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Schon im Mutterleib auf Crystal

Die Zahl der abhängigen Eltern steigt. Auch Schwangere konsumieren die Droge – mit fatalen Folgen.

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© dpa

Von Stefan Lehmann und Jana Ulbrich

Als die Grenzpolizisten den Wagen kontrollieren, der gerade erst die Grenze zwischen Tschechien und Deutschland überquert hatte, finden sie ein Tütchen mit Crystal. Am Steuer sitzt eine junge Frau, daneben ihr wenige Wochen altes Kind. Der anschließende Drogentest bei der Mutter fällt positiv aus. Der beim Kind auch. Der Säugling hatte die Droge regelmäßig noch im Mutterleib und später über die Muttermilch bekommen.

Fälle wie dieser sind auch im Landkreis Meißen bekannt. „Manchmal fällt ein Drogenproblem erst während der Geburt auf“, sagt Andreas Görlitz von der Suchtberatung Riesa-Großenhain. Die Neugeborenen zeigen dann bereits typische Entzugserscheinungen. In diesen Fällen sind es meist Mitarbeiter des Jugendamtes, die eingreifen und die jungen Mütter zu den Beratungsstellen der Diakonie schicken. Schwangere Drogenabhängige seien dabei Einzelfälle, betont Andreas Görlitz. Die Suchtberater in der Region bemerken aber, dass die Zahl suchtkranker Eltern steigt. Die Diakonie Riesa-Großenhain registrierte im Jahr 2015 insgesamt 16 Kinder unter drei Jahren, deren Eltern wegen einer Crystalsucht in Behandlung waren. Weitere zehn seien bei Verwandten oder fremd untergebracht gewesen.

Die Beratungsstelle in Meißen und Radebeul erfasste vergangenes Jahr insgesamt 34 Kleinkinder, die bei crystalabhängigen Eltern oder Elternteilen lebten. Das Thema Schwangerschaft sei dabei eine eher untergeordnete Problematik, sagt die Leiterin der Beratungsstelle Mandy Forst. „Elternschaft ist dagegen ein großes Thema.“ Auch die Familiengerichte haben mittlerweile zunehmend mit Crystalsucht in der Familie zu tun, sagt der Chef des Riesaer Amtsgerichts Herbert Zapf. Ins Detail gehen könne er nicht, weil diese Verhandlungen stets nichtöffentlich seien. Aber Drogen, vor allem Crystal, seien „ein gravierendes Problem“. Das wissen auch die Mitarbeiter des Jugendamtes. „Die Zahl der Eltern oder Elternteile, die Suchtmittel konsumieren, steigt tatsächlich“, heißt es auf Anfrage. Neben Alkohol spiele Crystal hier die Hauptrolle. „Nach unserem Empfinden unterscheiden sich beide Suchtbereiche nur unbedeutend in der Anzahl.“

Für ungeborene Kinder hat der Drogenkonsum besonders fatale Folgen, sagt Amtsärztin Petra Albrecht. „Beispielsweise ist die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt erhöht.“ Auch das Risiko für Fehlbildungen steigt, darüber hinaus sind die Babys unruhig, schreckhaft und gewöhnen sich an keinen Schlafrhythmus. Aber auch das Aufwachsen in einem Haushalt mit Drogenproblemen könne zu Schäden führen, sagt Albrecht. „Crystalabhängige Eltern sind keine zuverlässigen Bezugspersonen“, sagt Albrecht. Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, zeigten Entwicklungsverzögerungen, „vor allem im Bereich der Sprache, aber auch der Motorik“. Häufig entwickelten sie auch an Verhaltensauffälligkeiten, seien unsicher, ängstlich oder litten unter Schlafstörungen. Auch das Selbstwertgefühl der Kinder leide unter diesen Lebensumständen.

Das Dunkelfeld wird kleiner

Das Jugendamt entscheidet in solchen Situationen individuell, wie es verfährt. Im äußersten Fall werden die Kinder aus der Familie herausgenommen. 23 Mal ist das 2015 passiert. „Bei einer Inobhutnahme spielt oftmals nicht nur die Suchtproblematik eine Rolle“, heißt es aus dem Jugendamt. Zeigten sich die Mütter bereit, etwas ändern zu wollen, dann gebe es im Landkreis Meißen auch entsprechende Angebote. Eines davon ist die Eltern-Kind-Wohngruppe der Sozialinitiative Kuschnik in Meißen. Seit einem reichlichen Jahr gibt es das Projekt, in dem junge Mütter wieder an ein normales Leben herangeführt werden sollen. Die meisten kämen nach der Entbindung in das Haus, sagt der Geschäftsführer der Sozialinitiative Ulrich Kuschnik. Dass die Drogenproblematik junger Mütter jetzt in den Fokus rückt, hängt seiner Meinung nach auch damit zusammen, dass das Kinderschutzgesetz verschärft wurde. Krankenhäuser seien nun verpflichtet, eine Drogensucht zu melden. Damit sei das Dunkelfeld kleiner geworden, das Thema ein Stück stärker in die Öffentlichkeit gerückt.

In Sachsen sind voriges Jahr 180 Geburten von abhängigen Schwangeren gezählt worden. Es dürfte aber auch weiterhin eine Dunkelziffer geben. „Die Schwierigkeit ist: Die Abhängigen müssen erst einmal zu uns kommen“, sagt Andreas Görlitz von der Suchtberatung Riesa-Großenhain. Dazu sei es nötig, das eigene Suchtproblem zu erkennen – oder von außen darauf hingewiesen zu werden.