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Schöner wohnen mit schrägen Namen

Bauherren werben in Dresden gern mit ausgefallenen Bezeichnungen für ihre Vorhaben. Das vermarktet sich besser.

© Christian Juppe

Von Kay Haufe

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"Genial Sächsisch": Die Erfinder live erleben

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An diesem Namen bleiben die Blicke der Passanten hängen. „Residenz Fürst von Bismarck“ steht in großen Lettern auf der Bautafel an der Ecke Anton-/Erna-Berger-Straße. Da ist der erste deutsche Reichskanzler Namensgeber für ein geplantes Mehrfamilienhaus. Hat der berühmte Preuße eine Beziehung zu diesem Ort in der Neustadt? Kommt hier eine spannende Geschichte ans Tageslicht? Weit gefehlt. Investor Hartmut Issmer aus dem hessischen Erlensee winkt ab. Er habe nur von der Persönlichkeit Bismarcks eine sehr hohe Meinung. Deshalb sei es doch gut, genau sein neuestes Bauprojekt nach dem Politiker zu benennen, sagt der Ingenieur.

Das Werftquartier Übigau ist ein neues kleines Wohngebiet mit über 100 Wohnungen. © René Meinig
Das Palais im Herzogin Garten entpuppt sich als eine Neubauzeile nahe des Zwingers. © Kay Haufe
Drei zusammenhängende Wohnhäuser sind die Lenné-Terrassen nahe des Straßburger Platzes. © René Meinig

Issmer ist mit dieser Herangehensweise nicht der Einzige in Dresden. Man könnte fast von einem Trend sprechen, Neubauten ungewöhnliche Namen zu geben. Ein Blick auf die vielen Bauschilder verrät, dass es sich meist um ganz normale Mehrfamilienhäuser handelt. Doch ihre Bauherren sprechen lieber von Palais, Stadtvillen, Terrassen, Höfen oder gar Quartieren. Die von Issmer gewählte Residenz wird ebenfalls gern genutzt. „Das ist die Tendenz, Bauvorhaben durch eine Namensgebung zu veredeln und aufzuhübschen“, sagt der Präsident der Sächsischen Architektenkammer Alf Furkert. Der Begriff Residenz suggeriere dem Interessenten etwas ganz anderes als das klassische Würfelhaus in Striesen oder Plauen. „Aber am Ende entsteht ja genau dieses Würfelhaus, das durchaus seine Qualitäten haben kann, aber sicher keine Residenz ist“, sagt der Kammerpräsident.

Denn Residenzen sind Amtssitze, in denen früher weltliche oder geistige Herrscher meist auch nur zeitweise wohnten, wie im Dresdner Residenzschloss oder in einer Bischofsresidenz, sagt Architekt Tobias Maisch, der seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Wohnbauten der Fakultät Architektur der TU Dresden ist. „Es ist also eine falsche Begrifflichkeit, die hier für Wohnbauten verwendet wird.“

Maisch sieht es als blanke Vermarktungsstrategie, Neubauten so zu nennen. „Der Investor braucht einen Aufhänger, der beim Interessenten haften bleibt. Da wird etwas Hochwertiges vermittelt, was aber qualitativ nicht immer gedeckt ist“, sagt Maisch. Er sehe dies als Architekt kritisch. „Die Qualität von Bauten ist an anderen Kriterien messbar, als an ihren Namen, die oft nicht mal einen Bezug zur Umgebung oder der Geschichte des Ortes haben“, sagt er. Einen ungewöhnlichen, weil auch noch englischen Begriff hat Rainer Maas für sein Bauvorhaben an der Hepkestraße gewählt. Dort entsteht das Projekt „Pegasus Courtyard“. „Ich habe den Namen gewählt, weil er international bekannt ist und man üblicherweise darunter einen größeren Gebäudekomplex mit einem Innenhof versteht“, sagt der Geschäftsführer des Bauträgers und Hauptgesellschafter der Dachholding Aaron AG aus Wien. Die direkte Übersetzung von Courtyard in Höfe wäre hier falsch gewesen, weil es nur einen großen Innenhof gibt, so Maas weiter. Die meisten seiner Kaufinteressenten hätten mit diesem Begriff sofort etwas anfangen können. Ob sich deswegen ein Projekt besser verkaufen lässt, hält er für unwahrscheinlich.

Dagegen argumentiert Benjamin Grill, der Vorsitzende der Dresdner Kammer des Architektenbundes. „Diese Namen sind für die Hochglanzvermarktung viel besser geeignet als schnöde Adressen“, sagt er. Doch das sei keinesfalls ein Dresdner Problem. „Begonnen hat alles mit Seniorenresidenzen. Man hat ja gleich ein besseres Gefühl, wenn man den älteren Angehörigen in einer Residenz statt in einem Heim unterbringt. Inzwischen hat sich das auch für Wohnbauten durchgesetzt“, sagt Grill. Völlig irreführend sei allerdings die Bezeichnung mit Fürst von Bismarck. „Der Name sollte mindestens einen Bezug zur Umgebung oder zur Historie des Ortes aufweisen. Im Fall des Neustädter Projektes aber hat der Investor etwas völlig aus der Luft gegriffen.“

Sowohl am Ort als auch an der Geschichte hat sich die Columbus Bauprojekte GmbH für das „Werftquartier Übigau“ orientiert, sagt Mitarbeiter Ulf Tittel. „Klar ist der Begriff Quartier eine schöne Verpackung. Aber wir haben sie vor allem gewählt, weil sich der Kunde daran erinnern soll.“ Keiner merke sich Werftstraße 33 bis 70, ist sich Tittel sicher. Einen klaren Bezug zum Ort als auch zu ihrer Ausstattung haben die „Lenné-Terrassen“ am Großen Garten, sagt Anja Grohmann vom Investor Pohl Project. „Die Gebäude besitzen im Erdgeschoss eine Gartenzone sowie Gärten auf den Freiflächen im zweiten Stock sowie in den zwei großen Dachgeschosswohnungen der äußeren Gebäude. Mit der Lage am Großen Garten wollten wir den Grünaspekt betonen.“ Die Stadtverwaltung nimmt keinerlei Einfluss auf die Namensgebung von Wohnbauvorhaben. Sie erfolge allein in Regie des Investors.