merken

Schornsteinfeger nimmt den Zylinder

Nach 50 Jahren verabschiedet sich Bezirksschornsteinfeger Detleff Richter in den Ruhestand. Aber nicht ganz freiwillig.

Von Nadja Laske

Anzeige
Spannende Idee: Die mobile Fußballschule

Fußballprofi - ein Traum, der immer mit auf den Rasen läuft, wenn die Jüngsten zum Training oder Punktspiel antreten. Aber genügt dafür allein Talent? 

Strahlender Sonnenschein und blauer Himmel – auch Schornsteinfeger haben Glück. Besseres Wetter hätte sich Detleff Richter nicht wünschen können für diesen Tag. In seiner Schmuckuniform steht er vor der Eingangstür des Hauses Hedwigstraße 1 in Pieschen. „Hier habe ich in der ersten Septemberwoche 1968 als Lehrling meinen ersten Schornstein gefegt“, sagt er. Nun ist es der letzte.

Fünfzig Jahre sind vergangen, Jahre, in denen der Bezirksschornsteinfeger als Geselle Berufserfahrungen sammelte, die Meisterschule absolvierte und 1982 seinen ersten Kehrbezirk zugewiesen bekam. „Damals konnte man sich nicht um diesen Posten bewerben wie heute. Da rückte man nach“, sagt er. Richter wurde nach Görlitz geschickt, dort hatte ein Kollege seine Verantwortlichkeit für einen Bezirk aufgegeben. Detleff Richters Haus in Dresden war gerade fertig, doch Kneifen ging nicht. „Da wäre ich ans Ende der Schlange zurückgeschickt worden.“ Also nahm er an und hatte echtes Schornsteinfegerglück: Nach einem Jahr sollte ein Görlitzer Richters heutigen Bezirk übernehmen und war dankbar für den Tausch.

Nun geht Detleff Richter in den Ruhestand und übergibt seinen Bezirk an seinen Nachfolger. Mit 67 Jahren muss er laut Gesetz Platz für einen Jüngeren machen: Kay-Uwe, ebenfalls Richter, aber nicht verwandt, 44 Jahre alt. Zur Feier des Tages sind beide Kinder des Seniors und seine Frau gekommen, außerdem ein Dutzend Berufskollegen, alle in schmucker Montur. So begleiten sie ihn aufs Dach des Hauses. In gewichtiger Mission steigt er 76 steinerne Treppenstufen hinauf, dann die schmale Holzstiege zum Dachboden und über eine Leiter ins Freie. Nach getaner Arbeit greift Detleff Richter seinen Zylinder – und wirft ihn im hohen Bogen ins Himmelsblau.

Zurück zu ebener Erde fehlt nur noch ein Ritual: die Übergabe des Kehrbesens an den Nachfolger, verbunden mit zwei großen Wünschen: keine Unfälle, keinen Rußbrand! „Ich selbst habe das in den 50 Jahren meiner Laufbahn höchstens fünfmal erlebt und bin sehr froh darüber.“ Der Zylinder ist auf dem Bürgersteig gelandet. Seine letzte Kundin hebt ihn auf, klopft ihn ab und will ihn zurückgeben. „Nein danke“, sagt Detleff Richter, „den schenke ich Ihnen“.