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Schützen oder schießen?

Nicht nur nach dem Riss von zwölf Damwild-Kälbern werden wieder Rufe laut, den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen. Alles nur Panikmache?

© Ingo Wagner/dpa

Von Dominique Bielmeier

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33 Frauen und 242 Männer sind unter den frisch gebackenen Meisterabsolventen der Handwerkskammer Dresden und damit Aushängeschild der „Wirtschaftsmacht von nebenan“.

Kein Tier in Sachsen – wie in der ganzen Bundesrepublik – polarisiert zurzeit mehr als der Wolf. Gehäufte Meldungen über Risse, hinter denen er stecken soll, verunsichern Bürger und verärgern Viehhalter. Momentaner Höhepunkt der Meldungen über das Raubtier: Zwölf tote Damwild-Kälber bei der Agrargesellschaft Großdobritz. Chef Jörg Händler ist überzeugt davon, dass diese Wölfen zum Opfer fielen – Pfotenabdrücke und Spuren von wolfstypischen Kehlbissen deuteten darauf hin. Unter den zwei Meter hohen Zäunen haben die Tiere sich leicht durchgraben können. Was sagen Jäger und Wolfsforscher zur aktuellen Situation? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Wolf oder Hund? Allein an den Pfotenabdrücken ist das noch nicht zweifelsfrei zu erkennen. Mehr Auskunft kann dagegen das Gangbild geben: Der Wolf (links) geht meist im sogenannten „geschnürten Trab“ in einer eher geraden Linie.
Wolf oder Hund? Allein an den Pfotenabdrücken ist das noch nicht zweifelsfrei zu erkennen. Mehr Auskunft kann dagegen das Gangbild geben: Der Wolf (links) geht meist im sogenannten „geschnürten Trab“ in einer eher geraden Linie. © SZ-Archiv
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Wie viele Wölfe gibt es in Sachsen und im Landkreis Meißen?

Das ermittelt das Wolfsmonitoring in Sachsen für jedes „Wolfsjahr“. Dieses beginnt am 1. Mai, wenn die Jungen in etwa zur Welt kommen, und endet am 30. April des Folgejahres. Im Monitoringjahr 2016/2017 gab es 14 Rudel und vier Paare in Sachsen. Im Landkreis Meißen leben aktuell vermutlich zwei Rudel (siehe Grafik), im Raschütz und in der Gohrischheide. Nach Osten wird die Verbreitung der Tiere, die auch lange Strecken zurücklegen, deutlich größer.

Warum ist es so schwer, den Wolf als Angreifer zu bestimmen?

In Berichten über gerissene Tiere äußern sich die Behörden meist lange auffallend vorsichtig dazu, welches Raubtier wirklich hinter dem Angriff steckt. Selbst im Fall von Großdobritz, wo vieles auf den Wolf deutet. Zweifelsfrei identifizieren, sagt auch Sophia Liehn vom Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“ in Rietschen, lasse sich der Wolf als Verursacher nur über Genetikproben. Anhand des Rissbildes könne aber festgestellt werden, ob es überhaupt Hinweise gibt, die für einen Wolf als Verursacher sprechen. „Ist das der Fall und waren die Tiere nach den Mindeststandards geschützt, hat der Besitzer Anspruch auf einen finanziellen Schadensausgleich“, sagt Liehn. Dafür ist aber ein eindeutiger Beweis nötig. Und oft kommen zum Beispiel auch große Hunde infrage.

Wie können Tierhalter sich vor Wölfen schützen?

Der hohe Zaun der Agrargesellschaft Großdobritz reichte nicht aus, um die Tiere abzuhalten. „Für Wildgatter im Wolfsgebiet wird grundsätzlich ein Untergrabungsschutz empfohlen und auch gefördert, da die Erfahrung gezeigt hat, dass Wölfe nicht-elektrische Zäune sonst leicht untergraben können“, sagt Sophia Liehn vom Kontaktbüro. Tierhalter können sich dazu von den Herdenschutzbeauftragten vor Ort beraten lassen. Zwölf Hektar, wie im Fall von Großdobritz, auf diese Art einzuzäunen, davor dürften viele Betriebe aber zurückschrecken. Für Jörg Händler käme ein Elektrozaun nicht infrage, weil sich seine Tiere darin verhaken könnten.

Warum greifen Wölfe immer wieder Tiere in Gefangenschaft an?

Eigentlich sollten Wölfe in ihren Gebieten genug Nahrung finden, nimmt doch allein das Schwarzwild momentan überhand. Doch der Fleischfresser ist auch faul und sucht immer den Weg des geringsten Widerstands. „Kleinere Nutztiere, wie Schafe und Ziegen, welche nicht ausreichend geschützt sind, stellen eine leichtere Beute für den Wolf dar als Wildtiere“, sagt Liehn. Und wenn Wölfe die Wahl haben zwischen wehrhaften Wildschweinen und Schafen, werden sie sich für die leichtere Beute entscheiden.

Wer will den Wolf abschießen und wie wahrscheinlich ist das?

In einem Schreiben an den Sächsischen Landtag, die sogenannte „Bautzener Erklärung“, bezeichnen der Landesjagdverband Sachsen, die Freie Jägerschaft Wittichenau, der Verein Sicherheit und Artenschutz aus Großdubrau sowie die „Initiative Wolfgeschädigter und besorgte Bürger“ aus Kamenz das deutsche Wolfsmanagement als gescheitert. Die Zahl der Wölfe, besonders in Sachsen, sei zu hoch, die Gefahren durch Wolf-Haushund-Hybriden und eingeschleppte Krankheiten würden verschwiegen. Sie fordern, das Tier bundesweit in das Jagdrecht aufzunehmen und so seine Population zu begrenzen. Am Freitagmorgen debattierte der Deutsche Bundestag verschiedene Anträge zum Wolf. So fordert die FDP-Fraktion das Abschießen des Tieres, die Grünen wollen es umfassend schützen. Die AfD will die Bedingungen für die Einstufung eines Einzelwolfs oder Rudels als „problematisch“ absenken, Die Linke fordert einen bundeseinheitlichen Rechtsanspruch auf Unterstützung für Herdenschutzmaßnahmen und den Ausgleich von Schäden durch Wolfsübergriffe. Der Bundestag überwies die Vorlagen im Anschluss an die Debatte zur federführenden Beratung an den Umweltausschuss.

Welche Gefahr besteht für den Menschen?

Angriffe auf den Menschen sind in Europa und Nordamerika extrem selten. Diese geschähen nur unter besonderen Umständen, erklärt das Wolfsbüro in einem Flyer: Wenn der Wolf an Tollwut erkrankt sei – seit 2008 ist Deutschland tollwutfrei – und wenn er in die Enge getrieben oder angefüttert wird. Bei der Begegnung empfehlen die Wolfsforscher, sich bemerkbar zu machen und langsam zurückzugehen. „Sie können dabei reden, rufen oder in die Hände klatschen. Rennen Sie nicht! Falls der Wolf Ihnen wider Erwarten folgt, bleiben Sie stehen und schreien Sie ihn an.“ Man solle versuchen, sich groß zu machen und eventuell etwas nach dem Tier werfen. „Gehen Sie eher auf das Tier zu, als von ihm weg.“ Sichtungen sollten auf jeden Fall gemeldet werden, entweder an die Landesämter, an das Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung oder das Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz“.