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Schult erst mal die Lehrer! Ein Zwischenruf.

© 123rf.com

Damit das Geld aus dem Digitalpakt nicht verpufft, braucht es Lehrkräfte, die mit Tablet, VR-Brille & Co. umzugehen wissen. Ein Gastbeitrag vom Chef der Telekom-Stiftung.

Von Ekkehard Winter

Ganz ehrlich, wer würde auf die Idee kommen, jemandem zu Weihnachten ein Surfbrett zu schenken, der gar nicht schwimmen kann? Einem Vegetarier eine Einladung ins Steakhaus? Oder einem Dynamo-Fan den Wandkalender 2019 von Union Berlin? Wohl niemand. Doch das Gute an solch unliebsamen Geschenken ist ja, dass man sie nach den Feiertagen einfach umtauschen oder bei der nächsten Firmen-Weihnachtsfeier zum Wichteln benutzen kann.

Die Lehrerinnen und Lehrer in unserem Land haben es da schwerer. Die erwarten derzeit nämlich ein Präsent aus Berlin, das sich nicht ohne Weiteres zurück ins Geschäft bringen oder weiterverschenken lässt. Fünf Milliarden Euro will Bundesbildungsministerin Anja Karliczek an die Schulen verteilen, damit diese sich Breitbandanbindung und Wlan-Ausleuchtung leisten können. Der Plan, der noch von Karliczeks Amtsvorgängerin Johanna Wanka stammt, ist sinnvoll – schließlich verändert die Digitalisierung sämtliche unserer Lebensbereiche, macht also vor der Bildung nicht halt. Und doch birgt der sogenannte Digitalpakt eine Gefahr: Nicht auszuschließen, dass all die schönen neuen Tablet-Rechner, interaktiven Boards, Dokumentenkameras und VR-Brillen, die angeschafft werden müssen, um die neuen Möglichkeiten auch nutzen zu können, schon nach kurzer Zeit wieder in den Schränken der Klassenzimmer oder unter einer dicken Tafelkreide-Staubschicht verschwinden werden.

Glaubt man nämlich den wichtigsten Studien zum Thema, dann misstrauen die Lehrkräfte digitalen Medien im Unterricht und sind von deren positiven Auswirkungen auf den Lernprozess nicht überzeugt. Nur ein kleiner Teil nutzt sie überhaupt schon. Selbst die Jüngeren, die im Alltag von einer Smartphone-App zur nächsten navigieren, haben Vorbehalte gegenüber Handys im Unterricht und sehen in ihnen eher eine Ablenkung für ihre Schüler als ein sinnvolles Recherche- und Arbeitsgerät. Bloß, warum diese Ressentiments? Aus meiner Sicht ist der Befund eindeutig: Weil die digitalen Hilfsmittel in der Lehrerausbildung bislang kaum ein Thema waren.

Ein starkes Signal

Noch heute stehen, wie der letzte „Monitor Lehrerbildung“ zeigt, entsprechende Inhalte im Lehramtsstudium längst nicht an jeder Universität auf dem Programm. Und wenn, dann sind sie meist nicht verpflichtend. Wer das Digitale später in der Schule einsetzen will, ist deshalb häufig auf sich alleine und seine Anwendungskompetenz gestellt. Allerdings ist es eine Sache, ob ich als Lehrer IT-affin bin und mir in meiner Freizeit recht schnell den Umgang mit neuen Geräten aneignen kann. Es ist aber eine ganz andere Sache, ob ich speziell dafür ausgebildet worden bin, diese Technik pädagogisch-didaktisch zu nutzen.

Deshalb ist es gut und richtig, dass die Bundesregierung die Mittel aus dem Digitalpakt an die Zusage der Bundesländer geknüpft hat, die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte entsprechend zu reformieren. Und es ist ein starkes Signal, dass Bund und Länder in ihrer gemeinsamen „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ eine zusätzliche Förderrunde speziell für digitale Konzepte gestartet haben. Wenngleich die Mittel dafür sehr bescheiden ausfallen. Auch wir als Telekom-Stiftung werden das Thema weiter stressen: Seit diesem Herbst arbeiten mit unserer Unterstützung fünf Universitäten gemeinsam an neuen Ideen für guten mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen Unterricht in der digitalen Welt. Und der braucht mehr als nur den Einsatz von Tablets und Smartphones.

Ich bin mir sicher, dass es durch diese konzertierten Anstrengungen gelingen kann, unseren Lehrerinnen und Lehrern den Berufsalltag spürbar zu erleichtern. Denn die ächzen ja nachvollziehbarerweise unter den vielen neuen Herausforderungen, die ihnen inzwischen aufgebürdet werden – seien es Inklusion, Integration oder individuelle Förderung. Was wir ihnen deshalb klarmachen müssen: Digitale Medien stellen in dieser Flut nicht etwa eine weitere Aufgabe dar, der sie sich mühevoll widmen müssen, sondern vielmehr ein hilfreiches Instrument, um all die genannten Aufgaben künftig besser bewältigen zu können. Wer als Lehrer in seiner heterogenen Klasse ernsthaft personalisiertes Lernen ermöglichen will, wer Kinder mit Handicap inkludieren, geflüchtete Schüler aus Syrien und Somalia integrieren möchte, der braucht, um all dies organisieren zu können, zwingend die Hilfsmittel der digitalen Welt. Hilfsmittel, wie es sie heute schon gibt.

„Pädagogik vor Technik“

An der Technischen Universität Kaiserslautern zum Beispiel haben sie zuletzt ein antizipierendes digitales Physikschulbuch entwickelt. Im Unterschied zum papiernen Schulbuch können dessen Inhalte nicht nur laufend aktualisiert und um Audio- und Video-Dateien sowie interaktive Schaubilder ergänzt werden. Das Medium verfügt zudem über eine Vielzahl von Sensoren, die unter anderem die Augenbewegungen der Schüler analysieren. So erkennt die Technik blitzschnell Verständnisprobleme, Über- oder auch Unterforderung und kann die Diagnose an den Lehrer zurückmelden. Wie der adäquat darauf reagiert, das lernen die Studierenden in Kaiserslautern von Beginn an.

Doch selbst, wenn es überall so wie dort wäre, bleibt ein Problem bestehen: Wie gelingt es uns, auch diejenigen Lehrkräfte „mitzunehmen“, die schon seit Jahrzehnten im Berufsleben stehen und sich vielleicht schwer mit der Umstellung tun? Diese Pädagogen verdienen unsere besondere Unterstützung. Nicht nur müssen wir ihnen kontinuierliche Fortbildungen zum Thema ermöglichen. Genauso wichtig wird es sein, sie im Schulalltag administrativ zu entlasten: etwa durch die Einstellung von „IT-Hausmeistern“, die dafür sorgen, dass die digitale Technik auch funktioniert, wenn sie sie brauchen.

Ein letzter Punkt: Selbstverständlich muss das Digitale nicht immer die beste aller Optionen sein. Hier gilt die Maxime „Pädagogik vor Technik“. Gibt es in einer Unterrichtssituation gute Gründe für die Kreidetafel, dann spricht nichts dagegen, sie auch zu nutzen. Schließlich geht es nicht darum, die Bildung zwingend digitaler zu gestalten, sondern darum, Bildungsprozesse mithilfe der digitalen Möglichkeiten zu optimieren.

Wer das versteht, begegnet dem Thema künftig sicher entspannter. Und kann die Ausstattungsmittel aus dem Digitalpakt vielleicht sogar als das wahrnehmen, was sie tatsächlich sind: ein Geschenk.

Dr. Ekkehard Winter, geboren 1958 in Lüdenscheid, ist Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung. Er studierte Biologie an der Universität Köln. Die gemeinnützige Telekom Stiftung fördert unter anderem digitale Bildung.