eine politische Verfassung zu geben mit einer Quasi-Regierung, mehr Rechten fürs Parlament, einer einheitlichen Außenpolitik mit eigenem Außenminister und gar einer einheitlichen europäischen Politik, sind verflogen. Frankreichs und Hollands Bürger haben ein verbindliches Non und Nee zur mühsam ausgehandelten EU-Verfassung gesprochen. Und als ob er nur darauf gewartet hätte, setzte Blair das englische Referendum vorläufig aus. Dänemark, Portugal und Tschechien, bei denen die Verfassung ebenfalls vom Volk angenommen werden muss, folgten.

Bei den Franzosen spielten innenpolitische Gründe die Hauptrolle, sie trauten ihrem ungeliebten Chirac nicht und zahlten es ihm heim. Die Holländer trauen dem Brüsseler Verein nicht – und, wie zu erwarten steht, die Engländer schon gar nicht, die sich nicht einmal von ihrem geliebten Pfund zu Gunsten des Euro hatten trennen wollen. Aufgeschoben sei nicht aufgehoben begütigen die EU-Regierungschefs den Reinfall. „Eine Zeit des Nachdenkens“ nennen sie die Pleite.

Belämmert stehen die Ost- und Balkanländer wie Polen, Ungarn, Tschechien da, die gerade dem Pleitenverein beigetreten sind. Wie soll sich vergrößern, was sich innerlich nicht konsolidieren will? Abgesehen davon, dass ein Beitritt der beitrittswilligen Türkei in den Sternen steht. Diesmal liegt die Bundesrepublik quer, deren derzeitige Anführer Beitrittsverhandlungen mit den Osmanen zwar zugestimmt haben, deren künftige Vertreter unter Angela Merkel aber strikt dagegen sind. Die Verhandlungen sollten unter ihrer Ägide „ergebnisoffen“ geführt werden, sagt sie laut, ebenso laut aber auch, dass die Ergebnisoffenheit nur in einem Nein zum formellen Beitritt bestehen könne. Eher werde man Rumänien und Bulgarien aufnehmen, als den Türken mehr zu gewähren als einen Platz am Katzentisch. „Privilegierte Partnerschaft“ nennen das die Heuchler.

Und sie heucheln weiter, ohne rot zu werden. Nachdem die europäische Milch verschüttet ist, stellt Blair den englischen Rabatt nun plötzlich als „Anomalie“ zur Disposition, verlangt dafür aber den Abbau der Agrarsubventionen, was Chirac nie und nimmer konzedieren wird. Blair und Merkel wollen in Wahrheit zurück zu einer liberalen Wirtschaftsunion, Chirac und Schröder bleiben auf ihren politischen Zukunftsplänen sitzen.

Ihr seid mir schöne Europäer!